Das Archiv der Erinnerungen

Ein dickes Fotoalbum liegt auf dem Tisch: Der bunt gemusterte Einband ist durch einen schwarzen Riemen fest an die Seiten gebunden. Es sieht alt aus, abgegriffen und oft angesehen, aber die Seiten sind gut erhalten, in den vergangenen sechzig Jahren kaum vergilbt.

Die Fotos sind in Gruppen geordnet, daneben steht ein kurzer Text auf Deutsch oder Französisch. Er erzählt eine Geschichte, zusammen mit liebevollen Zeichnungen und gepressten Blumen.

Die aktuelle Ausstellung des Stadtarchivs zum Thema Zwangsmigration endet am 30.04.2018. Foto: Seden Kantarci

Archive sammeln vor allem Dokumente aus Ämtern und Behörden, bewahren sie auf und verarbeiten sie. Die Informationen stehen allen Bürgern als Wissensquellen zur Verfügung. „Dadurch soll Transparenz gewährleistet sein“, erklärt Antonia Landois, Abteilungsleiterin beim Stadtarchiv Nürnberg.

Landois hat die Bewerbung Nürnbergs als Kulturhauptstadt 2025 als Chance gesehen, ein einzigartiges Projekt zu verwirklichen: Menschen schreiben Stadtgeschichte. Sie betont allerdings: „Das Projekt wird so oder so gemacht, es steht und fällt nicht mit der Bewerbung.“ Die Menschen aus der Metropolregion können Erinnerungsstücke beim Archiv einreichen, die ihnen etwas bedeuten. Darunter fallen vor allem alte Tagebücher, Fotos, Filme und Dokumente, aber auch Kurioses, wie ein zu Werbezwecken verteilter Lebkuchen. Der Schwerpunkt liegt auf den Jahren 1950 – 2000, es ist aber keine Grenze bis zur Gegenwart gesetzt. „Bisher haben wir kein vergleichbares Projekt gefunden“, erklärt die Mitarbeiterin Janina Rummel.

Details für die Ewigkeit

„In der Regel bekommen wir etwas, ohne zu wissen, was es der Person bedeutet hat. Hinter all den Dokumenten stehen aber Menschen und es gibt Geschichten dazu“, sagt Landois. Diese Geschichten vergingen bislang mit den Menschen, was sich durch das Projekt zukünftig ändern solle: das Archiv bewahrt Tondateien von Interviews und Fotos der Besitzer gemeinsam mit dem Objekt auf. Zusammengestellt sind die Stücke jeweils ein Teil von Ausstellungen, Dokumentationen und online Präsentationen.

Antonia Landois und Janina Rummel vom Stadtarchiv kümmern sich um das Projekt. Foto: Seden Kantarci

Rummel und Landois strahlen, mit dem Fotoalbum aus den fünfziger Jahren haben sie bereits kurz nach Start des Projekts Anfang April einen wahren Schatz erhalten, das zugehörige Interview füllt ausgedruckt mehrere A4-Seiten. Die Beiden gehen behutsam mit dem Album um, blättern nur vorsichtig darin – die Archivarinnen wissen, wie wertvoll dieses Erinnerungsstück für seine Besitzerin Jessie Schöler ist, die sich nicht endgültig davon trennen kann. Sie erzählt im Interview ausführlich ihre Geschichte und bekommt das Album zurück, sobald es digitalisiert ist. „So ist es für alle Zeiten dokumentiert, unabhängig vom Erfolg des Projekts“, betont Landois. Jedes Detail ist erfasst, bis hin zur Farbe der getrockneten Blüten, die auf die Trennblätter, die ein Zusammenkleben der Fotos verhindern sollen, abgefärbt hat.

Geschichten aus der ganzen Gesellschaft

Vielfalt spielt dabei eine große Rolle, die Mitarbeiter treten im Verlauf des Projekts unter anderem gezielt an die jüdische und muslimische Gemeinde sowie an Menschen mit Migrationshintergrund heran. Selbstverständlich sollen, wenn möglich, auch bekannte Namen ein Teil des Projekts sein. „Es soll aber keine Rolle spielen, ob jemand in der Öffentlichkeit wichtig, unwichtig, bedeutend oder unbedeutend ist“, erklärt die Archivarin.

Es gab bereits einige interessante Angebote, darunter auch ein original erhaltenes Quelle-Bonbon, das damals über eine Tombola verteilt wurde. Ob es den Weg ins Projekt findet, hängt allerdings von der Geschichte ab, die der Besitzer zu erzählen hat. Vieles fände den Weg zu ihnen, was für das Archiv generell interessant ist, aber nicht für das Projekt, berichtet Landois. Es müssen Objekte sein, die etwas ausstrahlen – verbunden mit einer Vergangenheit, die einerseits einen privaten Einblick gewährt, aber auch aussagekräftig für die Stadt ist. „Wenn das Projekt gelingt, könnte es von großem soziologischen Interesse sein“, vermutet die Archivarin. Aus den individuellen Geschichten und Einblicken entsteht dann ein Quellenpool aus gesellschaftlichem Wissen, der die Chance hat, Jahrhunderte zu überdauern.

Zahlreiche Zeichnungen erzählen von den Reisen. Foto: Seden Kantarci

 

Website des Nürnberger Stadtarchivs.

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