Autoscooter: die E-Autos der Vergangenheit

Elektroautos gab es schon vor 90 Jahren. Die Elektromobilität steht spätestens seit dem Diesel-Skandal im Fokus vieler Autohersteller. Unternehmen wie Tesla, Nissan und BMW konkurrieren mit ihren jeweiligen Modellen um die Vorherrschaft auf dem internationalen E-Auto-Markt.

Dabei ist die Technik, die diesen Fahrzeugen zugrunde liegt, keineswegs neu: Auf dem Nürnberger Volksfest können Besucher in Autoscootern die Vorfahren solcher Fahrzeuge schon seit Jahrzehnten austesten.

Bunte Lichter blinken rhythmisch in allen möglichen Farben, wechseln sich ab von blau zu rot, zu gelb, zu grün. Die Menschen stehen am Rand der Anlage, sehen nur zu oder machen Fotos, andere wiederum stehen Schlange und warten ungeduldig, bis sie endlich ihr Ticket lösen können und selbst mal fahren dürfen. Ein lautes Knallen durchbricht die laute Jahrmarktmusik aus den Lautsprechern. Zwei Fahrzeuge sind mit Vollgas gegeneinander gekracht. Aber niemand erschrickt, niemand ist verletzt. Die Leute lachen, drehen hektisch das Lenkrad in die andere Richtung und geben Vollgas. „Ein Auto wiegt ungefähr 200 Kilo, davon 70 Kilo der Motor. Es muss so schwer sein, sonst würde es beim Zusammenstoß rumhüpfen oder hochspringen. Diese Autos sind 17 Jahre alt und man sieht keine Macken in der Polyesterschale“, sagt Johannes Braun, Inhaber und Betreiber des Autoscooter Braun.

Der Strom fließt vom oberseitigen Netz über die Antenne in das Fahrzeug und hinunter in den Boden. Foto: Marcello Soldani

Autoscooter gibt es schon seit über 90 Jahren in Deutschland und sie sind noch heute auf fast jedem Jahrmarkt eine beliebte Attraktion. Dass Autoscooter zu den ersten Fahrzeugen mit Elektromotor gehören, ist aber wenigen bewusst. Das in der Regel dreirädrige Fahrzeug wird von einem sogenannten Außenläufermotor angetrieben, der gleichzeitig das Vorderrad bildet. Am Fahrzeugheck berührt eine knapp drei Meter hohe Antenne das über die Fahrfläche gespannte Stromnetz. Ähnlich wie bei Straßenbahnen fungiert dieses Netz als Oberleitung, die den Motor mit rund 90 Volt speist. Zum Vergleich: Die in Deutschland zulässige maximale Berührungsspannung, also die Spannung, bei der Menschen unbeschadet mit einem Stromschlag davonkommen, liegt bei 50 Volt. Bei so viel Strom darf an der Sicherheit nicht gespart werden.

„Die Autos müssen jeden Tag gewartet werden. Das müssen wir auch dokumentieren. Dazu werden sie alle drei Tage einmal umgedreht und saubergemacht, damit unten ein sauberer Kontakt zum Boden besteht“, erklärt Johannes Braun. Da die Bodenplatte oftmals mit Graphit beschichtet ist, um Reibung zu vermeiden, müssen die unterseitigen Schleifkontakte mithilfe einer Bürste von Rückständen entfernt werden.

Eine besondere Ausbildung für die Wartung gibt es allerdings nicht. „Das muss ein Schausteller können. Die Autos kommen aus Frankreich; sie immer zum Hersteller zu fahren und zu warten, ist unmöglich. Das lernt man alles von seinem Vater, da wird man reingeboren. Ob Schweißen oder Bauen, wir machen alles selbst, selbst das Lackieren der Fahrzeuge“, erzählt der Schausteller.

Wenn Besucher mit dem Autoscooter fahren, scheint auf den ersten Blick alles automatisch vonstatten zu gehen. An einer Seite des Fahrgeschäfts sitzt der Betreiber an seiner Kasse. Durch ein kleines Fenster bezahlen Kunden den Fahrpreis, erhalten dafür im Gegenzug einen Plastikchip und machen sich auf die Suche nach einem freien Scooter. Tatsächlich hat der Kassierer aber auch die volle Kontrolle über die gesamte Anlage. Lichtsteuerung, Musikanlage, Gleichrichtanlage, all das hat der Schausteller hinter dem Schalter im Griff. Über einen Drehregler bestimmt der Kontrolleur, wie viel Strom der Gleichrichter in das Netz speist.

„Alle Autos fahren eigentlich gleich schnell, bei Vollgas zwischen 15 und 20 Km/h. Wenn Familien mit kleinen Kindern kommen, fahren wir langsamer, mit 75 bis 80 Volt. In der Gleichrichteranlage arbeiten zwei große Schütze von Siemens.“ Ein Schaltschütz ist ein Schalter, der elektromagnetisch betätigt werden kann und bei Anlagen mit hoher elektrischer Leistung zum Einsatz kommt. „Der eine Schaltschütz polt das Netz Plus und den Boden Minus, sobald die Fahrt losgeht. Wir haben eine Fahrzeituhr; wenn nach drei Minuten die Fahrt aus ist, springt der andere Schütz an und dann wechselt einmal kurz Plus und Minus, auf dass der Chip im Fahrzeug ausfällt.“ Damit der Strom überhaupt erst in das Fahrzeug fließt, muss allerdings der Stromkreis über einen Schleifkontakt auf der Fahrzeugunterseite mit der Stahlfläche, die als Boden des Fahrgeschäfts dient, geschlossen werden.

Fahrzeuge mit Batteriespeicher, wie sie bei modernen E-Autos eingebaut sind, rentieren sich nicht für Fahrgeschäfte dieser Größe, da die ständige Nutzung ein ebenso häufiges Aufladen erfordern würde. Schätzungen zufolge macht allein die Batterie circa 42,25 Prozent des Gesamtpreises eines Tesla Model S aus. Außerdem haben solche Fahrzeuge eine hohe Aufladezeit. Das heißt aber nicht, dass es solche Autoscooter nicht gibt. Auf Kreuzfahrtschiffen von Royal Carribean kommen batteriebetriebene Autoscooter zum Einsatz, da die auf den Schiffen genutzten Flächen multifunktional sein müssen und der Einbau eines flächenintensiven Stromnetzes nicht möglich ist.

Autoscooter Braun auf dem Nürnberger Volksfest Foto: Marcello Soldani

Wenn die Fahrgäste mit vollem Tempo und lautem Knallen gegeneinander donnern, ist den meisten Besuchern vermutlich egal, wie die Autoscooter angetrieben werden. Das Wichtigste ist der Fahrspaß und für diesen sorgt die langjährige Erfahrung der Schausteller. „Ich habe das Geschäft vor drei Jahren von meinem Vater übernommen, aber selbst mache ich diesen Beruf seitdem ich 18 Jahre alt bin”, erzählt der heute 38-Jährige. „Für mich war es schon immer klar, dass ich Schausteller werden will.”

 

 

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