Eine Reise gen Westen

Geboren 1963 in Chabarowsk in der Sowjetunion, verschlug es Irina Plischuk im Laufe der Jahre ins heutige Turkmenistan, danach in die Ukraine und schließlich nach Deutschland. Der Antisemitismus der eigentlich atheistisch-kommunistischen Sowjetunion ließ sie schließlich ihre Heimat verlassen.

„Ich bin durch viele Welten und Kulturen gegangen“, beschreibt Irina Plischuk ihren bisherigen Lebensweg, während sie entspannt im Garten ihres Hauses sitzt. Die 55-jährige Bibliothekarin lebt heute mit ihrem Ehemann in Weiden in der Oberpfalz und blickt zurück auf turbulente Jahre. Nachdem sie ihre Kindheit im heutigen Turkmenistan in der Wüste nahe des Kaspischen Meeres verbracht hat, ging sie für ein Wirtschaftsstudium in die heutige Ukraine, nach Dnipropetrovsk. Dort lernte sie auch ihren Ehemann kennen. 1990 beschließt das junge Paar auszuwandern, kurz nachdem die erste von zwei Töchtern – Eugenia – geboren wurde. „Es war schon eine krasse Umstellung, das kann man nicht vergleichen mit den Umzügen vorher, es war hart“, beschreibt Irina mit einem letzten Rest russischen Akzent die ersten drei Monate in Deutschland. Sie erhielt eine Stelle in der Regionalbibliothek Weiden, die Familie lässt sich in der Kleinstadt nieder. Später im Jahre 1998 kommt die zweite Tochter Lea auf die Welt.

Alltags-Antisemitismus

Die Gründe für die Ausreise zählt Irina mit einem Kopfschütteln auf: „Wir haben einfach keine Zukunft mehr gesehen.“ Irina und ihr Mann Alexander sind Akademiker. Nach dem Abschluss der Universität begaben sie sich auf Jobsuche. Eigentlich kein Problem, da in den 80er Jahren viele Unternehmen und staatliche Einrichtungen qualifizierte Mitarbeiter suchten. Das Problem: Irinas und Alexanders Pass. Er verriet ihre Religionszugehörigkeit und erschwerte die Jobsuche dramatisch. „Du gehst zum Vorstellungsgespräch, sie gucken in deinen Pass und du hörst nie wieder etwas, keine Absage, keine Zusage“, erklärt Irina nachdenklich. „Unsere Eltern haben das Ganze ja noch viel heftiger erlebt, da bestand Gefahr für Leib und Leben, bei uns war es eher eine Art Alltags-Antisemitismus“.

Erste Unterstützung in Deutschland erhielten sie von den jüdischen Gemeinden. Die kleine Gemeinde in Weiden nahm die Familie auf und unterstützte sie von Beginn an. Später saß Irina Plischuk zwölf Jahre lang im Vorstand der jüdischen Gemeinde in Weiden. „Ich würde es als eine Gemeinschaft mit der gemeinsamen Religion im Hintergrund beschreiben“, erklärt Irina das Wesen der Gemeinde.

Der Alltag der Familie ist traditionell aber nicht wirklich religiös geprägt. Gekocht wird primär nach russischer Tradition, eine Trennung von Milch und Fleisch findet nicht statt. Die Synagoge suchen die Plischuks nur an manchen Feiertagen auf. „Wir sind nicht streng religiös, wir tragen ja auch keine Schläfenlocken“, beschreibt Irina lachend den Religionsbezug ihrer Familie. Tatsächlich spielt die jüdische Religion erst seit der Ankunft in Deutschland eine Rolle in ihrem Leben. In der sozialistischen Sowjetunion war Religion ein Tabu, dennoch behielten die Leute ihre verschiedenen Religionszugehörigkeiten. In Deutschland konnte die Familie erstmals ihre Religion richtig kennenlernen und sie ausleben, auch dank der jüdischen Gemeinde, die ihnen zu Beginn sehr zur Seite stand.

Politische Enttäuschung

Vom heutigen Russland zeigt sich Irina Plischuk wenig begeistert. „Ich bin von Russland politisch sehr enttäuscht, das gefällt mir nicht und vor allem gefällt mir die starke Propaganda nicht. Mir gefällt auch nicht was die Medien machen, wie die Leute bearbeitet werden, das erinnert mich sehr an die achtziger Jahre“. Ein Großteil ihrer Familie lebt in Moskau. Über Russland bleibt sie via Internet, Social Media und ihrer Verwandtschaft informiert.

Aber nicht nur Russland ist Thema in Irinas Medienmix. „Ich bin ein Medienfreak, fragen sie lieber welche Medien ich nicht nutze!“, antwortet sie stolz auf die Frage nach ihrem Medienkonsum und lacht. Auch dank ihres Jobs kann Irina ihren Mediendurst stillen. Neben Tageszeitungen werden vor allem Magazine wie der Spiegel und Focus verschlungen. „Knapp zehn Prozent meiner Medien sind russisch“, erklärt sie.

So bleibt Russland auch heute noch ein Teil in ihrem Leben, dank der Medien aber auch dank ihrer Verwandtschaft. Irina Plischuks Reise quer durch Eurasien hat im beschaulichen Weiden in der Oberpfalz ihr Ziel gefunden.

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