Dschungelstrapazen mit dem Ford Modell T

Tropfen sammeln sich auf dem Blech des Autos. Einzig die Motorhaube seines Ford Modell T ist so heiß, dass auch die kleinste Spur von Wasser sofort verdunstet. Henry Ford spürt die Luftfeuchtigkeit am ganzen Körper.

Immer wieder klatschen Schweißtropfen an die Innenseite der Autoscheibe, wenn er nach den zahlreichen Insekten schlägt. So ist es nun mal im brasilianischen Amazonasgebiet im Dezember 1930, kurz vor der Regenzeit. Eine andere Jahreszeit wäre sicherlich angenehmer. Doch es eilt. Keine Zeit, das Ende der Regenzeit abzuwarten. Die Errichtung von Fordlandia, einer eigens geschaffenen Arbeiterstadt in Brasilien, ist gewaltig in Verzug.

Der Traum von Fordlandia

Dort sollte schon lange eigenes Kautschuk für die Reifen, Fußmatten und Scheibenwischer produziert werden. Dann könnte die Firma Ford endlich alle Materialien selbst herstellen, träumte Gründer Henry Ford schon nach abgeschlossener Planung des Vorhabens. Seine innovative Fließbandfertigung, die das Ford Modell T mit über 15 Millionen Exemplaren zum Kassenschlager schlechthin machte, sollte unabhängiger von Fremdzulieferern werden. Doch die starken und lange anhaltenden Regenfälle haben den Boden im gesamten Gebiet aufgeweicht und so bereits im Vorfeld, noch lange vor seinem Besuch, zu Transportproblemen geführt.

Das Modell T aus dem Nürnberger Museum für Industriekultur. (Foto:Felix Zeiss)

Das Modell T aus dem Nürnberger Museum für Industriekultur. Foto: Felix Zeiss

Zehn Tage sollte seine Expedition von Belém, im Nordosten Brasiliens, nach Fordlandia dauern. Zehn Tage durch den Morast, auf Wegen, die eher Trampelpfaden als Straßen ähnelten, und Witterungen, die alles andere als lebensbejahend sind.  Sein Ford Modell T würde schon mit den Gegebenheiten zurechtkommen, dachte sich Henry. Es gibt bereits seit zwei Jahren ein Nachfolgermodell; allerdings konnte er vor Ort nur ein Modell T bekommen, das gerade wegen seiner Robustheit in Südamerika äußerst beliebt war. Eine gute Wahl für solch eine Reise, wie sich später rausstellen sollte. In Brasilien waren befestigte Straßen zu dieser Zeit und gerade in diesem Gebiet, abseits jeglicher Zivilisation, eher eine Seltenheit. Der Weg, welchen Raul, ein Einheimischer, für Henry rausgesucht hatte, bestand aus engen Wegen, die durch den starken Regen zu kleinen Bachläufen wurden.

Die Reise beginnt

„Wir müssen die Scheibenwischer verbessern“, murmelt Ford vor sich hin, als er versucht, seine Route durch die wasserfallartigen Regenfälle zu erkennen. Bei jedem kleinen Anstieg der Straße hat Henry stets seine Kühlerfigur im Blick. Das in die Figur integrierte Thermometer darf nicht zu weit ansteigen, sonst streikt der Motor. So erklimmt Henry mit seinem Modell T vorsichtig jeden Hügel. Kilometerweit ist das Aufheulen des Motors zu hören, wenn die 21-Zoll-Räder wegen des schlammigen Bodens durchdrehen. 20 Pferdestärken lassen Henry Ford Meter um Meter zurücklegen. Da erblickt er den großen roten Wasserturm, von dem Raul ihm erzählt hatte. Hier soll er noch einmal tanken, bevor er die letzte große Etappe bezwingt: a estrada íngreme – die steile Straße, wie sie von den Einheimischen genannt wird.

Eine für die Verhältnisse sehr breite Straße, die aber über eine Länge von einem Kilometer einen Höhenunterschied von 230 Metern überbrückt. Bei der Hälfte unterteilt ein Plateau die Strecke, die rechtsseitig einen steilen Abhang offenbart. Die Tankstelle ist rund 100 Meter von dem steilen Anstieg entfernt und perfekt für ein kurze Pause geeignet. Henry schaut voller Ehrfurcht die steile Straße hinauf, während er sein Auto betanken lässt. Die Regentropfen prasseln langsamer aber ohne Aussicht auf Pause auf das Wellblechvordach der Tankstelle. „Jetzt geht es los“, denkt Henry. Die Chance auf etwas weniger Regen muss er wahrnehmen.

Kühlerfigur

Die Messing-Kühlfigur dient gleichzeitig als Thermometer für den Motor. Foto: Felix Zeiss

So setzt er sich ans Steuer und fährt zielstrebig in Richtung des Anstiegs. Die Straße ist inzwischen so steil und der Boden so aufgeschwämmt, dass Henry mit seiner Tin Lizzy, wie das Auto liebevoll genannt wird, immer wieder leicht schräg zur Fahrbahn manövrieren muss. Immer wieder wuchtet er das Lenkrad mit aller Kraft von links nach rechts, um den Halt nicht zu verlieren. Doch die rund 645 Kilogramm Leergewicht ziehen ihn nach unten.

Das war zu viel

Der Motor kämpft um jeden Höhenzentimeter, als Henry ein lautes Knacken hört. Er merkt sofort, dass er nicht mehr richtig gegenlenken kann und drückt das Gaspedal durch – in der Hoffnung, auf das Plateau zu gelangen. Doch das war zu viel für den Motor. Das Thermometer kocht schon beinahe. Ein letztes Rattern des Zweigang-Planetengetriebes und der Motor stoppt. Die Bremsen greifen nicht bei dem steilen Gefälle und dem matschigen Boden. Das Fahrzeug rutscht unaufhaltsam in Richtung Tal. Die zurückgelegte Höhe war im Nu wieder verloren. Und noch schlimmer: Der Wagen knallt, kurz bevor er die Ebene wieder erreicht, gegen einen dicken Felsen und kommt zum Stehen. Wütend schlägt Henry mit seinen Fäusten auf das Holzlenkrad. „Verdammt“, durchschneidet Henrys Aufschrei die sonst nur von Regen durchzogene Stille. In drei Tagen wollte er eigentlich in Fordlandia sein. Doch das Wetter hat ihm abermals einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Regen und heißer Dampf

Ford steigt aus der Fahrerkabine und spürt sofort, wie der Regen seine Kleidung durchtränkt. Das nassheiße Klima und der Regen lassen ihm jede Bewegung beinahe unendlich schwer erscheinen. Er löst die Schrauben des Motorraums und öffnet die Abdeckung. Heißer Dampf steigt ihm vom vierzylindrigen Ottomotor entgegen. Während er den Motor abkühlen lässt, inspiziert er weitere Schäden an seinem sonst so zuverlässigen Modell T. „Auch das noch“, raunt er bei der Betrachtung seiner Hinterachse. Diese ist mittig gebrochen und sein linkes Hinterrad völlig verbogen. Der Leiterrahmen aus U-Profilen scheint nichts abbekommen zu haben.

Holzlenkrad

Das Holzlenkrad gibt dem Model T einen edlen Touch. Foto: Felix Zeiss

Hilfesuchend geht er in Richtung Tankstelle. Er guckt verzweifelt in Richtung seines Autos, als ein kleiner, rundlicher Mann an ihn herantritt. Was passiert sei, will er wissen, und spricht dabei beinahe akzentfreies Englisch, was wohl an der Nähe zu Fordlandia liegt, wo viele amerikanische Vorarbeiter leben. „Die Achse ist gebrochen“, antwortet Ford knapp. Dem kaputten Rad schenkt er keinerlei Beachtung, durchaus dessen bewusst, dass er ein Ersatzrad serienmäßig an seinem Modell T montiert hat. „Ich habe eine Werkstatt“, sagte Paolo, wie sich der Mann vorgestellt hat, aufmunternd in Richtung Henry. Mit Hilfe eines Abschleppwagens bringen sie den Wagen in die besagte Werkstatt. Sie demontieren das kaputte Rad und auch die gebrochene Achse.

Improvisation ist gefragt

„So ein Ersatzteil habe ich nicht“, erklärt Paolo etwas reumütig. „Kein Problem. Ich brauche nur etwas Altmetall und das Schweißgerät aus der Ecke da“, antwortet Henry. Die Achse und generell sämtliche Teile des Modell T sind so konzipiert, dass deren Teile in normalen Eisenwarengeschäften erhältlich sind oder die Reparatur einfach erledigt werden kann. Henry kennt die Technik des Wagens in- und auswendig, denn das Modell T bisher nur mehrere optische Änderungen durchlaufen, die Technik blieb weitestgehend gleich. Paolo staunt nicht schlecht, als Henry die beiden Achsteile zusammenlegt, sie mit kleinen Metallplatten wieder zusammenschweißt und die gesamte Achse mit der gleichen Technik weiter verstärkt. Henry hat gewusst, dass er sich etwas einfallen lassen muss, um die Anhöhe zu schaffen.

Die Achs- und Getriebeteile sind freiliegend aber durch Kapseln gegen Dreck geschützt. (Foto: Felix Zeiss)

Die Achs- und Getriebeteile sind freiliegend, aber durch Kapseln gegen Dreck geschützt. Foto: Felix Zeiss

Seine Blicke durchforsten die Werkstatt und bleiben an einer langen Stahlkette hängen. „Ich gebe dir 20 Dollar für die Kette“, ruft er beinahe etwas aufgeregt in Richtung Paolo. Dieser nickt. Henry hat eine Idee. Er teilt die Kette mit dem Schweißgerät in vier gleich lange Stücke und wickelt diese jeweils um den Reifen. Er zieht die Kettenglieder zwischen die Speichen und verschweißt die Enden miteinander. Die etwas martialisch anzusehenden Reifen sollen ihm bei seinem letzten Gefecht den Erfolg bringen.

Der letzte Anlauf

„Ich habe ein Feldbett hinten in meinem Büro. Bitte Herr Ford, ruhen Sie sich etwas aus“, offeriert Paolo Henry die Möglichkeit, eine Nacht zu pausieren. „Danke, Paolo. Sehr gerne“, antwortet Henry erleichtert. So verbringt er die Nacht im Büro der Tankstelle. „Guten Morgen, Mister Ford. Hier habe ich Kaffee für Sie“, weckt Paolo seinen Gast und hält ihm noch ein Sandwich hin. Hungrig verschlingt er sein Frühstück und macht sich fertig für die Weiterreise. Henry bedankt sich abermals bei Paolo und überreicht ihm das Geld für die Achse. An seinem Wagen füllt er noch das Kühlerwasser nach und tankt nochmals den 80-Liter Tank voll. Er öffnet die kleine Klappe, die mittig direkt vor der Windschutzscheibe sitzt, und dreht den Tankdeckel auf. Der Tank hat diese Position, da auch hier die Technik einfach sein soll. Keine aufwendige Pumpe, sondern einzig die Schwerkraft befördert das Benzin in den Motorblock.

„Viel Glück, Mister Ford“, ruft Paolo, als Henry wieder in das Auto steigt. Der Regen hat inzwischen nachgelassen und er hat gute Sicht, als er wieder in Richtung der letzten steilen Etappe fährt. „Sehr gut. Diesmal klappt es“, stimmt sich Henry selbst optimistisch. Die Ketten fressen sich in den schlammigen Boden und verhindern jedes Rutschen. Es ist beinahe, als würde er auf einem normalen Weg fahren. Er bezwingt behutsam Stück für Stück den Weg nach oben. „Es funktioniert!“ Als er auf dem Plateau ankommt, verzichtet er auf eine Pause und gibt weiter Gas. Diesmal hat er keine weiteren Probleme bei seinem Anstieg. Oben angekommen, hält er an und seine lauten Jubelschreie untermalen das freudige Klatschen auf den Ledersitzen. „Jetzt ist es so gut wie geschafft“, ruft Henry. Er steigt aus und erblickt bereits die ersten Umrisse einer Stadt: Fordlandia.

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