Back To The Seventies

Durch sogenannte Multispektralbrillen soll im „New Psychedelic“, einem 80 Meter langen Parcours auf dem Nürnberger Volksfest, die Wahrnehmung der Hippies der Siebziger nachempfunden werden.

Laute Musik, blinkende Lichter, der Geruch von fettigem Essen in der Luft und eine wirre Menschenmenge. Essensstände, Fahrgeschäfte, Schießbuden, Bierzelte und Süßigkeitenstände mit Lebkuchenherzen, soweit das Auge reicht. Mittendrin steht das Fahrgeschäft beziehungsweise der Parcours New Psychedelic. Er hebt sich mit seinen Dekorationselementen im Flower-Power-Stil der 70er Jahre und Musik von ABBA und Co. deutlich von der Masse der übrigen Fahrgeschäfte ab. Ein Textbanner an der Außenseite des Kartenverkaufshäuschens verspricht „einen 80 Meter langen Parcours, der Sie durch die schrillen siebziger Jahre führt“. Mithilfe einer Spezialbrille soll „die damalige Wahrnehmung der Hippies“ simuliert werden. Was ist das für eine Brille?
Wir sprechen mit Susanne Bechstedt, Betreiberin des New Psychedelic. Sie gibt uns eine Pappbrille mit buntem Aufdruck passend zur Außenfassade des Fahrgeschäfts. Sie erklärt, dass es sich dabei um eine Multispektralbrille handelt und die Folien mit ganz vielen horizontalen und vertikalen Einkerbungen versehen sind. Genaugenommen sind es mehrere hundert Linien pro Millimeter, die ein Optisches Gitter ergeben.
Dann also nichts wie los, Brillen aufsetzen und rein in den Parcours! Durch einen Vorhang gelangen wir in einen hellen Tunnel mit unzähligen, in allen möglichen Farben blinkenden Lichtern und durchsichtigen Röhren, die von der Decke hängen. Tausende bunte Lichtpunkte schwirren um uns herum durch den Raum. Spiegel an den Wänden verstärken den Effekt. Wir wissen gar nicht, wie uns geschieht und wohin wir laufen sollen, weil einfach alles in der Umgebung wild durcheinander blinkt und leuchtet. So scheint es zumindest.

Nur bunte Lämpchen

Im Parcours  Foto: Tabea Kraus

Nimmt man die Brille kurz ab, verschwindet das wilde Blinken und Leuchten und es sind nur noch ein paar kleine, unspektakuläre, bunte Lämpchen an den durchsichtigen Röhren zu sehen. Aber wie können diese dünnen Folien mit den Einkerbungen so einen großen optischen Unterschied machen und einen solchen Effekt erzeugen?
Tatsächlich ist es so, dass Licht aus unzähligen Lichtwellen aus verschiedenen Wellenlängen besteht. Jede dieser Wellenlängen entspricht einer bestimmten Farbe aus dem Regenbogenspektrum. Die größte Welle entspricht rotem Licht, worauf in abnehmender Reihenfolge die Farben Gelb, Grün, Blau und Violett folgen. Die Multispektralbrille offenbart durch das Optische Gitter die einzelnen Farben der Lichtquellen, indem die Linien das Licht in alle Richtungen streuen. Die gestreuten Lichtquellen überlagern sich und werden dabei entweder verstärkt oder zerstört.
Vorbei an den durchsichtigen Röhren und den Spiegeln gelangen wir durch einen weiteren Vorhang in einen dunklen Tunnel. Die Dunkelheit verstärkt den Effekt der Brille enorm und die, wie wir beim kurzen Abnehmen der Brille bemerken, vielleicht 20 bis 30 Lämpchen, die an einer runden, bunten Platte befestigt sind, scheinen durch die Multispektralbrille wie hunderte, kleine umherflackernde Regenbögen.

Überlagerung von Lichtquellen

Die Sicht ohne und mit Multispektralbrille Foto: Tabea Kraus

Diese sogenannten Regenbogenfächer entstehen vor dem menschlichen Auge durch die Überlagerung und die damit einhergehende Verstärkung oder Zerstörung der Lichtwellen. Aus einem bestimmten Sichtwinkel auf die Brille lassen sich unzählige Lichtstrahlen wahrnehmen. Überlagern sich diese Strahlen, zerstören sich die Wellen gegenseitig. Lediglich eine einzige Wellenlänge wird nicht zerstört sondern verstärkt. Die verstärkte Wellenlänge entspricht dem Gangunterschied, also dem Wegunterschied zweier oder mehrerer zusammenhängender Wellen zwischen zwei benachbarten Linien. Die ins Auge tretende, verstärkte Welle ergibt das sichtbare farbige Licht.
Der durch die Brille entstehende Effekt wird in einem sich drehenden Lichtertunnel, verschiedenen neonfarben leuchtenden Masken und Lichtern in allen verschiedenen Formen an Wänden, Decken und Böden weiter ausgereizt. Nach längerem Tragen der Multispektralbrille entsteht ein ganz surreales Gefühl im Körper. Wir bemerken auch, dass sich die Regenbogenfächer beim Umherschauen durcheinander bewegen und verändern.
Das hängt damit zusammen, dass der Gangunterschied der benachbarten Lichtstrahlen immer vom Sichtwinkel abhängt. Auch für schräger gestreute Lichtwellen findet dann eine Verstärkung statt, wenn der Gangunterschied zwischen zwei Wellen, die nebeneinanderliegen, genau zwei ganze Wellenlängen beträgt.
Am Ende des Parcours, als wir schon wieder das Tageslicht sehen können, werden wir plötzlich von einer Hand erschreckt, die aus der Wand schießt. Nach diesem gelungenen Gag als Abschluss nehmen wir draußen die Brillen ab und brauchen einen Moment, um unsere Augen wieder an das normale Licht ohne die unzähligen Regenbogenfächer zu gewöhnen.

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