Ein Blick durch das Fenster der Zeit

Fenster gibt es in dem Raum keine. Allein die blau-weißen Paneele erhellen das grau gestrichene Dachgeschoss. Geflüster in verschiedenen Sprachen hallt durch den hohen Raum, unterbrochen lediglich durch das Geräusch von Schuhen auf glattem, schwarzen Steinboden.

Die schrägen Tafeln wirken auf den ersten Blick willkürlich und mit ihrer Beleuchtung erinnern sie an ruhig treibende Eisberge in dunklem Wasser. Doch bei genauerem Hinsehen ist schnell klar: Einige der abgebildeten Schwarz-Weiß-Fotos sind alles andere als beruhigend. Das acht Jahre junge Memorium Nürnberger Prozesse stellt mit originalen

Die hellen Paneele sind nummeriert, damit sich die Besucher in der Ausstellung orientieren können. Foto: Seden Kantarci

Foto-, Film- und Audioaufnahmen die Vorgeschichte, das internationale Verfahren und die Urteile des Hauptkriegsverbrecherprozesses dar. Ohne die Nachwirkungen, die bis in die Gegenwart reichen, sei die Entwicklung des Völkerstrafrechts wie sie heute im Strafgerichtshof in Den Haag existiert nicht möglich, sagt der Historiker Andreas Mix. Ein Highlight der Ausstellung ist die Anklagebank, auf denen NS-Spitzen wie Hermann Göring, Rudolf Heß und Baldur von Schirach während der Prozesse saßen.

 

Vor den Augen spielt sich die Vergangenheit ab

Die Anklagebänke sind so konzipiert, dass die Angeklagten möglichst unbequem darauf sitzen konnten. Foto: Seden Kantarci

„Ich bekenne mich im Sinne der Anklage nicht schuldig“, sagt Göring. Nacheinander und holprig aneinander vorbeidrängend stehen die Angeklagten auf und plädieren energisch für ihre Unschuld, bevor sie sich zurück auf ihre Plätze begeben. Die Blicke der Umliegenden sind auf sie gerichtet, während sie der Stimme aus ihren Kopfhörern lauschen.
Die Originalaufzeichnungen, die sich rechts und links von den ausgestellten Anklagebänken abspielen, spiegeln nicht nur den Prozess wider, sondern auch die Überzeugung der NS-Kriegsverbrecher.

Aber auch der Hintergrund besagter Bänke sei sehr interessant, erklärt Mix, der seit Januar 2016 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Memorium beschäftigt ist. Anders, als man vielleicht vermutet, war der Aufenthaltsort der Ausstellungsstücke nicht durchgehend das Ostgebäude des Justizpalastes in Nürnberg. Zwischenzeitlich seien sie unter anderem in einem Möbellager gelandet. „Heutzutage kann man sich das gar nicht mehr vorstellen“, sagt der 44-Jährige, „dass ein so wertvoller Gegenstand einfach weggeworfen wurde.“

Wissensort der Geschichte

Die Chemiestudentin Kristina Jonas hört sich Beiträge mit den zur Verfügung gestellten Audiogeräten an. Foto: Seden Kantarci

Das Memorium bietet nicht nur eine Dauerausstellung in verschiedensten Sprachen, sondern auch ein umfangreiches Bildungsprogramm. Neben mehrstündigen Führungen sind  Seminare und Fortbildungen „vor allem für Fachleute“ angeboten. Aber auch für Schüler und Studenten gibt es die Möglichkeit, die Ausstellung und das Wissen, das vermittelt wird, aktiv mit Fragebögen aufzuarbeiten. Die Aufgaben fordern die Besucher dazu auf, die angebotenen Audioaufnahmen und bereitgestellten Bildschirme mit interaktiver Oberfläche zu nutzen und durchzustöbern.

Ein Blick zur Seite. Das linke Fenster schimmert in einem dunklen Beige, etwa wie Fotos, die die Meisten aus dem Album der Großeltern kennen. Ein sternförmiges Gebäude, das abrupt endet, sobald die Augen den Mauern zur anderen Scheibe folgen. Auf der rechten Seite sind nur noch Andeutungen davon zu sehen, von dem, was einst war. Die Fenster ermöglichen zugleich den Blick in Gegenwart und Vergangenheit.

Die Zukunft ist doppelt so groß

Der Wandel bezüglich des Umgangs mit dem Erbe, welches das Memorium Nürnberger Prozesse darstelle, sei enorm. „Heute sind wir stolz darauf“, erklärt Mix weiter. Nach einem gescheiterten ersten Antrag, das Memorium in den Status eines Weltkulturerbes zu heben, soll  ein neuer Anlauf beginnen.

Sobald der Saal 600 nicht mehr für Prozesse genutzt wird, sollen unter anderem Vorträge darin stattfinden. Foto: Seden Kantarci

Aber auch eine Erweiterung, Überarbeitung und Erneuerung ist geplant. Die Hälfte des Ostbaus ist derzeit noch von der Justiz bewohnt. Doch die würde ausziehen, sobald das neue Gebäude fertig sei, und dann hätten sie mehr Platz, um eine museale Infrastruktur zu schaffen, sagt der Historiker. Außerdem sei der Saal 600 dann durchgehend für die Ausstellung geöffnet. Es sei denkbar, dass Veranstaltungen, wie die aktuelle von Fritz Bauer im Dokumentationszentrum, dann im Memorium stattfinden.

 

Website des Memoriums Nürnberger Prozesse.

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