Die Schattenseiten des Lichts

Mitternacht. Die Kaiserburg thront majestätisch über dem Nürnberger Stadtbild, die Sandstein-Fassaden werden angestrahlt. Kunstvoll beleuchtet ragen die Türme von Sankt Lorenz und Sankt Sebald in die Luft. Großstadt und Licht – das hängt ganz klar zusammen.

Mit Helligkeit verbinden wir grundsätzlich positive Dinge wie Sicherheit, Wärme und Modernität. Mit Blick auf Kriminalität, Wohlbefinden und kulturelles Leben hat künstliches Licht unsere Gesellschaft um vieles bereichert. Besonders wenn es um Sicherheit auf Straßen geht, spielt es eine große Rolle. Ein Gedankenspiel: Man schaltet auf einer mittelmäßig befahrenen Straße jede zweite Laterne aus. Ein Autofahrer erlebt nun eine optische Täuschung: die nicht beleuchteten Streckenabschnitte werden vom Auge gar nicht wahrgenommen, Objekte dort sind unsichtbar. Was das für Personen- und Wildunfälle bedeutet, erschließt sich von selbst. Aber auch der Wohlfühlfaktor in Städten ist wichtig. Es ist ein Teil von Lebensqualität, zu späterer Stunde oder gar nachts nicht durch eine komplett verdunkelte Stadt laufen zu müssen. Kriminalität wird auch durch Beleuchtung vorgebeugt.

Die Erhellung des Nachthimmels durch künstliches Licht

Was einen großen Bereich unserer modernen Infrastruktur bildet, hat aber auch seine Schattenseite. „Viele Kinder, aber auch Erwachsene können mit dem Sternenhimmel heute nichts mehr anfangen“, sagt Matthias Gräter. Der Geschäftsführer der Regiomontanus-Sternwarte in Nürnberg hat regelmäßig mit den Problemen unserer Großstadtbeleuchtung zu kämpfen. Die Nürnberger Sternwarte wurde im Jahr 1931 eröffnet, damals noch am Rande der Stadt. Durch die etwas erhobene und isolierte Lage auf dem Rechenberg bekommt die Sternwarte zwar kein direktes Streulicht ab. Doch mittlerweile leuchtet rundherum die ganze Stadt in aller Pracht. Ein besonders großer Dorn im Auge der Astronomen ist der Business Tower. Mit voller Kraft strahlt er nachts in den Himmel und verwehrt so den Blick auf unsere Sterne.

„Eine der ältesten Wissenschaften und Beobachtung des Menschen werden uns dadurch weggenommen“, klagt Gräter. Dass der Mensch Licht braucht, sei völlig klar. Doch die Ausmaße, die Beleuchtungen in Städten annehmen, gingen zu weit. Astronomen leiden unter den immer schlechter werdenden Sichtverhältnissen. Während es bereits Mindestwerte für Beleuchtung gibt, lassen Beschränkungen und genaue Regelungen für die Maximalwerte noch auf sich warten. Verschiedene Initiativen und Organisationen versuchen seit Jahren, das zu erreichen. Wohl am bekanntesten ist die von Astronomen organsierte International Dark Sky Association, kurz IDA. Mit ihrem preisgekrönten „Dark Sky Places Program“ (von der IDA ausgewiesene Lichtschutzgebiete), Aufklärungsarbeit und Zertifizierungen setzt die Organisation international Standards für einen rücksichtsvollen Umgang mit dem Nachthimmel.

 

Wegweiser zu später Stunde: Beleuchtung sorgt in Städten für Orientierung und Sicherheit. Foto: Pixabay

Regeln, Normen und Gesetze

Eine gänzliche Verdunklung zur späten Stunde fordern aber die wenigsten, auch nicht Gräter. „Was ich mir wünschen würde, wäre eine rechtliche Sicherheit, was so an maximaler Beleuchtung sein darf und kann. Gesetzlich gibt es da bisher nichts, jeder kann so viel Licht in den Himmel blasen, wie er möchte. Auf der anderen Seite werden alle Leute gezwungen, LEDs zu verwenden, um Energie zu sparen. Bei Großanlagen wird nicht darauf geachtet. Das ist nicht in Ordnung!“

Was es bereits gibt, sind Normen, Richtlinien und Zertifizierungen. Die Lichttechnische Gesellschaft beschäftigt seit 70 Jahren einen Fachausschuss für Außenbeleuchtung. „Ein Normausschuss ist immer ein Zusammenkommen diverser Interessengruppen. Dann wird versucht, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden“, erzählt Thomas Klimiont, Vorsitzender der LiTG. In Deutschland selbst sieht er das Thema aber überhaupt nicht kritisch. Zum Vergleich: weltweit nimmt Beleuchtung 19 Prozent des gesamten Verbrauchs ein, in Europa sinkt der Anteil schon auf 14, in Deutschland auf zehn Prozent!

„Dass eine Lichtkuppel über Ballungsgebieten entsteht, ist ja klar“, meint Klimiont, der Begriff Lichtverschmutzung sei aber viel zu extrem. „Den Begriff sollte man insofern präzisieren, dass solches Licht, das für Sicherheit und Wohlbefinden sorgt, nicht als Verschmutzung gilt. Dafür gibt es Standards und Normen“. Viel eher solle der Blick auf rein dekorative Beleuchtung gerichtet werden. Ein Schaufenster oder eine Leuchtreklame muss, um sich von der Umgebung abzugrenzen, fünfmal so helles Licht abgeben. Im Gegensatz zu sparsam angebrachter Straßenbeleuchtung strahlt dieses Licht dann meist unkontrolliert in die Umgebung.

Der Blue Marble Navigator funktioniert wie Google Maps und zeigt auf beeindruckende Weise, wie viel Licht Städte auf der ganzen Welt abstrahlen. Foto: www.blue-marble.de

In manchen Ländern gibt es bereits Gesetze zur Eindämmung der Lichtverschmutzung, erstmals im Jahr 1988 das spanische Ley del Cielo („Himmelsgesetz“). Wie lange es in Deutschland noch braucht, bis die Gesetzgebung sich dahingehend ändert, ist unklar. Doch die Sensibilität für das Thema steigt mit dem allgemeinen Umweltbewusstsein.

Morgendämmerung. Die letzten Feierwütigen und die ersten Arbeitstüchtigen bewegen sich vereinzelt durch die Stadt. Noch leuchten die Straßenlaternen. Aber Burg und Kirchen versinken im Schatten ihrer selbst.

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