Eine Druck-Reise durch die Stadtgeschichte

Er ist der letzte seiner Art in Deutschland. Rudolf Rieß betreibt in seiner Werkstatt in der Schlehengasse 15 in Nürnberg das einzige deutsche Kunstxylographie-Atelier. Er ist damit Vertreter eines längst vergessenen Handwerks, das nicht von der technischen Entwicklung verschont blieb.

In der Werkstatt riecht es nach Holzlack und Kleber, an der Wand hängen Drucklettern, Druckwerkzeuge und natürlich die Drucke selbst. Besucher fühlen sich um 100 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt. Rudolf Rieß erzählt gleich zu Beginn drauf los, ihm ist anzumerken wie gerne er über sein Handwerk spricht. Gerade hat er den Auftrag bekommen, ein Exlibris zu entwerfen, also einen Druck, der in ein Buch geklebt wird und den Eigentümer kenntlich macht. Sein letzter Auftraggeber wünschte sich eine Katze, die das Buch vor Dieben beschützt. So ist auf Rieß‘ Kunstwerk der Satz „Wer dem Buch dem Eigner stiehlt, hat damit sein Glück verspielt“ zu lesen. Darunter befindet sich eine böse schauende Katze, die ihre Krallen wetzt.

Feinste Holzbearbeitung

Für den gelernten Xylographen ist das Teil seines Alltags. Er entwirft Muster und schickt sie dem Kunden, bevor er sie ins Holz schnitzt. „Heutzutage geht ja alles ganz schnell per Mail“, erzählt der 81-jährige Nürnberger. Die eigentliche Arbeit des Xylographen, das Formschneiden in Holz, dauert etwa drei Tage. Rieß setzt sich dazu auf einen Hocker, der in der Ecke seiner Werkstatt steht. Der Handwerker platziert das zu bearbeitende Holzstück auf einem abgewetzten Lederkissen und führt unter einer Lupe feine Stiche aus. Dazu verwendet er ein Messer oder  Metallstichel.

Mit einem Cutter-Messer sticht der 81-Jährige ins Holz. Foto: Julian Hörndlein

Bei der Xylographie gilt es, zwischen dem Holzschnitt und dem Holzstich zu unterscheiden. Im Holzschnitt sind nur kleine Schnitte möglich, Rundungen können nicht dargestellt werden. Anders verhält es sich beim Holzstich, bei dem mit feinen Schnitten im harten Holz ein Tiefdruck mit detailliert herausgearbeiteten Motiven möglich ist. Hier ist Rieß sogar der Auffassung, eines der größten Geheimnisse der Xylographen-Welt aufgedeckt zu haben: 1780 soll ein englischer Kupferstecher den Holzstich entwickelt haben. Wie Rieß aber an Albrecht Dürers Bild des Heiligen Hieronymus beweist, hat der Nürnberger Künstler den Holzstich schon im Jahr 1511 angewandt. „Durch den Dreißigjährigen Krieg ist viel Wissen über die Xylographie verloren gegangen. Der Engländer hat die Technik im 18. Jahrhundert wiederentdeckt“, so Rieß. Als er seinen Fund im Albrecht-Dürer-Haus vorstellte, wollte ihm das aber niemand glauben.

Während die Hauptarbeit mit Hand gefertigt wird, ist Rieß stolz auf eines seiner wenigen technischen Geräte. Mit dem Optiskop, das den Entwurf vom Papier auf das Holz projiziert, kann der Xylograph die Proportionen abschätzen und den Entwurf auf das Holz übertragen. Nach dem Formschneiden folgt das Drucken, das Rieß mit großer Leidenschaft und einer originalen Druckerpresse betreibt, die noch mit Bleilettern gespeist wird. Unzählige Buchstaben und Kombinationen bewahrt er in den Setzkästen rund um die Druckmaschine auf.

Heute nahezu ausgestorben

Rudolf Rieß ist sich bewusst, dass sein Handwerk bis auf wenige Künstler ausgestorben ist. Während es Anfang des 20. Jahrhunderts acht xylographische Ateliers gab, zählte die Stadt Nürnberg nach dem Zweiten Weltkrieg nur das Atelier der Familie Röschlau und die Werkstatt von Andreas Schwarz auf, bei dem Rieß 1949 seine Ausbildung zum Xylographen begann. „Schon damals war es ein aussterbender Beruf“, erinnert sich der Künstler. Viele Xylographen hätten gedacht, der Offset-Buchdruck würde sich nicht durchsetzen. „Die haben dann dumm geschaut“, erzählt Rieß lachend. Mitte der 1960er-Jahre sei es mit dem alltäglichen Druckgeschäft vorbei gewesen, es blieb der Kunstdruck. Über die Jahre schlossen die Ateliers in Nürnberg, Rieß‘ Werkstatt aber blieb bestehen.

Auf die Xylographie folgte das moderne Druckgewerbe, welches wie sein Vorfahr einer stetigen Entwicklung unterliegt. In der Branche werden mittels Offset-Druck Zeitungen, Bücher und Illustrationen und andere Druckwerke hergestellt. Laut der Gewerkschaft ver.di stieg im zweiten Quartal 2016 erstmals seit Anfang 2015 der Umsatz der Branche positiv an. Gleichzeitig sank die Zahl der Beschäftigten im Jahr 2015 um knapp 3000 Arbeitsplätze.

Der bereits 81-Jährige Rudolf Rieß kann sich jedoch nicht über zu wenig Arbeit beklagen. So hat ihn Ende November ein chinesischer Student für eine Woche besucht, um die Arbeitstechniken zu erlernen. Auch deutsche Hochschulen wenden sich regelmäßig zu Beratungszwecken an ihn.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.