Das hölzerne Pferd

Mit geübtem Griff verleiht Johann Frey der hölzernen Konstruktion ihren letzten Schliff. „Der Herr von Drais muss verrückt sein!“, denkt er nicht zum ersten Mal. Schon als der Freiherr das erste Mal in der Werkstatt des Wagners auftauchte und von seiner irrsinnigen Idee erzählte, hielt Johann ihn insgeheim für einen Narren.

Wie konnte er nur glauben auf einer hölzernen Maschine, angetrieben durch Muskelkraft, schneller zu reisen als mit einer Postkutsche, die von Pferden gezogen wird?

Johann tritt einen Schritt von seiner neuesten Konstruktion zurück. Auf der Werkbank liegen, neben verschiedenen Werkzeugen und Sägespänen, ein ganzer Stapel Pläne. Diese hat der Freiherr von Drais selbst gezeichnet und Johann ganz genau erklärt. An der Werkbank steht das, was aus den Plänen geworden ist. Eine Laufmaschine, die der Herr von Drais stolz LODA nennt. LODA wie locomotion, was Fortbewegung heißt und dada, dem französischen Wort für Steckenpferd. Auch das hat der Freiherr ihm erklärt. Doch trotz der ganzen Erklärungen kann Johann sich nicht vorstellen, wie diese Laufmaschine funktionieren soll und wie man sie reiten soll, ohne damit umzukippen.

Eine eigenartige Maschine

Die Maschine hat nämlich nur zwei Räder. Sie sehen aus, wie die eisenbeschlagenen Kutschenräder, die Johann in seiner Wagnerei normalerweise fertigt. Allerdings sind diese Räder hintereinander angeordnet. Würde die Laufmaschine nicht an der massiven Werkbank in der Wagnerei lehnen, würde sie umkippen. Verbunden sind die Räder mit einem Holzrahmen aus Eschenholz. Möglichst leicht soll dieser sein, darauf hat der Herr von Drais mehrmals bestanden. Johann schätzt das Gewicht der Laufmaschine auf etwa 25 Kilogramm. Auf dem Holzrahmen ist ein langegezogener Sattel befestigt, der sich über ein Gewinde sogar höhenverstellen lässt. Er ist gepolstert und mit Leder bezogen. Auch eine Querstange über dem vorderen Rad ist gepolstert. Hierauf sollen die Unterarme beim Fahren abgestützt werden. Davor befindet sich ein Lenker, der mit den Händen umfasst wird und über den sich das vordere Rad steuern lässt. Das hintere Rad ist fest in einer Radnabe aus Messing gelagert. Dafür befindet sich am hinteren Rad eine Klotzbremse, die sich über einen Seilzug bedienen lässt. Hinter dem Sattel befindet sich eine weitere Querstange, an der die Riemen einer Reisetasche befestigt werden können.

Obwohl Johann nicht weiß, wie diese Maschine jemals von Nutzen sein soll, ist er stolz auf seine Arbeit. Die Maschine ist stabil und trotzdem leicht. Außerdem sieht sie so aus, wie der Herr von Drais sie auf seinen Plänen gezeichnet hat. Johann hofft, dass der Herr zufrieden sein wird, wenn er sie morgen abholt.

 

Die Klotzbremse aus Holz befindet sich am Hinterrad. Foto: Isabell Reuter

Am nächsten Tag klopft es an Johanns Tür. Als er öffnet, steht er dem Herrn von Drais gegenüber. Er ist ein kleiner Mann mit einem dichten schwarzen Schnurrbart, der an den Enden zur Spitze gedreht ist. Seine Augen leuchten. „Ist sie fertig?“, seine Stimme klingt erwartungsvoll. „Aber sicher!“ Johann führt den Erfinder zu seiner Maschine. Drais streicht mit den Händen bewundernd über den Rahmen. „Sehr schön“, murmelt er dabei. Er reißt sich von dem Anblick los. „Ich werde kommende Woche, am 12. Juni zu einer Probefahrt aufbrechen. Wenn ihr mögt, könnt ihr meine neue Maschine bewundern. Ich werde vom Mannheimer Schloss bis zur Pferdewechselstation am Schwetzinger Relaishaus und wieder zurück fahren. Ich werde schneller sein, als die Postkutsche.“ Johann kennt die Strecke zwischen Schloss und Relaishaus. Eine gut befestigte und breite Chaussee, gar nicht weit von seiner Werkstatt entfernt. Die Postkutsche braucht vom Relaishaus bis zum Schloss zwei Stunden. Hin und zurück wären es also vier Stunden. Johann glaubt nicht, dass der Weg schneller zu bewerkstelligen ist. Schon gar nicht rittlings auf einer unausbalancierten Laufmaschine. Trotzdem verspricht er dem Herrn von Drais zu kommen. Er überlässt ihn die Laufmaschine und bekommt dafür die Bezahlung in Höhe von 30 Gulden.

Tag der Probefahrt

Eine Woche später ist Johann in seine Arbeit vertieft. Er repariert das Rad einer Postkutsche. Es stammt aus der Pferdewechselstation in Schwetzingen. Das hat ihn wieder an den Herrn von Drais denken lassen. Heute ist nämlich der 12. Juni. Der Tag, an dem der Herr zu seiner Probefahrt aufbrechen will. Viele Leute sprechen darüber, sogar Johanns Frau hat ihn gestern beim Abendessen darauf angesprochen. Johann hat sich vorgenommen zur Chaussee zu laufen, um einen kurzen Blick auf den Herrn von Drais und seine Maschine zu werfen. Bis dahin ist aber noch Zeit, Johann rechnet nicht vor den frühen Abendstunden mit Drais, auch wenn dieser von der Schnelligkeit seiner Maschine überzeugt sein mag. Es ist doch gerade einmal Mittag. Johann ist noch immer mit der gebrochenen Speiche des Kutschenrades beschäftigt, als er von lauten Rufen aufgeschreckt wird. Stirnrunzelnd wirft er einen Blick aus dem Fenster. Es sind viele Menschen unterwegs, sie alle bewegen sich in Richtung der Chaussee. Friedrich, der Zimmermann erblickt Johann. „Komm schnell, Johann, der Herr von Drais reitet sein hölzernes Pferd!“

Das Laufrad in Johann Freys Werkstatt. Foto: Isabell Reuter

Johann eilt zur Chaussee. Es ist ein warmer, sonniger Tag und der Aufruhr hat viele Menschen aus ihren Häusern gelockt. Sie alle drängen in Richtung der Straße und versammeln sich in großen Gruppen am Straßenrand. Noch ist nichts zu sehen, doch alle tuscheln aufgeregt miteinander. Johann schnappt Gesprächsfetzen auf. „Dieser Spinner..“, „Das kann doch nicht wahr sein..“ und eine Frauenstimme, die ziemlich sicher die von Margarethe, seiner Nachbarin, ist spricht sogar von Zauberei. „Seht nur…“, tönt es auf einmal aus der Menge und alle Köpfe wenden sich. Johann erkennt eine schmale Gestalt am Horizont. Diese Gestalt kommt überraschend schnell näher und es ist tatsächlich der Freiherr von Drais auf seiner Laufmaschine. Johann hat noch nie so etwas albernes und gleichzeitig faszinierendes gesehen. 

Die Hände umfassen den Lenker, die Unterarme liegen auf dem gepolsterten Balancierbrett. Foto: Isabell Reuter

Der Freiherr thront rittlings auf seiner Maschine. Um den Lenker zu umfassen, muss er den Oberkörper nach vorne beugen, wodurch dieser fast auf dem Holzrahmen aufliegt. Mit den Füßen macht er lange, gleitende Schritte und bewegt die Laufmaschine damit vorwärts. Und das wirklich schnell. Wenn man die Füße des Herrn von Drais nicht sieht, hat man beinahe das Gefühl, er würde an der Menge vorbeischweben. Hinter ihm läuft eine Gruppe von Schuljungen, die laut johlen und den Freiherrn verspotten. Doch sie sind alle außer Atem und ziemlich rot im Gesicht. Sie müssen schnell rennen, um mit der Laufmaschine Schritt zu halten. Johann erhascht einen kurzen Blick in das Gesicht des Herrn von Drais. Seine Augen leuchten vor Begeisterung und er lächelt. In seinem Schnurrbart glitzern Schweißperlen. Dann ist der Freiherr auch schon an Johann und der Gruppe von Menschen vorbeigezogen. Wenn er tatsächlich um elf Uhr am Schloss aufgebrochen ist, hat er nur 15 Minuten bis hierher gebraucht, überlegt sich Johann. Das ist viermal so schnell wie eine Postkutsche.

Langsam wendet er sich von der Menge, die sich allmählich zerstreut ab und geht zurück zu seiner Werkstatt. Er hat sicher viel Arbeit vor sich und muss weitere Laufmaschinen herstellen. Statt Kutschen wird er in Zukunft wohl die Pferde bauen, auch wenn sie hölzern sind.

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