Ein Handwerk mit besonderen Saiten

Die zauberhaften Klänge einer Violine haben Viele bereits im Kopf, wenn über das Thema Geigenbau gesprochen wird. Wie diese Instrumente gebaut und perfektioniert werden und was dahinter steckt, können sich die wenigsten vorstellen.

Mit der Hand tastet Alfred Binner die fein abgeschliffene Cellooberfläche ab, bevor er den heißen Brandstempel auf das Holz drückt. Es riecht kurz verbrannt. Leichte Rauchschwaden folgen einem kaum hörbaren Zischen. Schnell sind seine Initialen in das Holz eingebrannt. Das unvollständige Instrument liegt unter einer hellleuchtenden Lampe auf einer alten Werkbank vor zwei großen Fenstern. Konzentriert schaut sich der Geigenbaumeister das Ergebnis an und fährt erneut über das Holz. „Ich arbeite viel mit den Sinnen“, sagt der 63-jährige selbstständige Handwerker. Seit über 30 Jahren in dritter Generation fertigt er mit Fingerspitzengefühl ein Streichinstrument nach dem anderen.

Große Maschinen sind nicht notwendig

Es steckt viel Handwerkstechnik in der Herstellung einer Violine. Knapp 80 Einzelteile werden in gut 180 bis 190 Stunden zusammengesetzt. Erst deren Zusammenspiel bringt das Meisterstück zum Klingen.

Alfred Binner bearbeitet die Wölbung eines Cellobauteil mit einem Handhobel. Foto: Vivien Hermanns

Alfred Binner geht in einen Raum neben seiner Werkstatt. Eine Bandsäge und eine Hobelbank sowie ein Bohrer stehen neben einem Holzlager. Vor aufgestapelten Holzscheiten lehnen Geigen- und Cellobauteile aus Rohholz, in einer Kiste liegen mehrere Violinenhälse unterschiedlicher Größe. „Mehr Maschinen brauche ich nicht. Fürs Grobe verwende ich die 60 Jahre alte Hobelbank meiner Vorfahren und lege mit Bohrlöchern die Dicke des Bauteils fest. Die Handarbeit beginnt, sobald es an die Wölbungen geht.“ Auch das Ahorn- und Fichtenholz stammt aus dieser Zeit. Im Geigenbau werden nur mindestens zehn Jahre abgelagerte Hölzer verwendet, denn Feuchtigkeit verschlechtert den Klang einer Geige.

„Das A und O vom Neubau ist das Wissen ums Holz.“

Holzeigenarten, wie Markflecken, unterstützen die Festigkeit und sorgen für einen kräftigen Klang. Sehr dunkle Jahresringe bedeuten einen harten Winter und machen das Holz kerniger. Bei der Bearbeitung mittels Stecheisen ist somit mit mehr Widerstand des Materials zu rechnen. Bevor es an die Glaspapierpolitur geht, wird die Oberfläche mit einem speziellen Metallblech entgratet. Heute wie auch damals sind bei jedem Schritt viel Präzision und Geschick gefordert.

Ein Ahne von Alfred Binner misst die Decke einer Violine. Foto: Alfred Binner

„Meine Ahnen haben nur lackiert“, erzählt Binner. Um finanziell über die Runden zu kommen, wurde die Arbeit aufgeteilt. Der Geigenbaumeister holt ein altes Schwarz-Weiß-Foto heraus. Darauf ist ein Mann zu sehen, der mit einem Dickenmesser eine Violinendecke überprüft. Im Hintergrund lagern und trocknen dutzende Geigen- und Cellobauteile. Der Fokus lag vor allem auf dem internationalen Handel. Die Spezialisierung auf einzelne Bereiche half, der Nachfrage nachzukommen. Viel ist davon nicht mehr übriggeblieben.

Die Lacktiegel von damals verwendet der selbsternannte Geigenverrückte weiterhin. Ein herber, leicht süßlicher Geruch nach Bienenwachs vermischt sich mit dem Holzduft in der Werkstatt. Sein Lack ist Propolislack, eine Mischung aus Bienenkittharz und Spiritus. Den schwer verarbeitbaren Lack verwenden nicht viele Geigenbauer. Das Harz erhält er bei einer Geigenlack-Manufaktur in Baiersdorf. Die genaue Zusammensetzung mischt Alfred Binner selbst. „Nach dem Auftragen eines Grundlacks folgen acht bis zehn Schichten Farblack. Nach jedem Aufstrich schleife ich die Oberfläche ab“, beschreibt er sein Vorgehen.

Geigen und Celli hängen zum Trocknen aus. Foto: Vivien Hermanns

Neubau oder Restauration?

Heute werden im Geigenbau Instrumente nicht mehr in Teilprozessen hergestellt. Zu beobachten ist die Tendenz, eigene Instrumente anzufertigen. Einzelteile wie Kinnhalter werden hinzugekauft. Alles sei nicht selbst zu machen und im Neubau ist die Konkurrenz hoch. „Früher hat der Mensch auf das passende Modell gewartet. Heute fordert er es sofort“, meint der erfahrende Handwerker. Viele Geigenbauer sind deshalb auch Restaurateure oder Händler.

Alfred Binner wendet sich wieder der Cellooberfläche auf der Werkbank zu. Ein weiteres Brandzeichen wird auf die Oberfläche gebrannt. „In meinen Instrumenten steckt auch meine Geschichte. Das Schöne aber sind die Reaktionen der Kunden, wenn sie ihr Instrument gefunden haben“, erzählt er zum Schluss und versinkt in seiner Leidenschaft als Geigenbauer.

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