Der Dinosaurier aus dem Müll

Die Spaziergänge mit seiner Frau findet Frank normalerweise gut. Heute allerdings zieht ihn absolut gar nichts nach draußen. Er hat einen dieser unendlich antriebslosen Tage. Trotzdem waren Juttas Argumente unschlagbar.

Möglicherweise haben das bisschen Bewegung und die frische Luft ja eine belebende Wirkung. Schon kurz nach dem Start brechen immer wieder Berge aus Sperrmüll, die auf den Gehwegen und in Einfahrten geschlichtet wurden, in Franks Motivationslosigkeit. Er bleibt stehen und beginnt, möglichst interessiert wirkend das Aufgehäufte zu betrachten. Jutta läuft noch ein paar Schritte weiter, bis sie nachsieht, wo ihr Gatte bleibt. Frank beugt sich ein wenig nach vorne und tut so, als hätte er etwas entdeckt. Seine Frau ruft nach ihm. Doch das überhört Frank gekonnt, denn nun hat er in einem kaputten Regal tatsächlich etwas entdeckt: „Jutta, warte kurz. Hier ist etwas, das mag ich mir kurz ansehen.“ Was er entdeckt hat, sieht aus wie eine antiquierte Kasse, ist dafür aber zu groß. Und die Geldschublade fehlt. Außerdem spricht der geschwungene Schriftzug Diehl gegen ein Kassensystem. Diehl ist nämlich nicht für seine Kassen bekannt, sondern vielmehr dafür, womit die Unternehmenskassen gefüllt werden: Waffen.

Frank wuchtet den grau-grünen Klumpen aus dem Regal. Was ist das? Warum sieht es aus wie eine Kasse ohne Münzschublade? Funktioniert es noch? „Das“, denkt sich der Finder, „wird mein Projekt. Ich bringe dieses Gerät wieder zum Laufen!“ Er spürt bereits den kritisch-genervten Blick seiner Frau im Nacken und dreht sich so energisch mit dem Kasten in den Armen um, dass das herunterhängende Netzkabel um ihn herumfliegt. Er stapft auf sie zu und sagt bestimmt: „Komm‘ Schatz, wir gehen heim“.

Erste Schritte

Nach dem Abendessen, als er den Tisch abgeräumt und das Geschirr abgespült hat, stellt er seinen Fund auf den Esstisch und beginnt, ihn sich genauer anzusehen. Der stufige Kasten hat ein ziemlich großes Eingabefeld mit Tasten, eine 16-stellige Anzeige aus Zahlenrädchen samt Lämpchen darüber und ganz oben ist die Ausgabe eines Druckers. Das geschwungene Diehl, das ihm so ins Auge gestochen hatte, ist kaum zu sehen. Frank hat den Herstellernamen offensichtlich nur durch das zufällig in das rötlich schimmernde Viereck fallende Licht sehen können. Darunter sind noch Fragmente eines weiteren Wortes zu erahnen. Nach einigem Überlegen wird ihm klar. Dort steht der Name der Maschine: Combitron S.

Obwohl das Gerät ein bisschen dreckig ist, wirkt es auf den stolzen Finder noch recht rüstig. „Bevor ich jetzt unnötig anfange, das gute Stück zu zerlegen, sollte ich erst testen, ob es nicht vielleicht doch noch funktioniert.“ Gesagt, getan. Schon steckt das graue Stromkabel in der Steckdose. „Was nach Schuko aussieht, ist eben auch meistens Schuko“, triumphiert Frank. Nach einer kurzen Suche hat er auch den Ein-/Ausschalter entdeckt. Der Schalter klackt, die Sicherung knallt. Frank sitzt im Dunkeln. Seine Frau ganz offensichtlich auch. Sie fragt aus dem Nebenzimmer, warum es plötzlich dunkel ist. Der Tüftler flucht. Nachdem der Strom wieder eingeschaltet ist, wird der Combitron S kopfüber auf die Werkbank im Keller verfrachtet und Frank beginnt, das Gerät zu zerlegen.

Fragmente zusammensetzen

Mikroschalter der Tastatur

Die Mikroschalter des Combitron S. Foto: Computermuseum Uni Stuttgart

Beim Anblick der Platinen, der Mechanik und den vielen Schaltern wird ihm schnell klar, dass er ohne Informationen wohl nicht weiterkommt. Einzelne Fragmente kann er zuordnen. So zum Beispiel die Mikroschalter, die unter jeder einzelnen Taste montiert sind. Im Internet findet Frank zwar nicht viele Informationen, aber zumindest ein paar, die ihn weiterbringen. Seine erste Vermutung, es würde sich eventuell um eine Kasse handeln, erweist sich als gar nicht so falsch. Der Combitron S ist ein elektronischer Tischrechner aus dem Jahr 1968. Schon in der abgespeckten Variante hat der Combitron für Aufsehen gesorgt. Mit diesen Rechenmaschinen hat Diehl erstmals in Deutschland die Vorteile einer elektronischen Rechenmaschine voll nutzbar gemacht.

 

Frank ist überrascht. Offensichtlich hat er einen guten Blick gehabt. Vom guten Gedanken alleine wird das Gerät allerdings auch nicht mehr funktionsfähig. Er stöhnt innerlich. Mehr als 125 Transistoren müssen noch gecheckt werden. Ein riesiger Aufwand. Deswegen geht Frank zuerst den Weg, den jeder Tüftler gehen würde: Erstmal alle Sicherungen und die offensichtlichen Verbindungen durchmessen, ob es Leitungsunterbrechungen gibt – mit einem Multimeter, das er auf Durchgangsprüfung geschaltet hat. Mit den Prüfspitzen arbeitet er sich voran. Besteht eine Verbindung zwischen den beiden Leiterbahnen oder Kontakten, die er mit den Spitzen berührt, dann piept das Multimeter gut hörbar. Jutta vernimmt die nächste Stunde ein fast durchgängiges Piepen aus dem Keller. „Wie man nur so viel Zeit mit SO ETWAS verbringen kann, ist mir ein Rätsel. Dass ihm das Spaß macht, kann ich nicht so ganz verstehen. Aber wenn ihm das Spaß macht, soll er nur machen. Dann habe ich auch wieder ein wenig Ruhe“, denkt sie sich, während sie einen Weihnachtsbaum auf ihr gerade fertig gehäkeltes Tischdeckchen stickt.

Combitron Druckansteuerplatte

Innenleben. Foto: Computermuseum Uni Stuttgart

In der Stunde, in der Frank nun allerhand Leiterbahnen und Kontakte durchgemessen hat, hat er zwei kleine Erfolgserlebnisse. Zwei der Sicherungen waren defekt, es mag wohl an dem Kurzschluss gelegen haben, den der Combitron verursacht hat. Den Grund für den Kurzschluss hat er allerdings noch nicht gefunden. Um sich und seine Augen ein wenig zu entspannen, wechselt er zurück ins Internet. Ersatzteile müssen bestellt werden. „Zumindest die Sicherungen lege ich mir schon mal in den Warenkorb“, ermuntert sich Frank. Während er sucht und recherchiert, findet er immer mehr Informationen zu seinem Tischrechner. Dass der Combitron von der Fachpresse als das „zweite Nürnberger Ei“ bezeichnet wird, weckt sein Interesse. Die Bezeichnung stammt aus dem Jahr 1966, nachdem der Combitron, damals noch ohne S, auf der Messe in Hannover vorgestellt wurde. Der Tischrechner war erstmals programmierbar und hatte einen Speicher, auf dem 66 Programmschritte hinterlegt werden können. Das Gerät ist in der Lage, durchgehend mit 16 Stellen zu rechnen. Der Tischrechner kann potenzieren, mit Wurzeln rechnen sowie zwei Konstanten speichern und eine Kommaautomatik unterstützt beim Rechnen. Zur Bedienung gibt es 20 Tasten. Der Nachfolger, der Combitron S, wurde lediglich optimiert: zehn statt zwei Programmspeicher mit je zehn Befehlen, ganze zehn Konstantenspeicher und zwei potentiell speicherbare Sprungbefehle. Das rudimentäre Betriebssystem ist auf einem Stahllochstreifen gespeichert.

Dinosaurier der Technik

Platinen des Combitron S. Foto: Computermuseum Uni Stuttgart

Frank runzelt die Stirn, kramt in einer Schublade und legt seinen kleinen Handtaschenrechner neben das zerlegte Ungetüm aus Metall, Kunststoff und Platinen. Selten hat er den Fortschritt so deutlich gesehen, wie in diesem Moment. Sein Taschenrechner ist höchstens 100 Gramm schwer und circa 20 Zentimeter hoch, acht Zentimeter breit und höchstens einen Zentimeter tief. Der Combitron S dagegen wartet mit einem Gewicht von 20 Kilogramm auf. Er misst einen knappen halben Meter in der Breite, eine Höhe von 25 Zentimeter und in der Tiefe sogar mehr als einen halben Meter. Der moderne, im Vergleich winzige Taschenrechner kann trotzdem mehr. Der Tischrechner ist ein wahrer Dinosaurier der Technik.

Einige Tage später kommen die bestellten Ersatzteile an. Nach dem Abendessen widmet sich Frank wieder seinem neuen Projekt. Die Sicherungen sind schnell getauscht. Woran er zu nagen hat, ist der Grund für den Kurzschluss, der die Sicherungen zum Schmelzen gebracht hat. Er schiebt die Platine des Tastenfeldes beiseite und lugt unter die Druckansteuerplatte. Er beginnt allmählich zu fluchen, ob seines Ehrgeizes, das Gerät zum Laufen zu bringen. Aber Aufgeben ist auch keine Option mehr. Demotiviert greift er dennoch wieder zum Multimeter und fängt an, Kontakte zu überprüfen. Es piept und piept. Alles, was Frank prüft, ist miteinander verdrahtet. Alles makellos. Und dann piept es wieder. Frank schreckt aus seiner Lethargie: „Hat das nun eben gepiept? Das dürfte es, alleine von der Anordnung der Leiterbahnen und der Bauteile nicht! Habe ich nun etwa den Kurzschluss entdeckt?“

Größere und kleinere Probleme

Offensichtlich ist für ihn kein Problem erkennbar. Also dreht er die Platine um. Und tatsächlich: Zwischen einigen Lötpunkten, an deren Drahtspitzen sich Dinge wunderbar verhaken können, hängt ein Metallspan. Dieser Span ist durch die Hitze, die beim Kurzschluss entstanden ist, schon bunt angelaufen. Frank entfernt den Span und prüft erneut. Der Kurzschluss ist behoben. „Glück gehabt, das war ja nur ein kleineres Problem“, sagt er sich, „aber jetzt baue ich das Ding wieder zusammen. Mir reicht‘s mit der Frickelei. Ich will wissen, ob der Rechner nun funktioniert!“

Der Zusammenbau dauert, stellt für den gewieften Bastler aber kein Problem dar. Nach einigen Stunden steht der Combitron S wieder in seiner grün-grauen Pracht vor ihm. Das Kabel hält Frank schon in der Hand. Vorsichtig und jederzeit bereit, das Kabel sofort auszustecken, verbindet er die Maschine mit dem Strom. Er schaltet sie ein. Das Diehl-Logo leuchtet auf, ein Gebläse fängt an zu laufen. „Es funktioniert!“, jubelt der Tüftler. Behutsam drückt Frank einige Tasten. Es klackt und die Anzeige dreht sich. Wie genau er die Maschine zu bedienen hat, weiß er nicht. Das tut aber auch nichts zur Sache, denn das größte Stück Arbeit ist geschafft. Aus einem sicherungsfressenden Dinosaurier ist eine träge summende Hummel geworden.

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