Digitale Frischzellenkur für den Behaim-Globus

Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt. Das würde sich wahrscheinlich auch der Behaim-Globus denken, könnte er sich im Spiegel sehen. Kein Wunder: Denn Alterung und mangelnde Pflege haben beim ältesten erhaltenen Globus der Welt ihren Tribut gefordert. Heute,…

Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt. Das würde sich wahrscheinlich auch der Behaim-Globus denken, könnte er sich im Spiegel sehen. Kein Wunder: Denn Alterung und mangelnde Pflege haben beim ältesten erhaltenen Globus der Welt ihren Tribut gefordert. Heute, über 500 Jahre nach seiner Fertigstellung, sind die einst leuchtend azurblauen Meere verblasst, die Landmasse in ehemals kräftigen Ocker-Tönen sind verschmutzt und die vielen verdorbenen Stellen machen es nahezu unmöglich, die Inschriften zu lesen. Eine große Delle, die sich um die untere Aufhängung des Globus gebildet hat, zeugt darüber hinaus nicht gerade von jugendlicher Robustheit.

Mit Digital Humanities hält die Technik Einzug in die Geistewissenschaften

Den Zustand des Behaim-Globus beschreibt Thomas Eser daher als „sehr fragil“. „Niemand weiß sicher, welcher kleinen mechanischen Zusatzbelastung es bedarf und der Globus bricht ganz durch“, sagt Eser, der als promovierter Forscher im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg für den unter der Leitung von Martin Behaim gebauten Globus verantwortlich ist. Als lebenserhaltende Maßnahme wird der Globus, seiner Lichtempfindlichkeit wegen, in einem abgedunkelten Raum des Museums ausgestellt. Eine schützende Glasvitrine umgibt ihn, Fotografieren mit Blitzlicht ist streng verboten.

Doch trotz des bedenklichen Zustandes des Behaim-Globus können Forscher dessen Kartenbild weiterhin untersuchen, erschließen und weiterverarbeiten. Möglichkeiten ergeben sich hierbei durch ein noch relativ junges Forschungsgebiet namens Digital Humanities. Sie umfassen allgemein die Anwendung technischer und computergestützter Verfahren auf die klassischen Kultur- und Geisteswissenschaften.

Die zahlreichen langen Inschriften auf dem Behaim-Globus

Die zahlreichen langen Inschriften auf dem Behaim-Globus

Helfen können die Digital Humanities beispielsweise bei den Inschriften auf dem Behaim-Globus. Diese sind im Laufe der Geschichte mehrmals ausgebessert und überschrieben worden. Mithilfe einer kleinen Handtaschenlampe beleuchtet Thomas Eser markante Inschriften, bei denen man mit bloßem Auge nur erahnen kann, dass sich unter der kräftigen roten Schrift noch weitere Wörter und Sätze verbergen. Eser löscht das Licht der Taschenlampe und erklärt, wie man mithilfe einer nicht-invasiven technischen Maßnahme namens Infrarot-Reflektographie diese überschriebenen Inschriften sichtbar machen will. „Hierfür werden wir eine Strahlenquelle auf den Globus richten und mit einem Fotoapparat, der über einen Sensor für diesen langwelligen Bereich verfügt, die jeweiligen Inschriften aufnehmen“, erklärt Eser und deutet mit seinem Finger auf eine der mehr als 50 langen Beschriftungen. „Damit werden möglicherweise Inschriften sichtbar, die sich unter der Oberfläche befinden.“

Löst die Digitalisierung den altgedienten Wissenschaftler ab?

Ein weiterer wichtiger Baustein der Digital Humanities ist die Digitalisierung. Museen und Forschungseinrichtungen sind dazu angehalten, ihren Bestand zu digitalisieren und ihn als Open Source im Internet für jeden Bürger frei verfügbar zu machen. Beim Behaim-Globus soll dies mit einem online verfügbaren 3D-Modell verwirklicht werden.

Die Digitalisierung sieht Eser jedoch nicht nur mit einem lachenden, sondern auch mit einem weinenden Auge. „Als Historiker bin ich hin und hergerissen zwischen der analogen und der digitalen Veröffentlichung.“ Auf der digitalen Seite seien Vorteile wie die Aktualität von Wissen, Korrekturmöglichkeiten und die freie Verfügbarkeit nicht von der Hand zu weisen. Wichtige Fragen wie die des Urheberrechts und der Qualitätssicherung seien bisher jedoch noch unbeantwortet. Ein weiteres Problem: „Wenn in Zukunft alle Bücher und Dokumentationen online verfügbar sein sollten, wer geht dann noch persönlich in Bibliotheken und Archive? Da ist die Digitalisierung der Feind der eigenen Stelle“, mahnt Eser.

Beim Thema Nachhaltigkeit der digitalen Dokumentation haben die Forscher zudem mit der Format-Problematik zu kämpfen. „Man kann Daten, die mit Datenbank-Programmen vor wenigen Jahren erstellt worden sind, auf modernen Computern heute gar nicht mehr anschauen“, beschreibt Mark Fichtner das Problem.

WissKI digitalisiert das Germanische Nationalmuseum

Fichtner ist deshalb als Mitarbeiter des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg derzeit an der Entwicklung einer virtuellen Forschungsumgebung und Dokumentationsplattform namens WissKI beteiligt. Um Kompatibilitätsprobleme zu vermeiden, baut WissKI auf der logischen Computersprache CIDOC-CRM auf, die zum ISO-Standard in der Museumsdokumentation erhoben worden ist.

„Es gibt viele verschiedene Miniaturen auf dem Behaim-Globus und für diese gibt es eine Eingabemaske“, beschreibt Fichtner die Bedienoberfläche von WissKI anhand eines Beispiels. Er öffnet am Computer ein WissKI-Formular mit Textfeldern, in die der Forscher beispielsweise den Titel der Miniatur, die Farbe und den Miniaturentyp eintragen kann. Im Hintergrund werden nun, ohne dass der Forscher es merkt, automatisch Datenpfade mit der logischen Sprache CIDOC-CRM in Form eines komplexen Spinnennetzes angelegt. „Die Programmierung der Datenpfade ist viel zu komplex, um das den Geisteswissenschaftler machen zu lassen“, so Fichtner.

Diese neuartige Dokumentation in einer logischen Computersprache ermöglicht auch die Verknüpfung zwischen verschiedenen Museen. Auf dem Behaim-Globus ist beispielsweise in Nordafrika eine Elefantenherde eingezeichnet. „Wenn wir nun diesbezüglich Informationen von einem Naturhistorischen Museum zur Verfügung haben, können wir solche Infos in WissKI einbinden“, beschreibt Fichtner eine mögliche Integration der Daten. Bei dem zukünftigen 3D-Modell des Globus könnte der Nutzer nun beispielsweise auf die Elefanten klicken und würde automatisch zu den Informationen des Naturhistorischen Museums weitergeleitet werden.

Zweifel bleiben auch in Zukunft

Sind die Digital Humanities also das neue „Wundermittel“ für die geisteswissenschaftliche Forschung und Dokumentation? Eser ist skeptisch: „Wir müssen Zusammenhänge sehen und Folgerungen ziehen können, und das findet im Hirn des Wissenschaftlers statt und nicht auf irgendeinem Server.“ Das Resümee des Wissenschaftlers lautet deshalb: „Die Digital Humanities sind nur Werkzeuge, um neue Antworten zu liefern. Mehr nicht.“

 

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