Ein indischer Sommer

Laut, bunt und quirlig. Oder in anderen Worten durchgehendes Gehupe, Plastikmüll in allen Farben und tüchtige Händler, die einen an jeder Ecke in ihren Laden ziehen wollen.  Das ist Indien. Kaum ein Land zeigt solche großen Unterschiede in der Wahrnehmung und der Realität seiner Kultur auf.

 

 

Straßenverkäufer in Mumbai, Foto: Lena-Sophie Fettweis

Vor meiner Reise nach Indien kamen die unterschiedlichsten Reaktionen von Freunden und der Familie. Von: „Wow,wirst du jetzt Yoga Guru und gehst auf Selbstfindungsreise á la Eat, Pray, Love?“, bis zu „Was?! Ist das nicht viel zu gefährlich, bei den ganzen Vergewaltigungen, die dort passieren?“, war alles dabei. Die Deutschen scheinen ein sehr gespaltenes Bild von Indien zu haben, wobei auch zu Recht vom Land der vielen Kontraste gesprochen wird. Mit seinen grob geschätzten 1,4 Milliarden Einwohnern auf einer Fläche von 3,2 Millionen Quadratkilometer teilt sich Indien in 70 Prozent Landgebiet und nur 30 Prozent Stadtanteil auf. Die Hauptstadt Neu-Delhi, im nördlichen Teil gelegen mit circa 21,75 Millionen Bewohnern, ist auf einer Fläche von 1484 km2 verteilt. Berlin im Vergleich dazu hat lediglich 3,5 Millionen Einwohner verteilt auf einer Fläche von 890 km2. Als ich nach meinem achtstündigen Flug endlich angekommen war, sind mir sofort drei Dinge aufgefallen. Erstens: Der Smog ist deutlich sichtbar, zweitens: überall liegt Müll herum, in dem drittens: riesige Menschentrauben stehen und fleißig Handel betreiben oder sich rasch durch die Mengen quetschen. Und zwischen all den Menschen und hupenden Tuk Tuks tummeln sich Kühe und Wasserbüffel durch die Straßen der hektischen Riesenmetropole. Kühe im Straßenverkehr und in den Städten sind in Indien nicht ungewöhnlich, sie regeln hier allein durch ihr Dasein den Straßenverkehr.

Eine heilige Kuh trinkt an einem Tempel in der Stadt, Foto: Lena-Sophie Fettweis

Stadtleben in Indien, Foto: Lena-Sophie Fettweis

In der Mythologie hat die Kuh ihre Heiligkeit dem Gott Krishna zu verdanken. Sie wird verehrt, ohne angebetet zu werden und niemand darf sie behindern oder schlachten. Trotzdem verfügt Indien über den größten Export an Kuhfleisch weltweit. Das ist nur eines der vielen Dinge, die dort einen religiösen Hintergrund haben. Die Mehrheit der Menschen in Indien hat mit über 80% einen hinduistischen Glauben, zweitgrößte religiöse Gruppe sind die Muslime mit 13,4 %, der christliche Glaube macht nur 2,3% der

 

Bevölkerung aus. Die Religion spielt auch hier sehr mit in die Kultur des Landes hinein. Zum Beispiel ist die indische Küche überwiegend von vegetarischem Essen geprägt und Roben, wie der Sari, sind zur Alltagskleidung geworden.

Obwohl ich mich vor meiner Reise gut über Indien informiert habe und zahlreiche Videos angeschaut hatte, bin auch ich nicht am Kulturschock vorbeigekommen. Es sind so viele Eindrücke und fremdartiges Verhalten auf mich eingeprasselt, dass es ein paar Wochen gebraucht hat, mich einzufinden, an die Bräuche und Sitte zu gewöhnen und mich der Kultur anzupassen. Mich schneller an die dortigen Gegebenheiten zu assimilieren, wurde mir durch die Gastfreundlichkeit einer Familie aus Khajuraho, einem bekannten Tempelbezirk, erleichtert. Denn in Indien fangen die meisten Bekanntschaften mit einem Becher Chai an. Ein Brauch, der in Deutschland undenkbar wäre. So ergab sich die Gelegenheit, über eine Einladung zum Tee einen Einblick in den Alltag einer typischen

Zu Gast bei einer Familie in Khajuraho, Foto: Lena-Sophie Fettweis

Familie zu bekommen. Im Gegensatz zu Deutschland lebt hier die ganze Familie zusammen meist auf engstem Raum, wobei es normal ist, dass sich Großeltern, Eltern und Kinder einen Raum teilen. In Indien heißt es nicht, der Kunde oder in dem Fall der Gast ist König, sondern: „Der Gast ist Gott“. Ich wurde dort so herzlich aufgenommen und in die Familie integriert, dass ein Fremdheitsgefühl gar nicht erst aufkommen konnte. Wir haben zusammen Tee getrunken, geredet, gekocht und gegessen. Dabei konnten wir uns über die indische Kultur und auch die deutsche Kultur austauschen und sind sogar bis heute noch über Videochat und SMS in Kontakt, um bei einer Tasse Chai über die neuesten Ereignisse zu quatschen.

 

 

 

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