Die unsichtbaren Dirigenten – der Beruf des Fahrdienstleiters

Die Ansage am Bahnsteig 8 ertönt: „Vorsicht bei der Einfahrt!“ Der ICE in Richtung München-Hauptbahnhof bahnt sich seinen Weg durch das dichte Netz der Gleise.

Damit dieser Vorgang parallel an anderen Bahnsteigen ebenfalls stattfinden kann, muss der Zugverkehr richtig koordiniert werden. Eisenbahner im Betriebsdienst Fachrichtung Fahrweg, so lautet die offizielle Berufsbezeichnung. Laut Angaben der Bahn arbeiten etwa 13.000 von ihnen an circa 1.600 Standorten in Deutschland. Sie sind verantwortlich für rund 2,3 Millionen Reisende pro Jahr. Einer von ihnen ist Tim Grams, ehemaliger Fahrdienstleiter in Hannover, der jetzt in der Social Media-Abteilung der Deutschen Bahn tätig ist. „Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein und den Willen, die Bahn Tag für Tag ein bisschen besser zu machen“ sind für ihn die Kernanforderungen an diesen Beruf. „Das Einzige, was geordnet ist, ist die Schichtübergabe. Der Rest ist nicht plan- oder strukturierbar“, sagt Grams. Die Angestellten müssen auf Verspätungen, technische Ausfälle oder Umplanungen reagieren können. Einen einheitlichen Tagesablauf gibt es also nicht. „Damit der Betrieb für den Kunden auf der Schiene im Personen- und Güterverkehr reibungslos funktioniert, braucht es bei Beeinflussungen oder Störungen des Regelbetriebs ein schnelles und zielgerichtetes Vorgehen“, erklärt eine Bahnsprecherin.

Altbewährt und zuverlässig: Relaisstellwerke steuern den Großteil des Bahnnetzes in Deutschland. Foto: Tim Grams

Das Bahnsignal kurz vor dem Nürnberger Hauptbahnhof zeigt Stopp an. Der Regionalexpress aus Bayreuth kommt zum Stehen und muss warten, bis ein anderer Zug das Gleis überquert. Dieser rauscht vorbei. Die Weichen stellen sich neu ein. Das Signal erteilt die Freigabe. Der Zug kann einfahren. Um das zu realisieren, gibt es verschiedene Stellwerkstechniken, die im Laufe der Jahre immer weiterentwickelt wurden. Etwa 28 Prozent des Schienennetzes in Deutschland wird, laut Angaben der Bahn, noch immer von mechanischen Stellwerken gesteuert. Diese funktionieren über Hebel- und Drahtzüge und werden per Hand umgelegt. Hier ist Muskelkraft gefragt. Der Nachteil: Die Weichen dürfen nicht weiter als 800 Meter vom Stellwerk entfernt sein. Für Tim Grams sorgte diese Technik für einen besonderen Moment in seiner Ausbildung. „Beeindruckend, dass diese Technik, die älter als 100 Jahre ist, bestens funktioniert.“

Von Mechanik zur Elektronik

Die meisten Streckenabschnitte werden allerdings über sogenannte Relaisstellwerke gesteuert. Hier sind die Gleispläne auf einem fest installiertem Stelltisch eingebracht. Weichen und Signale sind als Lichtpunkte markiert. Durch mechanisches Drücken der Tasten werden die Weichen und Signale elektrisch angesteuert und verändert. Als Sicherheitsfaktor werden nur logische Schaltvorgänge akzeptiert. So kann verhindert werden, dass beispielsweise zwei Züge auf einem Gleis fahren können.

Tim Grams bedient ein ESTW-Stellwerk. Nur etwa zwölf Prozent des Bahnnetzes werden so gesteuert
Foto: Tim Grams

Ein Fahrdienstleiter steht vor verschlossener Tür im Nürnberger Hauptbahnhof. Er zückt seine Mitarbeiterkarte, hält sie an das Lesegerät und die Tür öffnet sich. Nun ist er im Sicherheitsbereich der Deutschen Bahn. An seinem Arbeitsplatz befinden sich acht Monitore, Tastatur, Maus und Telefon. Der Arbeitsbereich in einem elektronischen Stellwerk (ESTW) besteht nur aus IT-Anlagen. Diese können größere, regionale Streckennetze per Mausklick steuern. Das Schienennetz ist auf den verschiedenen Monitoren abgebildet. Laut der Deutschen Bahn werden aber nur etwa zwölf Prozent des Streckennetzes in Deutschland mit dieser Technik gesteuert. Tendenz steigend. „Stellwerke werden im Zuge der Digitalisierung immer moderner und IT-Systeme immer wichtiger, dadurch wird sich das Berufsbild des Fahrdienstleiters weiterentwickeln“, sagt eine Bahnsprecherin.

Im Wandel der Zeit

In Zukunft könnten Fahrdienstleiter eine noch größere Rolle einnehmen. Laut dem ehemaligen Bahnchef Rüdiger Grube soll in den 2020er Jahren das autonome Fahren der Züge realisiert sein. Dies bestätigte er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Eisenbahner im Betriebsdienst Fachrichtung Fahrweg könnten dann für die Überwachung und notfalls für die Steuerung der Züge verantwortlich sein.

Als Bahnhofsbesucher oder Zugpassagier nehmen wir in der Regel diese Berufsgruppe kaum wahr. Doch eine einzige fahrlässige Entscheidung eines Fahrdienstleiters kann Menschenleben kosten. So etwa wie in Bad Aibling, als am 9. Februar 2016 zwölf Menschen aufgrund einer fahrlässigen Entscheidung des zuständigen Eisenbahners starben. Trotz Digitalisierung und Sicherheitseinrichtungen ist hier auch heute noch die Aufmerksamkeit des Menschen gefragt.

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