„Anfangs ist es mir sehr schwer gefallen mit den Leuten klarzukommen.“

Zoran Nowack ist kroatischer Herkunft und kam bereits in jungen Jahren nach Deutschland. Seit drei Jahren lebt und studiert er in Nürnberg. Im Interview berichtet er von seinen Erfahrungen und was ihm an Deutschland gefällt.

Welche Erfahrungen hast du gemacht, als du nach Deutschland gekommen bist? 

Zoran Nowack: Anfangs ist es mir sehr schwergefallen, mit den Leuten klarzukommen. Das Dorf, in dem wir zu der Zeit gelebt haben, bestand aus einer eingefleischten Gemeinde, die noch wenig Kontakt zu Ausländern hatte. Die Sprachbarriere hat das sicher weiter verstärkt. Ich habe ungefähr ein Jahr gebraucht, bis ich die Sprache soweit beherrschen konnte, um die Schule zu besuchen.

Wie hast du die Sprache gelernt?

Nowack: Hauptsächlich über Cartoons und indem ich anderen Menschen zugehört habe. Mit meiner Mutter habe ich viel Kroatisch geredet, aber die Kommunikation mit meinem Stiefvater lief auf Deutsch ab.

Und wie ging dein Weg danach weiter?

Nowack: Während der Schule habe ich manchmal auf dem Bau oder in einem Paketzentrum gearbeitet. Dafür braucht man aber kaum Qualifikationen. Danach wollte ich auf der Fachoberschule mein Abitur nachholen. Das war aber zu dem Zeitpunkt nicht das Richtige für mich, also wollte ich eine Ausbildung machen. Der Betrieb hat aber verlangt, dass ich meinen Grundwehrdienst vor der Ausbildung mache, da der Bund Anwärter mit einer Ausbildung insofern belohnt, dass diese in einer höheren Besoldung einsteigen. Dadurch haben die Betriebe viele Gesellen verloren.

Wieso musstest du den Grundwehrdienst ableisten und was passierte danach?

Zoran Nowack als Soldat (2008) Foto: Tim Rakisits.

Nowack: Als ich zehn Jahre alt war, hat meine Mutter meine kroatische Staatsbürgerschaft ablegen lassen und dafür gesorgt, dass ich die deutsche Staatsbürgerschaft erhalte, wofür ich ihr bis heute dankbar bin. Beim Bund hat es mir dann so gut gefallen, dass ich mich für zehn Jahre verpflichtet habe, mit der Prämisse, dort eine Ausbildung zu erhalten. Bei DHL in Karlsruhe wurde ich dann über zwei Jahre zum Speditionskaufmann ausgebildet. Mir ist aber klar geworden, dass ich diesen Beruf nicht mein Leben lang machen möchte. Man steht einfach unter permanentem Stress und das bei zu niedriger Bezahlung. Die Tendenz geht auch in die Richtung, dass es nicht viel besser wird. Nach sechs Jahren habe ich einen Meistertitel erworben und damit konnte ich dann ein Studium beginnen.

Hast du dich zu deiner Zeit als Soldat als Deutscher gefühlt, oder war das merkwürdig mit der Flagge auf dem Arm?

Nowack: Also natürlich war da noch eine gewisse Zugehörigkeit zu Kroatien, aber ich hatte jetzt nicht das Gefühl eines Ausländers in Verkleidung. Das war mir schon sehr wichtig. Und da jederzeit die Möglichkeit bestand ins Ausland versetzt zu werden, war es mir wichtig, dass die ausgerufenen Werte auch zu meinen (Werten) passen. Und auch von meinen Kameraden habe ich mich komplett akzeptiert gefühlt. Alles andere hätte auch keinen Sinn ergeben.

Bist du denn auch öfters in Kroatien?

Nowack: Ja, mehrmals im Jahr. In der Schulzeit wegen der Ferien natürlich öfter als jetzt im Studium (lacht). Aber da fast alle meiner Verwandten und Freunde mittlerweile ausgewandert sind, trifft man sich auch an anderen Orten. Ich kenne sehr viele Leute, die dort weg wollten und jetzt in Deutschland, Irland, oder Südafrika leben. In gewisser Weise hat sich so auch ein Netzwerk gebildet.

Was denkst du, woran das liegt?

Nowack: Viele junge Menschen sehen dort kaum Aufstiegsmöglichkeiten. Es gibt viel Korruption und Vetternwirtschaft. In einige Betriebe kommst du nur, wenn du jemanden kennst. Die Qualifikation ist da eher zweitrangig. Dass das langfristig nicht gut für eine Wirtschaft ist, ist eh klar. Hier in Deutschland hat man das Gefühl, wenn irgendwelche Mechanismen nicht richtig funktionieren, sei es in der Arbeit oder Politik, dass man das klären und mit Diskussionen einen Konsens finden kann.

Zoran (links) mit seinem Bruder Andreas in Wetzlar. Dezember 1994. Foto: Tim Rakisits.

Was sind deiner Meinung nach die größten Unterschiede in der Mentalität von Deutschen und Kroaten?

Nowack: Ich würde behaupten, dass die Deutschen wesentlich fleißiger und weitsichtiger sind. Die Kroaten sind ein wenig lockerer. Manche lieben das Leben zu sehr, planen nicht langfristig, gehen lieber in die Kneipe statt zu arbeiten. Natürlich nicht alle, aber meiner Meinung nach zu viele.

Wir hatten im letzten Jahr eine große Debatte über eine deutsche Leitkultur und welche Werte darin vorkommen sollen. Was ist deiner Meinung nach typisch Deutsch?

Nowack: Die Pünktlichkeit, der Fleiß und die Weitsichtigkeit. Dass man wichtige Dinge rechtzeitig plant und organisiert. Was mir auch sehr gut gefällt, ist das Gefühl der Sicherheit. Man kann fast überall zu jeder Zeit frei herumlaufen, ohne ständig Angst haben zu müssen überfallen zu werden. Und das ohne überall bewaffnete Beamte zu sehen. Diese Sicherheit ist auch in den Köpfen der Leute verankert. Natürlich bekomme ich auch viele Vorurteile mit, wie, dass die Deutschen keinen Spaß verstehen würden. Ich sehe das eher so: Deutschland ist mittlerweile sowohl wirtschaftlich als auch ethisch/moralisch ein Vorbild für viele Länder, weil hier zuerst geplant und dann Spaß gehabt wird. Und dass Deutsche auch feiern können, weiß jeder der auf einem Volksfest war.

Jetzt studierst du Informatik, was hast du nach deinem Studium vor?

Nowack: Reisen. Ich habe, seitdem ich in Deutschland bin, in jedem Bundesland mindestens drei Monate gelebt. Dadurch konnte ich viele andere Menschen, Denkweisen und Mentalitäten kennenlernen. Und das hat mich enorm weitergebracht. Du kannst dich nur weiter entwickeln, wenn du neue Erfahrungen machst und andere Grenzwerte kennenlernst. Egal ob moralisch, gesetzlich oder kulturell. Und das macht einen zu einem reiferen Menschen. Durch das Internet und speziell in der IT-Branche hat man die Möglichkeit, an nahezu jedem Ort der Welt zu arbeiten. Später möchte ich mich selbstständig machen. Ein deutscher Bachelor oder Master Abschluss bietet einem im internationalen Vergleich gute Voraussetzungen.

Wenn dich jemand aus Südamerika oder Asien fragt, woher du kommst, was antwortest du ihm?

Nowack: Früher hätte ich definitiv Kroatien gesagt. Spätestens seit der Bundeswehr sehe ich mich aber als Deutscher. Im letzten Jahr hatte ich noch mehr mit Menschen von anderen Kontinenten zu tun, sodass ich mich mittlerweile eher als Europäer bezeichnen würde.

Das Interview führte Tim Rakisits

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