Deutschland als Vorreiter einer technischen Revolution

Deutschland als Vorreiter einer technischen Revolution

Ein letzter Blick links auf die Fahnenmasten, die stolz ihre Flaggen präsentieren. Auf der anderen Seite noch drei dutzend Schlipsträger, die den Shuttlebus verlassen und sich in die Schlange vor dem Eingang „Mitte“ einreihen. Es ist offiziell: Die SPS IPC…

Ein letzter Blick links auf die Fahnenmasten, die stolz ihre Flaggen präsentieren. Auf der anderen Seite noch drei dutzend Schlipsträger, die den Shuttlebus verlassen und sich in die Schlange vor dem Eingang „Mitte“ einreihen. Es ist offiziell: Die SPS IPC Drives Messe in Nürnberg beginnt, oder besser gesagt, die Wunderwelt der elektrischen Automatisierungstechnik ist endlich eröffnet. Rund 1600 Aussteller haben sich in den elf Hallen des Messegeländes Nürnberg eingefunden. Sie präsentieren ihre neusten Entwicklungen an Messeständen, die verschiedener nicht sein könnten. Doch wenn man sich auf der Messe umhört, schnappt man immer wieder das Stichwort „Industrie 4.0“ auf.

Mit der Industrie 4.0 ist ein Begriff geboren, der sich nahtlos in die Reihe der letzten drei industriellen Revolutionen einfügt. Nach bahnbrechenden Erfindungen, wie die Dampfmaschine, das Fließband und des Elektromotors, war es um 1970 das Aufkommen der IT-Technologie, das die dritte industrielle Revolution einläutete. Seitdem gewinnt die Mikroelektronik mehr und mehr an Bedeutung.       Die Industrie 4.0 geht einen Schritt weiter und wird die automatisierte Produktionslandschaft grundlegend verändern. Im Mittelpunkt steht der ununterbrochene Informationsfluss zwischen Mensch, Maschine und Endprodukt. Die Metamorphose von virtueller Welt und realer Produktion sorgen für einen schnelleren Prozessablauf und eliminieren unnötige Produktionsschnittstellen.       „Machines can talk!“. So wie Menschen miteinander kommunizieren, entwickeln Global-Player wie Siemens, Harting, ABB oder SICK auch Methoden um Maschinen miteinander kommunizieren zu lassen. Hierbei handelt es sich nicht um vorgegebene, zentrale Impulse, erklärt Olaf Wilmsmeier, Product Manager Software der Firma Harting. Die Zukunft bestehe darin, dass die Kommunikation dezentral erfolgt. Das Zusammenspiel zwischen Maschine und Produkt muss selbstständig und fehlerfrei ablaufen. Die Schlüsselrollen hierfür übernehmen die Technologien im Bereich der Sensorik und der RFID (Radio Frequency Identification). Beide kombiniert ergeben einen individuellen, intelligenten Gegenstand. Sensoren an den Produkten übermitteln Messdaten, die aufgrund der permanenten Verbindung mit dem Internet rund um die Uhr über Smartphone oder Tablet-PC geprüft werden können. Dieser nahtlose Informationsfluss vom Sensor bis ins Internet ist eine Voraussetzung für Industrie 4.0.

Natürlich spielen auch andere Faktoren eine Rolle, um Industrie 4.0 zu gestalten. Wie zum Beispiel die Sicherheit vor nationaler, aber auch internationaler Industriespionage. Neben der Entwicklung einer einheitlichen Maschinensprache werden auch verschiedene Verschlüsselungscodes generiert, die den Datenaustausch über das Internet sichern. Unter anderem setzen sich Verschlüsselungscodes aus binärer Kodierung, Datenintegrität, Authentifizierung und Autorisierung zusammen. Unter den Global Playern ist man sich auch einig, dass ein externer, serverfremder Zugriff nicht möglich ist, vor allem nicht über Luftschnittstellen. Auch die Individualisierung jedes einzelnen Produkts trägt zur Sicherheit vor Cyberangriffen bei. Siemens Pressesprecher Franz-Ferdinand Friese ist sich im Klaren, dass die Gefahren durch Industriespionage über das Internet gegen Null gehen. Zudem werden auch permanent neue Verschlüsselungsmethoden entwickelt, die die Sicherheit des Datenverkehrs garantiert.

Industrie 4.0 ist ein permanenter, generischer Prozess, der über mehrere Jahre hinaus geht, bis die nächste technische Revolution beginnt. Die Unternehmen arbeiten nicht auf ein bestimmtes Ziel hin, sondern schauen über den Tellerrand hinaus. Solange die Entwicklungen der technischen Automatisierung und der Dateninfrastruktur weiter rasant voranschreiten, wachsen die Realisierungsmöglichkeiten der Industrie 4.0. Grundsätzlich muss man sagen, dass sich das Kommen der Industrie 4.0 nicht aufhalten lässt. Franz-Ferdinand Wiese sieht in der Industrie 4.0 eine unabwendbare Notwendigkeit. Wer bei einem technisch-gesellschaftlichen Fortschritt nicht mitzieht, der wird in naher Zukunft unternehmenstechnisch und wirtschaftlich nicht mehr konkurrenzfähig sein.

Wie bei allen bisherigen industriellen Revolutionen zeigen sich bei Industrie 4.0 auch Schwächen, wobei die Vorteile klar überwiegen. Entwicklungsingenieur Christian Meyer der Firma ABB Automation Products GmbH kann unter anderen die massive Kostenersparnis nennen. Durch ein exaktes Zusammenspiel von virtueller und realer Welt, können gefährliche Testszenarien nachgestellt werden. Gefährlich in der realen Welt, gefahrlos in der virtuellen Welt, doch beim Ergebnis gibt es keine Unterschiede. Weitere Vorteile sind schnellere und verlässlichere Produktionsprozesse. Durch Sensorik und Datentransfer können Wartungen vorgenommen werden, die auch positive Auswirkungen auf die Ersatzteilversorgung von Produktionsmaschinen haben. Die Kehrseite der Medaille könnte sich bei der Arbeitnehmerschaft bemerkbar machen. Durch komplexere Maschinen und Prozesse bleibt es offen, ob weiterhin qualifizierteres Personal zur Handhabung und Instandhaltung der Produktionsmaschinen benötigt wird. Meyer sieht darin allerdings keinen Nachteil, sondern eher eine Chance. Unternehmen würden sich mehr und mehr für die Ausbildung von Schülern und Studenten einsetzen. Anhand des Demografischen Wandels sei auch eine Verschiebung der Arbeitswelt, zum Beispiel hin zum sozialen Bereich, eine Möglichkeit für Arbeitnehmer, die der Komplexität der Industrie 4.0 nicht gewachsen sind.

Von Internet bis zum Automatisierungsprozess, von der Innovation bis zur Ausbildung, am Ende eines anstrengenden Messetages kann man sagen, dass hinter der Idee der Industrie 4.0 weitaus mehr steckt, als man anfangs vermutet. Als Favoriten zur Durchsetzung der Industrie 4.0 stehen sich hauptsächlich Amerika, China und Deutschland gegenüber. Nun stellt sich nur noch die Frage, welche Nation wem den Rang abläuft.      

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