Der Wald mit Abwehrkräften

Das Klima ändert sich und mit ihm der Wald. Borkenkäfer und Hitze setzen den deutschen Forsten zu. Auf natürlichem Wege würde die nötige Veränderung mehrere Jahrhunderte dauern. Daher muss der Mensch mit anpacken, und das nicht nur aus ökologischen Gründen.

„Unter dem Baum besser nicht durchgehen!“, warnt er, während wir an einem sonnigen Wintermorgen durch den kahlen Wald stapfen. Die während eines Sturms abgeknickte Fichte hängt nur mäßig sicher, gestützt von dem Geäst zweier weiterer Bäume. Die rettende Warnung kommt von Dominik Holzer, Student der Forstwirtschaft und Ressourcenmanagement im fünften Semester an der TU München. Bereits seit den ersten Semestern beschäftigt er sich eingehend mit Klimatologie. Sein künftiges Berufsleben wird entscheidend vom Klimawandel beeinflusst, denn der Wald muss sich verändern, um den steigenden Temperaturen und den häufigen Wetterextrema, die der Klimawandel mit sich bringt, zu trotzen. Ein Waldumbau ist nötig. „Der Fichtenanteil muss definitiv gesenkt werden, obwohl sie hier bisher am effizientesten gewachsen ist“, erklärt Holzer. Denn die gute alte Fichte macht derzeit noch den Großteil des bayerischen Waldbestandes aus, hat aber enorme Probleme mit der Sommerhitze und vor allem dem Borkenkäfer.

Ein typischer Sturmschaden. Aufgrund der Umsturzgefahr wird dieser Baum bald gefällt. Foto: Carl Nowak

Ips Typographus heißt die Art, die den Fichten so enorme Probleme bereitet. Je länger die Durchschnittstemperatur über einem bestimmten Level liegt, desto öfter können Borkenkäferpopulationen entstehen. In diesem Jahr bildeten sich nur drei statt der erwarteten vier Generationen. Glück gehabt. An einer befallenen Fichte zeigt Dominik Holzer die Auswirkungen, die der Schädling hinterlässt. „Hier sieht man schön, wie er sich reingefressen hat.“ Rund um den Baum liegen viele Rindenstücke mit den typischen Fraßgängen auf der Innenseite der Rinde. Der zugehörige Baum sieht durchlöchert aus, weiter oben gar nackt, da ihm der Großteil seiner Rinde fehlt. „Der Ips Typoghraphus befällt fast ausschließlich ausgewachsene Fichten, und zur Not auch mal eine Kiefer“, charakterisiert Holzer den Käfer.

Also alle Fichten raus aus dem Wald und mit anderen Arten neu bepflanzen? Leider ist es nicht so einfach. Auch andere Arten haben ihre spezifischen Schwachstellen. Die Tanne leidet beispielsweise unter dem angesäuerten Regen. „Der heilige Gral, der aktuell kommuniziert wird, ist der Plenterwald.“ Während ein großer Teil der bayerischen Wälder Reinbestände sind, also ein Bestand aus einer Baumart im meist ähnlichen Alter, werden im Plenterwald Bäume in Art und Alter gemischt. „Das ist zwar teurer und schwieriger zu bewirtschaften als ein Reinbestand, sorgt aber für eine Risikostreuung. Wenn der Borkenkäfer also kommt, frisst er die Fichten, aber der Rest des Waldes bleibt intakt.“

Naturschutz und Wirtschaft Hand in Hand

Das Thema Risiko ist im Forstwesen sehr zentral. Denn entgegen der alt-romantischen Vorstellung des bärtigen Försters, der mit Axt und Dackel über den Wald wacht, wird auch im Forstwesen „knallhart gerechnet“, wie Dominik Holzer erklärt. Aufwändige Simulationen berechnen das Verhalten ganzer Waldstücke unter verschiedenen Klimasituationen. Wachstums- und Risikoberechnungen für verschiedene Szenarien werden ebenfalls durchgeführt. Das ist auch nötig, schließlich kann bei Neupflanzungen erst nach der sogenannten Umtriebszeit von circa 80 bis 250 Jahren der Wald wirtschaftlich genutzt und Bäume gefällt werden.

Fraßgang Borkenkäfer

Die typischen Fraßgänge des Borkenkäfers in einer Fichtenrinde. Foto: Carl Nowak

„Denn am Ende ist das Ganze für die großen Wälder ja auch Wirtschaft“, erklärt Holzer, während er einen laubbedeckten Weg mit zwei tiefen Furchen entlangläuft. Hier fährt auch mal schweres Gerät in den Wald, denn Forstwesen ist auch Forstwirtschaft. Ein Wirtschaftssektor, der gar nicht mal so klein ist. Die Bayerischen Staatsforsten allein beschäftigen 2748 Mitarbeiter und erwirtschafteten im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von etwa 330 Millionen Euro, und das, ganz dem aktuellen Zeitgeist entsprechend, umweltfreundlich und nachhaltig. Es spielen also nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle, wobei sich beide Seiten in diesem Fall nicht ausschließen. Denn ein gesunder Wald ist auch ein profitabler Wald, schließlich liefert er dann Holz von hoher Qualität.

Forstwesen Technik

Das Forstwesen ist auch wirtschaftlich bedeutsam, daher wird mit moderner Technik gearbeitet. Foto: Christiane Arnold

Trotz wirtschaftlicher Schlagkraft und moderner Technik ist der Waldumbau ein Mammutprojekt, das viel Geld und Personal benötigt. „Da die bayerischen Staatsforsten eine Anstalt öffentlichen Rechts sind, dürfen sie nicht allzu viele Rücklagen haben, das bremst natürlich“, erklärt Dominik Holzer. Auch in Sachen Personal gibt es Luft nach oben. Es fehlen qualifizierte, junge Fachkräfte. Dennoch sieht der Student das größte Problem in den kleinen Privatwäldern. „Viele Leute erben ein kleines Waldstück und wissen nichts davon. Irgendwann steht der Amtsförster vor der Tür, weist auf ein Borkenkäferproblem hin und blickt dann in verdutzte Gesichter. Solchen Besitzern fehlt einfach das nötige Wissen oder auch manchmal das Interesse, den eigenen Wald nachhaltig umzubauen, trotz kostenloser Beratungsmöglichkeiten.“ Beim örtlichen Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten kann sich jeder kostenlos beraten lassen, auch hinsichtlich Förderungen für nachhaltige Neupflanzungen.

Die Ziele der Bayerischen Staatsforsten für die kommenden Jahre sind klar und dennoch eher konservativ gesteckt. In den nächsten zehn Jahren soll der Fichtenanteil sukzessive auf etwa 45 Prozent gesenkt werden. Dominik Holzer hat wie viele seiner Kommilitonen Glück, dass aufgrund des hohen Personalbedarfs und der geringen Absolventenzahlen um ihn geworben wird. Gute Chancen also, einen wichtigen Teil zu diesem Großprojekt beizutragen.

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