Ein kühler Hauch Geschichte

Es ist der 31. März 1945, es sind die letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges. Deutschland liegt in Trümmern und steht kurz vor der Kapitulation. Im vom Krieg gebeutelten Nürnberg verlassen nachts zwei Männer ein unscheinbares Gebäude am Fuß der Kaiserburg.

Mit sich führen sie ein Fahrrad, auf dessen Gepäckträger im Schatten der Dunkelheit sie einen der größten Kunstschätze deutscher Geschichte vor den nahenden Alliierten in Sicherheit bringen wollen. Die beiden Männer sind Dr. Konrad Fries, Leiter des Dezernats für Luftschutz und Ernährung, und Heinz Schmeißner, Leiter des städtischen Hochbauamtes. Auf ihrem Gepäckträger befinden sich die Reichsinsignien des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation.

Der Krieg beginnt, ein Bunker entsteht.

Sechs Jahre zuvor, im September 1939, kurz nach dem Angriff auf Polen und damit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, beginnt die NSDAP, im ganz Europa Kunstschätze deutscher Künstler zu sammeln und zu bewahren. Doch dafür muss sie zunächst auch sichere Lagerstätten bauen. Eines der größten Projekte dieser Initiative ist der Nürnberger Kunstbunker, der bereits am 23. Februar 1940 eröffnet . Verantwortlich dafür waren  Fries, Schmeißner und der Diplom Ingeniuer Lincke. Ohne öffentliche Baugenehmigung, mit Material vom Schwarzmarkt und mit russischen Kriegsgefangenen als günstige und ersetzbare Arbeitskräfte, begannen sie schon früh, mittelalterliche Bierkeller am Fuß der Kaiserburg auszubauen. Dabei entstand ein 900 Quadratmeter großes, unterirdisches Bunkersystem mit ausreichend Lagerfläche, Belüftung, Heizung, einem Notstromaggregat und Platz für das Wachpersonal. Mit bis zu 24 Metern unter der Oberfläche, versprach der Bunker Schutz vor jeglichen Gefahren aus der Luft. Laut Historiker Dr. Martin Winter war der Kunstbunker nicht das einzige Kunstlager in der Stadt: „Es gab noch ein Lager im Panierskeller und eines im Neutorturm, diese waren allerdings nicht klimatisiert, die empfindlichen Hochkaräter waren deshalb hier gelagert.“  Unter den Kunstwerken befanden sich unter anderem der Behaim-Globus, der „Englische Gruß“ von Veit Stoß und auch die aus Wien entfernten Reichskleinodien Kaiser Karls. Während über der Oberfläche 90 Prozent der Stadt zerstört wurden, waren sogar die Originalfenster der großen Nürnberger Kirchen im geheimen Bunker sicher verwahrt.

Originalaufnahme von 1945 Foto: Tim Rakisits

Auch heute sind die Anlagen, wegen ihrer wehrhaften Bauweise, noch sehr gut erhalten. Der Förderverein Nürnberger Felsengänge kümmert sich seit 1990 um die Erhaltung. Täglich um 14:30 führen Winter und seine Kollegen Besucher aus allen Ländern durch die Katakomben. Seine Erläuterungen sind in Deutsch oder Englisch, für die anderen Sprachen gibt es Audioguides.  An den Wänden hängen Bilder der Kunstwerke und Originalaufnahmen aus dem Bunker. Eine kurze Kinovorstellung und Kriegsschutt wie Bombenhüllen oder Trümmerteile vermitteln einen Eindruck von den Schrecken des Krieges. Auch die Tiefe und die Dicke der Wände tragen zu dem Erlebnis bei, die Temperatur ist ganzjährig stabil bei frischen neun Grad Celsius.  Bei einem Besuch sind daher ein Pullover und lange Hosen, unabhängig von Wetter und Temperatur über der Oberfläche, zu empfehlen.

Eingang des Kunstbunkers Foto: Tim Rakisits

Eine geheime Mission.

Zu Beginn des Jahres 1945  zeichnet sich die Niederlage Deutschlands zunehmend ab. Es häufen sich Berichte über die „Minute Men“, eine Gruppe Historiker und Agenten der USA, beauftragt mit der Sicherung von Kunstschätzen. Schmeißner und Fries beschließen, ihren wertvollsten Schatz zu schützen. Während die SS am Eingang des Bunkers leere Kisten auf Fahrzeuge lädt, um eine falsche Fährte zu legen, schließen sie die Insignien in einen Metallbehälter ein und machen sich auf den Weg, ihre persönliche Mission auszuführen.  Im Schutz der Nacht verlassen sie den Kunstbunker, den Behälter transportieren sie auf dem Gepäckträger eines Fahrrades. 500 Meter weit führt sie ihr Weg durch die zerstörte Stadt, bis zum Panierskeller, in dem sie die Insignien schließlich in einer Wand einmauern. Schmeißner wird später von den Amerikanern gefangen genommen und verhört. Das Versteck verrät er nur unter der Bedingung, dass die Insignien den europäischen Kontinent nicht verlassen. Diese wurden daher wieder nach Wien zurückgebracht. Er wird daraufhin zu  fünfJahren Gefängnis verurteilt, und nach fast zwei Jahren wieder freigelassen. In der Nachkriegszeit ist er federführend beim Wiederaufbau Nürnbergs, sodass die Stadt Nürnberg ihn 1970 schließlich für seine Weitsicht und seine späteren Leistungen als Ehrenbürger der Stadt ausgezeichnet.

 

Website des Historischen Kunstbunkers.

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