eHealth – Doktorspiele übers Smartphone

Das Handy vibriert. 250 Milliliter – Trinken nicht vergessen! Der Elektrolythaushalt muss im Gleichgewicht bleiben. Der Ernährungsplan via App ist abgestimmt auf die Bedürfnisse und Gewohnheiten des Benutzers. Der Hals kratzt, aber die Suchmaschine wird schnell herausfinden, was fehlt und…

Das Handy vibriert. 250 Milliliter – Trinken nicht vergessen! Der Elektrolythaushalt muss im Gleichgewicht bleiben. Der Ernährungsplan via App ist abgestimmt auf die Bedürfnisse und Gewohnheiten des Benutzers. Der Hals kratzt, aber die Suchmaschine wird schnell herausfinden, was fehlt und was man dagegen tun kann. Falls nicht, kann man ja in einem Gesundheitsforum nachfragen. Tiefenentspannt aufwachen durch einen Schlafphasenwecker. Schnell auf Facebook teilen, dass die 15 Kilometer beim Joggen endlich geknackt wurden. Armbänder, Uhren und Ringe, die ein Vitaldatenmonitoring erlauben, und es durch eine App zugänglich machen, ebnen den Weg zu einem neuen Gesundheits- und Fitnessbewusstsein.

In der Ära der Smartphones gibt es unendlich viele Möglichkeiten, unsere Gesundheit und unser Handeln zu überwachen. Gerade das Thema eHealth, ein Bereich der Medizintechnik, mausert sich durch den ständigen technischen Fortschritt zu einem Kassenschlager.

Weiterentwicklung der Medizintechnik

UrsprüngliS1ch wurde die Medizintechnik konzipiert, um Therapie, Diagnostik und die Lebensqualität von Patienten zu verbessern. „Medizinische Geräte sind oft lebenserhaltend oder lebensrettend. Sicherheit und Zuverlässigkeit in der Medizintechnik sind wichtige Faktoren“, erklärt Cäcilia Oberndorfer, angehender Master of Science der Medizintechnik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Durch die heutigen technischen Möglichkeiten hat diese jedoch viel mehr Facetten. Wir können uns selbst kontrollieren und analysieren. Aber auch Ärzten erleichtert medizinische Technik die Diagnostik und öffnet die Tür zu vielfältigen und individuellen Therapien. „Medizintechnik soll den Arzt bei der Arbeit unterstützen und bestmögliche Versorgung sicherstellen, ohne den Arzt zu ersetzen“, so Oberndorfer weiter. Die Spanne reicht von der Prophylaxe über Sensorik bis hin zu modischen Lifestyle-Produkten. „Gerade deshalb ist es wichtig, sich auf bestimmte Leitthemen zu fokussieren“, erklärt Julien Denis, Mitarbeiter des Medical Valley E.V. in Erlangen.

Denis macht deutlich, dass ein Mix aus Lifestyle und Medizintechnik am gefragtesten ist. Wearable Devices sind zu einem beliebten Lifestyle-Produkt geworden. „Durch das Quantified Self ist man trackbar“, erklärt er. Ein Fitnessarmband oder eine Uhr schickt die Vitaldaten an eine App auf dem Smartphone. Diese können dort gespeichert und analysiert werden. Um die eigenen Fitness- und Sportgewohnheiten zu verbessern und neue Impulse für die Weiterentwicklung des Self-Trackings zu setzen, können die Daten, Sportprogramme, Ernährungstipps auch in einem Forum anderen zugänglich gemacht werden. So ist ein reger Austausch möglich.

„Ich denke gerade darin liegt der Reiz für viele Menschen. Es ist ein Ansporn, sich mit anderen zu messen“, meint Denis. Eigentlich klar, wenn einem bewusst wird, wie sehr sich die Freunde beim Sport verausgaben und man selbst mit einer Tüte Chips auf der Couch vor dem Fernseher sitzt. Oft wird jedoch vergessen, wie viele persönliche Daten mit diesen Apps erfasst werden. Das Smartphone und dazugehörige Gadgets schaffen durch die Datensammlung ihrer User einen riesigen Datenpool, der Informationen wie Geburtsdatum, Gewicht und Größe öffentlich zugänglich macht. Über die Sportapps mit GPS teilt man freiwillig mit, an welchem Ort man sich gerade befindet. Denis sieht auch ein Problem in den zahlreichen, oft unseriösen Anbietern von eHealth Apps. „Man kann sich oft nicht sicher sein, ob die App wirklich effektiv und authentisch ist.“

Medizintechnik ist nicht nur Lifestyle

Auch wenn der Lifestyle-Aspekt in der Medizintechnik sehr beliebt und oftmals kostengünstig zu realisieren ist, dürfen die medizintechnischen Entwicklungen im Bereich der Therapie und Diagnostik sowie die Arbeit mit Blick auf ein verbessertes Gesundheitssystem keinesfalls außer Acht gelassen werden. „Durch neue Produkte und schnellere, sichere Verfahren werden die Behandlungen beschleunigt und somit vergünstigt. Der Faktor Zeit ist im Krankenhaus sehr stark mit dem Faktor Geld verbunden; das hilft natürlich, mit schnelleren Methoden Geld einzusparen. Durch effizientere und technisch verbesserte Diagnose- und Therapiemethoden können Krankenhausaufenthalte verringert beziehungsweise vorgebeugt werden“, so Maximilian Reymann, Mitglied des Core Teams und das Team des Innovation Research Lab der FAU Erlangen-Nürnberg. Mit der Digitalisierung soll außerdem der Verwaltungsaufwand minimiert werden. Es werden keine Doppeldaten mehr erhoben, durch elektronische Patientenakten werden die Daten kompakt gesammelt und zugreifbar.

Auch die Landflucht  der Ärzte veranlasst zu neuen Entwicklungen

„Telemedizin wird auch immer wichtiger werden“, prognostiziert Denis. Dem Thema des Ärztenotstandes auf dem Land soll dadurch entgegengewirkt werden. So ist es möglich, dass ältere Menschen oder Pflegepatienten, die auf eine ständige Überwachung angewiesen sind, länger und qualitativer zuhause leben können und die Datenübertragung bei Notfällen und für die häusliche Pflege einfacher gemacht wird. „Anwendungsgebiete wie Homemonitoring, Sturzerkennung und Notfallsysteme sind sehr gefragt“, bestätigt Oberndorfer.

Reymann stimmt diesen Aussagen zu. „Durch Telemedizin und Integration von immer mehr Sensoren in alltägliche Gegenstände werden Arztbesuche zurückgehen, da für kleine Routinekontrollen nicht mehr so häufig ein Arzt hinzugezogen werden muss. Dazu können auch Selbsttester für zu Hause beitragen.“ Reymann erklärt, dass dazu in Richtung Point-of-Care Tests geforscht wird. Diese waren bislang nur ambulant möglich. In der Zukunft soll beispielsweise ein HIV-Test zuhause durchgeführt werden können. Die Präzision dieser Tests ist jedoch bislang noch nicht abschätzbar. „Für kleinere Routinechecks werden Point-of-Care Tests ausreichend sein und die Zahl der Arztbesuche verringern können, da aufgrund des technischen Standards eine ausreichend hohe Präzision für den Heimgebrauch erreicht werden kann. Größere Untersuchungen lebenswichtiger Werte müssen jedoch weiterhin ambulant durchgeführt werden.“ Auch Oberndorfer sieht die steigende Notwendigkeit der Medizintechnik von zuhause aus. „Ärzte werden weniger und die Patienten durch die alternde Gesellschaft immer mehr. Es kommt zu einer Überbelastung der Ärzte. Auch viele Krankheiten, vor allem neurologische, Parkinson, Demenz und Arthrose, treten oft auf“.

Problematisch ist bislang immer noch die elektronische Gesundheitskarte, wie Denis betont. Hier steht der Datenschutz der Patienten im Vordergrund. Die bisherigen Mittel sind nicht mit dem Datenschutzgesetz vereinbar. Aber auch in dieser Richtung wird weiter geforscht. „Patientenakten auf dem Smartphone und für den Patienten jederzeit zugänglich, ist ein Aspekt, den die Entwickler ins Auge gefasst haben“, meint er.

 

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