Auf dem Land ist die Digitalisierung los

Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt, weil die mangelnde digitale Vernetzung auf dem Land ihren Bedürfnissen nicht mehr gerecht wird. „Wo‘s schön ist, gibt’s keine Angebote, und wo‘s scheiße ist, will ich nicht wohnen“, sagt Steffen Hess mit leichtem Zynismus in der Stimme.

Die Abwanderung, auch Landflucht genannt, beweist, dass Menschen sich nach mehr Anbindung an Supermärkte, Ärzte oder Freizeitmöglichkeiten sehnen. Die Bewohner der Metropolen haben sich an die Vorzüge gewöhnt, dass alles immer schnell erreichbar ist. Diese Urbanisierung hat den Bayerischen Ministerrat veranlasst, Lösungen zu finden. Das durch Fördergelder unterstützte Projekt „Digitales Dorf“ setzt sich mit diesem Trend auseinander. Ziel ist es dabei, das Leben in kleinen Gemeinden für Jung und Alt wieder attraktiv zu machen. Auf der Nürnberg Web Week 2017 stellt Steffen Hess vom Fraunhofer-Institut die neue Idee vor.

Gemeinden im Wettbewerb

 

Interaktive Lösungsfindung. Foto: Johanna Michel

Das Projekt „Digitales Dorf“ steht nicht nur für die digitale Vernetzung. Es soll der Bevölkerung die Digitalisierung näherbringen und sie in ihr Leben einbinden. Die Infrastruktur in den Kommunen soll moderner werden und lange Verkehrswege und Zeitaufwand minimieren. „Es geht um die Attraktivität einer Region. Wenn man die Bevölkerung animieren kann, mitzuziehen und umzudenken, ist ein digitaler Umschwung auch gut für die wirtschaftliche Lage einer Gemeinde“, meint Steffen Hess. Das Projekt wurde mit einem Wettbewerb gestartet, bei dem sich bayerische Kommune mit eigenen Konzepten für ein digitalisiertes Leben bewerben konnten. Vor allem jene mit ungenutztem Gewerberaum können profitieren, zum Beispiel indem sie neue Arbeitsplätze schaffen. Unterstützt werden die Gemeinden bei der Umsetzung vom Fraunhofer-Institut und der Technischen Hochschule Deggendorf.

Der digitale Marktplatz als Innovation

 

Steffen Hess und Anne Blawert. Foto: Johanna Michel

Mit Digitalisierung ist aber nicht nur die schnellste Internetverbindung gemeint. „Das Breitbandinternet war die Voraussetzung für die Teilnahme an dem Wettbewerb“, erklärt Martin Schmid, Geschäftsführer des Verbandes Steinwald Allianz im Landkreis Tirschenreuth. Die Allianz ist in der Region Nordbayern Gewinner des Contests und hat sich in ihrem Bewerbungskonzept „Mobiler Bauernmarkt“ speziell auf medizinische Versorgung und Anbindung an Fachmärkte und Lebensmittelgeschäfte konzentriert. Die Umsetzung eines digitalen Markplatzes als Testmodell beginnt im März nächsten Jahres. Im alten Dorfladen sollen Waren gelagert, können dort bestellt werden und werden direkt nach Hause geliefert. Bei einem Treffen von Fraunhofer und dem Zweckverband aus der „Spinnerei“, wie es Martin Schmid betitelt, ist ein grober Entwurf zur Verwirklichung dieser Idee entstanden.

 

Das Fraunhofer-Institut hat auf der Nürnberg Web Week 2017 das Projekt „Digitales Dorf“ aus Bayern vorgestellt, um zu zeigen, was die Digitalisierung für ländliche Regionen bedeuten kann. In neun Themenfeldern konnten die Besucher selbst in die Rolle des Erfinders schlüpfen und Lösungsideen sammeln. „Nicht oft sind solche Brainstormings so erfolgreich, wie dieses Jahr auf der Web Week“, sagt Steffen Hess, packt die Notizzettel ein und nimmt sie mit zum nächsten Treffen der Kooperationspartner.

 

Interview: Das Fraunhofer-Institut als Allrounder

Steffen Hess im Interview. Foto: Johanna Michel

Das Fraunhofer SCS Institut in Bayern leitet mit dem Partner Fraunhofer IESE die Umsetzung des Projekts „Mobiler Bauernmarkt“ der nordbayerischen Gewinner „Steinwald Allianz“. Im Interview erklärt Projektleiter Steffen Hess die Rolle der Fraunhofer-Gruppen und die Herausforderungen in der Zukunft.

Was reizt das Fraunhofer-Institut an diesem Projekt?

Das Wirtschaftsminiterium in Bayern ist auf ein Pilotprojekt in Rheinland-Pfalz aufmerksam geworden und hat uns gebeten zu erklären, wie das funktioniert. Und da kam die Idee auf, das auch in Bayern zu machen. Wir wollten das mit bayrischen Partnern machen, darunter auch das Fraunhofer-Institut in Bayern. Wir im Fraunhofer IESE haben schon ein Programm, das sich „Smart Rural Areas“ nennt und sich mit der Digitalisierung im ländlichen Raum beschäftigt. Fraunhofer IIS und SCS geht auch immer mehr in den ländlichen Raum, vor allem im Bereich Logistik. Diese beiden Bereiche haben wir in diesem Projekt verknüpft.

Arbeiten Sie zusammen mit anderen Projekten, zum Beispiel dem von Fraunhofer unterstützten Projekt „Digitale Dörfer“ in Rheinland-Pfalz?

Ich bin mit dem Rheinland-Pfalz-Projektleiter gut vernetzt. Aber dort werden andere Themengebiete wie in der Steinwald-Allianz bearbeitet. Technisch gesehen bauen wir aber auf das Projekt „Digitale Dörfer“ auf. Wir fangen also nicht von neuem an.

Was sehen Sie als größte Hürde für die Gewinnergemeinden?

Es gibt immer Risiken bei so einem Projekt. Die Herausforderung ist bei der Steinwald Allianz der logistische Aufwand des Lieferfahrzeugs. Der Bestandsverkauf in Form der Kopplung von Onlinebestellung und Mitnahme im Laden ist sehr komplex. Auf der anderen Seite sind natürlich die Menschen vor Ort eine  große Herausforderung. Ich muss Ihnen das ein Stück weit schmackhaft zu machen. Wir brauchen sie, um das Projekt durchzuführen. Das ist insofern schwierig, weil die Leute sich heute dort schon mit dem Zustand arrangiert haben. Bei mir ist das um Beispiel auch so: Meine Mutter fährt jeden Freitag zu meiner Oma und geht mit ihr einkaufen. Meine Oma hätte prinzipiell einen Riesenbedarf an so einem System, aber sie geht gewohnheitsmäßig freitags mit meiner Mutter einkaufen.

Wie viel Einfluss kommt aus der Politik?

Es gibt einen regelmäßigen starken Austausch mit dem Wirtschaftsministerium. Die Berichte werden in einem Treffen aller Ressorts veröffentlicht. Hier ist es schön, dass alle anderen Ressorts von dem Projekt wissen und ihre Ideen einfließen können. Die politische Seite ist also ein gesunder Partner. Sie kontrolliert nicht, aber sie ist schon dabei.

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