Die Inflation der menschlichen Würde

Die Inflation der menschlichen Würde

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit beziehen zur Zeit 6 Millionen Menschen Arbeitslosengeld II (Hartz IV). Das Kürzen von Leistungen aufgrund von Regelverstößen steht für die Beschäftigten der Leistungsabteilung der Agentur für Arbeit auf der Tagesordnung. Alexandra Sauer (Name geändert)…

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit beziehen zur Zeit 6 Millionen Menschen Arbeitslosengeld II (Hartz IV). Das Kürzen von Leistungen aufgrund von Regelverstößen steht für die Beschäftigten der Leistungsabteilung der Agentur für Arbeit auf der Tagesordnung. Alexandra Sauer (Name geändert) blickt verzweifelt auf den vor ihr liegenden Brief der Nürnberger Agentur für Arbeit (Arge) U25. Es ist der 3. Dezember und der 23-jährigen steht ein unangenehmer Einkauf bevor. Die Papiere auf dem Tisch sind sogenannte Lebensmittelgutscheine, die an der Supermarktkasse als Gegenwert für Lebensmittel und Hygieneartikel akzeptiert werden.

Im Supermarkt: Alexandra steht an der Kasse. Die Kassiererin hat alle Artikel gescannt. 44,81€. Alexandra gibt ihr zum Bezahlen den Gutschein. Nun vergeht Zeit. Die Kassiererin ist mit dem Kassenvorgang überfordert und muss sich, sichtlich genervt, über das Telefon Auskunft bei ihrer Führungskraft holen. Unruhe kommt auf bei den Kunden, die an der gleichen Kasse warten.

So wie ihr geht es vielen Menschen, die unter die „Bezugspersonen“ der Sozialleistung Arbeitslosengeld II , „Hartz IV“ fallen. „Die Essensmarken sind ein Teil der Sanktionen, die fällig werden, wenn Regelverstöße wie z.B. die Nichtannahme eines Ein-Euro-Jobs vorliegen.“, so Beate Müller(Name geändert), ehemalige File-Managerin der Arge Nürnberg. „Bezieher des ALG II sehen sich oft einer ganzen Flut von Drohungen und Sanktionen ausgesetzt.“ Hier beginnt der Verfall des Wertes der menschlichen Würde.

„Besonders hart sind die Bezugspersonen unter 25 Jahren betroffen, weil dort schneller eine Sanktion bis zu 100 Prozent verhängt werden kann.“, holt Sabine Stolzenberg aus, Diplom Sozialpädagogin der städtischen Jugendberufshilfe Jena. „Wenn sich Verstöße häufen, gibt es noch weitere Mittel der Sanktionierung. Neben der 100-prozentigen Kürzung des ALG II, kann zusätzliche eine Kürzung der Miete vorgenommen werden.“ Weiter verrät sie: „Dann ist es leider nicht selten der Fall, dass die überforderten jungen Bürger regelrecht den Kopf in den Sand stecken und kein Gespräch mit dem Vermieter suchen. Somit geraten viele in einen dreimonatigen Mietrückstand. Wenn die Wohnung dann auf Grund dessen fristlos gekündigt ist, bekommen die Menschen Lebensmittelgutscheine, die dann, häufig aus Scham nicht abgeholt werden. Das ist ein Teufelskreis! Dadurch droht sogar ein Rausfall aus der Krankenversicherung.“

Alexandra stehen noch mehrere solcher Einkäufe bevor. Insgesamt vier Lebensmittelgutscheine á 46 € hat sie vom Amt erhalten. Der Grund für die Sanktion – banal – meint sie. „Ich habe im September angefangen, über den zweiten Bildungsweg, meine mittlere Reife nachzuholen. Job und Schule ließen sich nicht unter einen Hut bringen, also musste ich kündigen.“ Zur Folge hatte dies eine dreimonatige Sperre des Arbeitslosengeld I. „Also bleibt, um diese drei Monate zu überbrücken, nur ALG II, und weil Sperre bei ALG I gleich auch Sperre bei ALG II bedeutet, bekomme ich nur die Lebensmittelgutscheine.“

Fakt ist: Die Lebensmittelgutscheine sind auf eine bestimmte Summe notiert. Wenn mit dem durch den Einkauf zustande gekommenen  Betrag nicht der Wert des Gutscheins erreicht wird, verfällt der Restbetrag. Sollte am Ende des Monats noch ein Gutschein übrig geblieben sein, verfällt dieser am ersten des Folgemonats.

Der US-amerikanische Psychiater und Psychoanalytiker Léon Wurmser konkretisierte aus psychologischer Sicht den Begriff Menschenwürde. Er versteht die Scham als Hüterin der menschlichen Würde. „Den Begriff der Menschenwürde mit dieser Thematik in Verbindung zu bringen ist zwar provokant, jedoch in Anlehnung an Léon Wurmser, durchaus legitim, wenn man das Schamgefühl als einen Marker für Verletzungen der menschlichen Würde definiert.“, erklärt Aline Märten, Philosophie M.A. „Die Frage ist somit, ob Sanktionen, die Betroffene in ihrer Not stigmatisieren, ein gesellschaftlich toleriertes Druckmittel bleiben sollten. Falls ja, sollte man sich über Alternativen zu Lebensmittelgutscheinen Gedanken machen. Es sollte in einer liberalen Gesellschaft wie unserer möglich sein, Essensgutscheine nicht als Vehikel zu etablieren, die den Menschen als andersartig durch seine Armut kennzeichnen und somit den Nährboden für Scham und mögliche Verletzungen der Menschenwürde schaffen.“

Für Alexandra Sauer hat der „Graus“, wie sie es sagt, bald ein Ende. Ab Februar hat sie einen neuen Job, welchen sie auch mit der Schule gut vereinbaren kann.

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