„Deutschland bedeutet High Quality“

Wer als Deutscher an Mexiko denkt, denkt womöglich an Tacos und Sombreros. Wie das Land wirklich ist, weiß Mónica Prenzel. Sie ist in Veracruz aufgewachsen und 2002 nach Deutschland gekommen. Zusammen mit ihrem deutschen Mann und zwei Söhnen wohnt sie in Heroldsbach.

Was war der erste Kulturschock, als du nach Deutschland gekommen bist?

Mónica Prenzel: Das waren zwei Sachen: Zum einen ist hier alles so ruhig. Wir sind gewohnt, dass das Lautstärkeniveau sehr hoch ist. Der Verkehr ist in etwa genauso wie in Italien und auch in den Kaufhäusern läuft immer Musik. Zum ersten Mal habe ich in Deutschland gehört, wenn jemand Hunger hat (lacht). Der zweite Kulturschock war das Wetter. Wir sind im Oktober nach Deutschland gekommen und ich habe mehrere Monate lang Beschwerden an den Händen gehabt – wegen der Kälte! Ich habe dann sogar nachts Handschuhe angezogen. In Veracruz, wo ich aufgewachsen bin, hat es auch mal 38 bis 44 Grad bei einer hohen Luftfeuchtigkeit. Das war eine große Umstellung.

Gibt es mexikanische Traditionen, die du hier in Deutschland vermisst?

Prenzel: Ich glaube am Anfang, als ich hier her gekommen bin, schon. Jetzt aber nicht mehr. Weil ich mittlerweile denke, dass Heimat nicht nur dort ist, wo man geboren wurde. Heimat ist da, wo man sich wohlfühlt, wo die Familie ist. Ich muss auch die Traditionen des Landes respektieren, in dem ich wohne. Integration dauert mindestens sieben bis acht Jahre. Solange, bis wir die Sprache und die Lebensart hier verstehen und bis ich das Leben in Deutschland auch als einen Teil von mir fühle. Eine Tradition in Mexiko ist der „Dia de los Muertos“, der Tag der Toten. Das wäre hier unvorstellbar.

Wie sieht man in deinem Heimatland die Bundesrepublik?

Prenzel: Für Mexikaner bedeutet Deutschland High Quality, Disziplin, einen hohen Wissensgrad, Genauigkeit und Sicherheit in der Ausstrahlung. 99 Prozent der Mexikaner würden das so sehen. Für mich hat sich das ein bisschen geändert. Deutschland bedeutet immer noch High Quality und Disziplin, aber nicht in allen Bereichen. Pünktlichkeit, Genauigkeit, Sauberkeit. Das trifft alles zu.

Welchen Stellenwert hat der Beruf für einen Mexikaner im Gegensatz zu einem Deutschen?

Mónica (re.) auf einer Familienfeier mit ihrer Tante und Cousine. Foto: privat

Prenzel: Um das Berufsleben in Mexiko zu verstehen, muss man mit dem Schulsystem anfangen. In Deutschland gibt es die Hauptschule, die Realschule und das Gymnasium. In Mexiko gibt es die Grundschule bis zur sechsten Klasse, dann kommt das Gymnasium. Es gibt hier Dinge, die sind für manchen Deutschen wichtiger als für einen Mexikaner, etwa ein Auto zu haben oder in den Urlaub fahren zu können. Für Mexikaner ist das Wichtigste die Familie. Familie ist der größte Schatz, den man haben kann. Wenn es meiner Familie nicht gut geht, dann fühle ich mich innerlich zerstört. Erst nach der Familie kommt die Arbeit. Dann aber vor allem, um die Familie versorgen zu können.

Wie lief deine eigene Ausbildung in Mexiko ab?

Prenzel: Ich habe fünf Jahre lang an der Fakultät für Wirtschaft an der Universidad Autónoma de Nuevo León in Monterrey studiert. Das liegt im Norden von Mexiko, vier Stunden von der Grenze zu den USA entfernt. Wenn wir in Mexiko einen hohen Bildungsabschluss schaffen wollen, müssen wir entweder nach Monterrey, Mexico City, Puebla oder Guadalajara, denn dort gibt es die renommiertesten Universitäten.

Welche Rolle spielt die deutsche Staatsbürgerschaft für dich?

Prenzel: Ich habe die Staatsbürgerschaft seit 2012. Dazu musste ich das Sprachniveau B1 nachweisen, einen Integrationskurs machen und einen Einbürgerungstest absolvieren. Ich wollte wieder arbeiten, bei der Arbeitsagentur in Bamberg war die erste Frage: „Haben Sie die deutsche Staatsbürgerschaft?“. Ich habe studiert und als Wirtschaftsprüferin gearbeitet. Man hat mir gesagt, dass Leute mit dieser Motivation und Qualifikation in Deutschland gebraucht werden. Ich wollte einfach wieder lernen und berufstätig sein. Trotzdem musste ich wieder von Null anfangen.

Für die Einbürgerung hast du das Sprachniveau B1 benötigt. Was ist dir beim Lernen einer Sprache besonders wichtig?

Prenzel: Es ist eine Sache, die Sprache gut zu lernen, eine andere Sache ist es, die Umgangssprache zu lernen. Jedes Mal, wenn ich hier in Deutschland höre, dass jemand Dialekt spricht, ist das wie Musik für mich, weil das auch Heimat vermittelt. Die Identität darf man niemals verlieren. Wir müssen uns immer daran erinnern, woher wir kommen.

Mexiko steht im Ruf, korrupt zu sein. Wie ist das Verhältnis der Bevölkerung zur Politik?

Prenzel: Das Verhältnis ist total schlecht. Es gibt sehr viel Bürokratie und es ist ein offenes Geheimnis, dass man Vorgänge in manchen Bereichen auch beschleunigen kann. In Mexiko gibt es wie in Deutschland auch Regeln und Gesetze, aber die werden leider häufig nicht eingehalten. Das Verhältnis mit dem Staat ist nicht gut. Auch hochrangige Politiker werden gezwungen, sich an das System anzupassen. Von Leuten, die schon seit vielen Jahren in diesem System sind.

Wie werden Medien in Mexiko konsumiert?

Prenzel: Die Mediennutzung ist extrem. Hier habe ich gelernt, dass die Kinder nicht so viel fernsehen sollten und auch früher ins Bett müssen. Bei uns ist das nicht so, auch wegen dem Wetter. Das Kind schläft, wenn es müde ist. Fernsehen gehört einfach dazu und die Leute, die nicht arbeiten gehen, sind besessen von den Telenovelas. Dafür gibt es einen Grund: Wenn man in einem Land wohnt, in dem es viele Schwierigkeiten gibt, ist es sehr schön, nachmittags ab 15 Uhr die Telenovelas schauen zu können. In den Telenovelas sieht man das Leben, das man selbst nicht führt. Am nächsten Tag reden alle Leute in der Arbeit darüber. Außerdem gibt es viel Comedy, damit die Leute etwas zu lachen haben. Man wird abgelenkt von den Problemen im Alltag.

Wie steht es um die Pressefreiheit?

Prenzel: Offiziell gibt es eine freie Presse. Man kann alles sagen, was man will. Aber auch hier ist es ein offenes Geheimnis, dass nicht alles gesagt werden darf. Trotzdem wird im Fernsehen mehr gewagt als hier. In Deutschland würde man einem Prominenten nie etwas wirklich Intimes fragen. Über Klatsch in der Politik wird in Mexiko nicht berichtet, weil jeder weiß, dass es Konsequenzen haben kann.

Das Interview führte Julian Hörndlein

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