Die Memoiren einer Vergessenen

Eine Woge der Vergänglichkeit durchzieht die Räume des Gerätearchivs an der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm. Einstige Meilensteine der Technik schlummern an diesem Ort. Auch die VZM Standard 12 hinterlässt seit geraumer Zeit einen verstaubten Umriss auf dem Regalboden.

Zwischen Wollmäusen und Spinnweben

Der Raum ist grau, verstaubt und modrig. So wie sich viele einen Archivkeller vorstellen. Das Rauschen der Wasserrohre und das monotone Tippen des Archivars, der sich mittwochs für eine Stunde hier unten aufhält, sind die einzigen Geräusche, die ich höre. Eine feuchte Kälte umgibt den Raum, den ich nun seit mehreren Jahrzehnten mein Zuhause nenne. Viele Regale mit alten, verrosteten, längst vergessenen Gegenständen stehen in Reih und Glied. Auch mich ziert eine dicke Staubschicht des Vergessens. Einst war ich eine große Innovation. Nun stehe ich hier, im Regal 2/23. Eingepfercht in ein winziges Zimmerchen zusammen mit der Zuse, dem Lochstreifenkodierer und dem CAD-Gerät, das mir durch seine Ausmaße auch den letzten Sonnenstrahl raubt. Kein Wunder, dass es liebevoll „das Raumschiff“ genannt wird. Ich, eine Revolution in der Buchführung, nicht nur eine Schreibmaschine, nein, zugleich auch eine Buchungsmaschine.

Aufsicht auf die Triumph-Vorzählwerks-Buchungsmaschine Bild: Angelina Knauer

Ein unerwarteter Gast

Ich habe mich mit meinem Schicksal abgefunden. Mein Staubmantel nimmt von Jahr zu Jahr an Dicke zu, bis er mich irgendwann gänzlich schluckt. Frechheit, denn ich bin ein Meisterwerk der Technik: Eine Vielzählwerksbuchungsmaschine (VZM) Standard 12 von Triumph! Mein Haupt ziert nach wie vor eine schicke Duofix-Vorstreckeinrichtung und drei Saldierwerke sind mir aus meinen Glanzzeiten noch geblieben. Während ich in meinen Gedanken versunken bin, öffnet sich die Tür. Eine Silhouette zeichnet sich am Ende des Ganges ab. Die Studentin betritt den Raum. Sie interessiert sich nicht für irgendein Gerät! Sondern für mich! Sie kommt auf mich zu, wischt über meinen Schriftzug. Mein Metallgehäuse wurde so lange nicht mehr berührt, dass ich kurz zusammenzucken muss – Ach herrje! Will sie mich wohl benutzen? Ich weiß gar nicht, ob ich noch funktioniere. Sie lächelt und auch ich lasse vor Freude unwillkürlich meine Saldierwerke rattern. Meine Geschichte würde sie gerne hören. Da lasse ich mich nicht zweimal bitten.

Der Aufstieg der Triumph Werke

Ich selbst bin ein Kind der Triumph Werke Nürnberg AG und deshalb möchte ich dir erst einmal etwas über die Entstehung dieses Unternehmens erzählen. Der Kaufmann und spätere Gründer von Triumph, Siegfried Bettmann, wanderte 1884 nach England aus. Dort gründete er eine Fabrik für Fahrräder, die später zu dem Unternehmen Triumph Motorcycles Ltd wurde. Knappe zehn Jahre später versuchte er zusammen mit Investoren das Erfolgskonzept auch in Deutschland zu etablieren. In seiner Heimatstadt Nürnberg entstand deshalb eine Tochtergesellschaft, die ebenso die Produktion von Fahrrädern aufnahm. Was natürlich viel interessanter ist: Wie kommt man von der Herstellung von Rädern zu Schreibmaschinen? Indem man im Jahr 1909 die Herstellungsrechte der Schreibmaschine „Norica“ der Schreibmaschinenwerke Kührt & Riegelmann GmbH übernimmt. Das war die Geburtsstunde eines neuen Geschäftszweigs, der zu einem wichtigen Standbein des Unternehmens werden sollte.

Triumph VZM Bild: Angelina Knauer

Die glorreichen Dreißiger

Vor allem in den Dreißigern, als die ersten rechnenden Buchungsmaschinen mit Zählwerken, Schreibbuchungsmaschinen und Vielzählwerksbuchungsmaschinen (VZM) erschienen, rollte die Reichsmark. Alles begann mit der Ersten unserer Art. Ende der zwanziger Jahre brachten die Triumph Werke ihre erste Buchungsmaschine auf den Markt. Sie bestand aus der Schreibmaschine Basismodell 10 mit Journalführung und zusätzlichen Rechenwerken. Dieses Modell konnte als gewöhnliche Schreibmaschine im Büro verwendet und durch den Austausch entsprechender Schreibwagen zu einer Buchungsmaschine umfunktioniert werden. Der erste Schritt in die Organisationswelt war vollzogen. Die Arbeitsabläufe verliefen durch die Schreibbuchungsmaschine (SBM) fehlerfreier und schneller.

Buchungsvorgänge vereinfachen

Denn du musst wissen: In Zeiten der manuellen Buchführung waren geschäftliche Buchungsvorgänge aufwendig und zeitraubend. Einzelne Posten mussten im Kopf addiert und dann von Hand in das Geschäftsbuch unter einem bestimmten Konto eingetragen werden. Um Unstimmigkeiten wie falsche Berechnungen und fehlerhafte Beziehungen zwischen Posten, Text und Referenz zu vermeiden, arbeiteten Buchhalter deshalb frühzeitig maschinell. Allerdings zunächst mit zwei Maschinen: einer Rechenmaschine zum Berechnen der Summen und einer Schreibmaschine für den Übertrag. Die Buchungsmaschine vereinfachte diese Vorgänge, indem sie die typischerweise vorkommenden Berechnungen in Teilen automatisierte und mit der dafür benötigten Maschinerie kombinierte. Diese Modernisierung und die damit verbundene Beschleunigung der Arbeitsabläufe führte innerhalb kürzester Zeit zu einer enorm großen Nachfrage. Die Verkaufszahlen explodierten.

Was kann ich, was du nicht kannst?

So kam ich ins Rampenlicht, als Nachfolgemodell der ersten SBM. Ich beherrschte nicht nur die Komplexität der Buchführung, sondern konnte mich zugleich auch jedem Kundenwunsch anpassen. Im Gegensatz zum Vorgängermodell hatte ich außerdem einen elektrischen Wagenrücklauf, der  den Kraftaufwand während des Arbeitens enorm reduzierte. Bereits die Beschreibung aus meiner Gebrauchsanweisung sang ein Loblied auf mich: „Die Triumph-Vielzählwerks-Buchungsmaschine ist eine Universalmaschine, die nicht nur für Buchungszwecke, sondern auch für die verschiedenartigsten sonstigen Arbeiten in einem kaufmännischen Betriebe verwendet werden kann. Überall dort, wo rechnerische Arbeiten mit gleichzeitiger Textniederschrift vorkommen, kann die Triumph-Vielzählwerks-Buchungsmaschine eingesetzt werden.“ Der Kunde konnte zwischen sieben Wagengrößen, einer Vielzahl von Saldierwerken und drei verschiedenen Schreibwagen-Ausstattungen wählen. Dadurch blieb kein Wunsch mehr offen. Ein richtiger Kassenschlager eben.

Buchhalter beim Arbeiten auf der VZM. Links im Bild die Generalumkehrtaste. Bild: Angelina Knauer

Die Technik steckt im Detail

Wie mein Name bereits sagt, wurde ich vor allem zu Buchhaltungszwecken benutzt. In der Finanzbuchhaltung, Versicherungsabrechnung, Fakturierung und für statistische Arbeiten war ich nicht mehr wegzudenken. Das Spektrum des Funktionsumfangs variierte stark. Die fortschreitende Entwicklung brachte eine Zunahme der Komplexität mit sich. Auch ich bin aus Teilen verschiedener Generationen zusammengeschustert worden. Denn wegen der Kompatibilität der einzelnen Teile miteinander war es kein Problem, Maschinenteile verschiedener Generationen zu verbinden – und natürlich auch kostengünstiger als eine Neuanschaffung. Mein Rumpf ist das Basismodell VZM Standard 12 und laut Herstellungsdaten im Jahr 1942 hergestellt worden. Das Längszählwerk ist aber von einer SBM Basismodell 10 aus dem Jahr 1932. Ich bin wie ein Modellbaukasten, den man nach Belieben zusammensetzen kann.

Vorteile des Modellbaukastens

Die einfache, längsrechnende Maschine mit Additions- und Subtraktionsfunktionen eignete sich besonders als Fakturier- und Konto-Korrent-Maschine, zum Ausschreiben von Listen und Postscheck-Überweisungen. Die vertikal rechnende Maschine ermöglichte hingegen die Addition einzelner Journalbögen und eignete sich gut für die Errechnung laufender Umsätze auf einzelnen Kontokarten.

Die VZM von oben. Bild: Angelina Knauer

Im Prinzip wurde auf jede zu bearbeitende Spalte ein Rechenwerk platziert, eingestellt und im Anschluss durch Eingabe der Buchung entsprechend in Gang gesetzt – die Berechnung, also Addition oder Subtraktion, konnte dann auf dem Saldierwerk abgelesen werden. Zusätzlich zu den verschiedenen Maschinenteilen gab es eine Reihe von Möbeln, die zur Bequemlichkeit beitragen sollten. Denn Triumph war auch im Organisationsmittelhandel vorne mit dabei. Ein praktischer Buchungsmaschinentisch, der sich in einem Preissegment von 75 bis 400 Reichsmark bewegte, erleichterte beispielweise das Arbeiten mit der Vielzählwerks-Buchungsmaschine.

Der Fall

Trotz allem sind sowohl ich als auch die SBM nur die Anfänge der Buchungsmaschinen gewesen. Das Arbeiten auf uns war nicht ganz unkompliziert und erforderte Konzentration, Präzision und gute Maschinenkenntnisse. Im Laufe der Jahre wurden Maschinen mit einfacherer Handhabung und Datenspeichern konzipiert. Das heißt, die Buchhalterinnen mussten sich immer weniger notieren oder merken. Da konnten wir nicht mehr mithalten und die Produktion wurde 1958 eingestellt. Um konkurrenzfähig zu bleiben, brachte Triumph 1957 neue Wettkämpfer ins Spiel: die elektromechanischen Buchungsmaschinen Euconta 100 und Euconta 200. Ihre Rechen- und Steuerwerke bestanden aus Relais-Schaltungen. Neben einem Rechen- und Schreibspeicher hatte die Euconta-Serie zusätzlich noch 10-/12-stellige Datenspeicher. Der Todesstoß für mich und meinesgleichen. Nach so vielen Jahren konstanter Leistung wurde ich einfach lieblos in einem Kellerabteil abgestellt. So als hätte es mich nie gegeben. Mich, die Zuse, den Lochstreifenkodierer und das Raumschiff. Waren wir einst große Nummern, stehen wir nun alle hier. Seite an Seite, im Trauerspiel der Vergänglichkeit.

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