Digitale Identität: Der Fluch, der keiner ist

„Ich bin 20 Jahre alt und heiße Jasmin“, sagt Yüksel Say zu Beginn seines Vortrages im Zuge der Web Week 2017. „Mit diesen Angaben bekomme ich beispielsweise in Internetforen deutlich schneller Antworten auf Fragen, als wenn ich das unter meinem richtigen Namen versuche“,

ergänzt der Unternehmensberater für Neue Medien. Seine Methode nutzt ein Klischee aus, aber die Effektivität lässt sich kaum bestreiten. In der heutigen Zeit ist im Grunde sowieso jeder Mensch mit mindestens einer fiktiven Identität im Netz unterwegs, ob jetzt von einem weiblichen 20-Jährigen Ich die Rede ist oder einem Instagramprofil, das nur aus Bildern von Essen und Hunden besteht. Nichts davon sagt etwas über die Person hinter dem Account aus.

 

Alles ist Online

 

Fingerabdruck mit Binärcode. Quelle: Pixabay

Im Zeitalter der Digitalisierung wird es sogar schwer, überhaupt noch etwas zu finden, was als „analoge Identität“ bezeichnet werden könnte. Digitale Identität umfasst im Grunde alles, womit ein Individuum in unserer Gesellschaft klar in Zusammenhang gebracht werden kann, vom Offensichtlichen wie Name, Fingerabdruck und Adresse bis hin zu Sucheingaben bei Google oder anderen Suchmaschinen. Wer vor dem ersten November 2010 seinen Personalausweis erhalten hat, kein Handy besitzt und auch daheim auf eine Verbindung zum Internet verzichtet, kann möglicherweise von sich behaupten, dass seine persönlichen Daten im Netz unauffindbar sind. „Jedoch sollten Sie eines Tages doch von der freundlichen jungen Dame am Straßenrand zu einem Gewinnspiel überredet werden, verlieren Sie auch gleichzeitig ihre Anonymität, ohne es überhaupt zu bemerken. Informationen sind lukrativ; etwa 1,20 € – 1,50 € ist ein komplett ausgefüllter Spielschein Wert und durch das Unterschreiben berechtigen Sie gleichzeitig den Verkauf Ihrer Daten an Dritte“, erklärt Say.

Es mag beängstigend wirken, wie schwer es ist, nicht vom Internet erfasst zu werden, aber sich zu verstecken, scheint keine langfristige Lösung des Problems zu sein. „Haben Sie sich schon einmal selbst gegoogelt“, fragt Yüksel Say in die Runde der Teilnehmer. Nur eine Handvoll Meldungen sind zu sehen und genau das ist die Problematik, über die sich viele Internetnutzer nicht im Klaren sind. Zwar werden fleißig andere Personen im Netz gesucht, doch oft wird vergessen, wie das eigene „Gesicht“ aussieht. „Wenn Sie jemand im echten Leben schlecht aussehen lässt, wollen Sie das doch auch wissen. Wieso interessiert es Sie dann nicht, wie Sie auf den ersten drei Seiten von Google aussehen“, sagt Say. Speziell in der Arbeitswelt suchen Arbeitgeber schon, bevor es überhaupt zu einem Vorstellungsgespräch kommt, nach Informationen über die verschiedenen Bewerber im Internet. „Nutzen Sie möglichst viele Portale der Selbstdarstellung, um Ihrer digitalen Identität eine eindeutige und von Ihnen kontrollierte Persönlichkeit zu geben“, fordert der Experte.

 

Übersicht im Netz

Yüksel Say während seinem Vortrag. Foto: Lucas Ott

„Wie soll ich das alles gleichzeitig unter einen Hut bekommen“, fragt eine der Teilnehmerinnen, die anonym bleiben will. Die Funktion Google-Alert beispielweise ermöglicht, für konkrete Suchbegriffe (Beispiel „Max Mustermann“ mit Anführungszeichen) alle bisherigen und zukünftigen Neuerungen zu einer bestimmten Person oder Thema per Mail zu erhalten. Dadurch können Maßnahmen gegen unerwünschte Beiträge, wie falsche Tatsachenbehauptungen oder unrechtmäßig hochgeladene Bilder, ergriffen werden. „Wenn Sie selbst aber keinen Durchblick über bestimmte Rechtslagen haben oder eine Person des öffentlichen Lebens sind und deshalb die Suchmaschinen etwas zu umfangreiche Ergebnisse liefert, besteht die Möglichkeit, Portale zu engagieren, die sich um Rufschädigung kümmern und alle rechtswidrigen Dinge zur Ihrer Person aus dem Netz entfernen“, erklärt der Referent. Die Arbeit, die in der Pflege eines Accounts bei den Sozialen Medien wie Twitter, Facebook oder Xing entsteht, wird überschätzt. Mal abgesehen von der Erstellung eines solchen Accounts, hängt es von jeder Person selbst ab, wie aktiv dieses Medium genutzt wird. Wichtig ist, präsent zu sein. Besonders Plattformen wie Xing werden in der Arbeitsbranche immer populärer, weil Betriebe sich dort leicht potentielle Arbeitskräfte suchen können. Bei Berufen, in denen eine gewisse Affinität zu Medien vorausgesetzt wird, ist es teilweise bereits kontraproduktiv, keinerlei Identität im Internet vorweisen zu können.

 

 

Interview mit Yüksel Say
Geschäftsführer von Say media consulting

Yüksel Say. Foto: Lansyn

Es gibt keinen Grund, vor der Digitalisierung Angst zu haben, aber Jeder muss sich damit beschäftigen. Das war der Hauptgedanke der Veranstaltung „Digitale Identität“ auf der Nürnberg Web Week. Der Experte für Neue Medien Yüksel Say stand nach seinem Vortrag noch Rede und Antwort.

 

Was halten Sie davon, wie sich Menschen heutzutage im Internet präsentieren?

Ich kann es nicht nachvollziehen, wieso so wenig darauf geachtet wird, seine Persönlichkeit entsprechend zu präsentieren. Im wirklichen Leben versucht man schließlich auch nicht, durch unangebrachte Aussagen und peinliche Aktionen sein Image zu beschädigen, besonders wenn die Personenzahl, die potenziell diese Daten zu sehen bekommt, so groß ist wie nie zuvor.

Sehen Sie ein Problem darin, dass besonders Jugendliche noch mehr von ihrer Persönlichkeit im Netz preisgeben?

Grundsätzlich ist es schwer für unsere Generation, dies zu beurteilen, weil Jugendliche ganz anders mit ihrer Offenheit umgehen. Zwar wirkt es aktuell noch sehr überzogen, so viel Zeit in Snapchat oder Instagram zu investieren, aber vor 20 Jahren hätte auch kein Politiker erwartet, dass er mal etwas auf Twitter bekannt gibt. Wichtig ist nur, den Kindern beizubringen, gewissenhaft mit den verschiedenen Medien umzugehen, weshalb ich auch einige Vorträge an Schulen halte.

Mittlerweile gibt es Modelle, die es ermöglichen, über einen einzelnen Account viele Identitäten zu bündeln und dabei immer denselben Benutzernamen und dasselbe Passwort zu verwenden. Was denken Sie über diese neue Funktion?

Facebook hat bereits diese Möglichkeit angeboten, dass man sich mit seinem Facebook-Account auch auf anderen Portalen anmelden kann. Ich persönlich halte nichts davon, weil ich dadurch die Kontrolle an ein einziges Unternehmen gebe und ich mich lieber selbst um meine persönlichen Daten kümmere.

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