Elektrosensibilität – Wenn Technik einschränkt

Das plötzliche Rauschen ist unangenehm laut. Verursacht wird es von dem Messgerät mit der aufgesteckten Antenne. Es knackt, knarzt und pfeift, während Baubiologe Uwe Dippold sich langsam um die eigene Achse dreht und mit gerunzelter Stirn das Display mustert. In…

Das plötzliche Rauschen ist unangenehm laut. Verursacht wird es von dem Messgerät mit der aufgesteckten Antenne. Es knackt, knarzt und pfeift, während Baubiologe Uwe Dippold sich langsam um die eigene Achse dreht und mit gerunzelter Stirn das Display mustert. In seinem gegen Elektrosmog abgeschirmten Haus ist die Quelle des „Blubberns“ schnell gefunden. Die Strahlung, die der Breitbandmesser empfängt und so ohrenfeindlich hörbar macht, kommt vom unscheinbaren Handy auf dem Tisch. Es sucht Verbindung zu einem Mobilfunkmast und sendet dabei Impulse von bis zu 15.000 Mikrowatt pro Quadratmeter.

Uwe Dippold ist Baubiologe und Gesundheitsberater. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, künstliche Strahlung aus dem Zuhause des Verbrauchers zu verbannen. „Viele meiner Kunden reagieren auf elektromagnetische Felder. Sie leiden an Bluthochdruck, Kopfschmerzen und Schlafstörungen“, erklärt er. Und das trotz der Grenzwerte, an die sich Hersteller, Mobilfunkanbieter und Stromgesellschaften halten müssen. Die Grenze für Mobilfunk beträgt laut Immissionsschutzgesetz je nach Frequenz bis zu 10.000.000 Mikrowatt – eine Billion mal mehr als die natürliche Strahlung, auf die unser Körper ausgerichtet ist.

Immissionsschutzgesetz – die Bezeichnung unterstellt, dass es um die Immission, also die Einwirkung auf den Menschen geht. Tatsächlich erfasst wird nur die Strahlung eines einzelnen Gerätes, also die Emission. Im Alltag sind wir jedoch mit unzähligen Sendern und Empfängern konfrontiert, zum Beispiel zig Handys in Büro, Klassezimmer oder U-Bahn. Dazu kommen WLAN-Netze, Radio, Fernseher, Schnurlostelefone. Eine schier unendliche Liste.

Elektrosensibilität als Krankheit

Elektrosensible Menschen gelten als esoterische Hypochonder. Für Jemanden wie Ulrich Weiner ist die Krankheit grausame Realität. Seit Ärzte nach einem Zusammenbruch Elektrohypersensibilität diagnostizierten, zieht sich der ehemalige Antennentechniker immer weiter in die letzten deutschen Funklöcher zurück. Ohne Schutzanzug verlässt er sie auch nicht, denn der Elektrosmog löst bei ihm sogar Herzrhythmusstörungen aus. Seit Jahren lebt er nun in einem Wohnwagen im tiefsten Schwarzwald, weit weg von jeder Strahlung. „Digital gepulste Signale vertragen sich nicht mit biologischen Systemen“, sagt der anfängliche Funk-Fan, der jahrelang extremer, elektromagnetischer Belastung ausgesetzt war. „Wer viel mit dieser Technik zu tun hat, entwickelt einen Schutzmechanismus: Elektrosensibilität.“ Die Grenzwerte hält Weiner für eine Täuschung, denn sie beruhen lediglich auf thermischen Auswirkungen im Gewebe. Doch nicht nur Physik beeinflusst den Körper, auch Biologie spielt eine Rolle. Was das Bedeutet, zeigt das „Fliegenpilzbeispiel“. Ein Fliegenpilz ist physikalisch völlig unbedenklich, es tut auch nicht sonderlich weh, wenn man ihn an den Kopf bekommt. Beachtete man die biologische Wirkung des Pilzes nicht, kann man ihn logischerweise essen, er ist ja ungefährlich.

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Foto: Jessica Schlüter

Die biologische Wirkung der Strahlung bestätigt das ATHEM-Projekt der Medizinischen Universität Wien. Von 2002 bis 2008 wurden Probanden Feldstärken ausgesetzt, die sich deutlich unter den jeweiligen Grenzwerten befanden. Nach nur wenigen Minuten veränderte sich das Reaktionsverhalten, was auf Störungen im zentralen Nervensystem hinweist. „Bei ausschließlich thermischer Wirkung hätte dieser Effekt gar nicht auftreten können“, berichtet Wilhelm Mosgoeller, Koordinator des Projektes und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Krebsforschung.

Schutzmaßnahmen in den eigenen vier Wänden

Leben ohne künstliche Strahlung ist nicht mehr möglich. Baubiologe Dippold weiß jedoch, wie sich die Angriffsfläche in den eigenen vier Wänden möglichst klein halten lässt. Es gibt metalldurchwebte Vorhangstoffe, die gepulste Felder von Funkmasten und elektrische Wechselfelder des Haushalts-, Bahn-, und Starkstroms abschirmen. Die Belastung durch WLAN und das Schnurlostelefon der Nachbarn verhindert eine spezielle Wandfarbe. Sie enthält Kohlefaserpartikel, die elektrisch leitfähig sind und Magnetfelder erden. Allerdings gibt Dippold zu, dass er nicht mehr gerne in die Stadt geht wegen den zahllosen, unausweichlichen Einflüssen. „Mobilfunk ist mit 217 Hertz getaktet, eine ähnliche Größenordnung wie die Nervenübertragung. Da ist eine Störwirkung auf den Körper nicht verwunderlich“, so der Fachmann. Zumindest das Schlafzimmer sollte daher ein komplett „feldfreies“ Refugium sein, denn nachts ist der Körper anfällig für schädliche Einflüsse. Nicht geerdete Euro-Stecker an Nachttischlampen, Handyladekabel und WLAN sind Gift für erholsamen Schlaf.
Auch für Allgemeinmediziner Karl Braun-von Gladiß steht die Gefahr des Elektrosmogs und seine Auswirkung auf die Umwelt außer Frage. Wie viele Menschen betroffen sind, ist unklar. Das liegt daran, dass nur wenige Elektrosensibilität ernst nehmen und die Symptome deuten können. Sie reichen von Nervosität und Konzentrationsschwäche bis hin zu Panikattacken und Depressionen. Körperliche Leiden als Folge der Krankheit werden kaum attestiert, deshalb gibt es keine belastbaren Daten. Die Ignoranz der Bevölkerung ist dem Mediziner ein Rätsel, denn das Phänomen ist sein Jahrzenten bekannt und wird von Medizinern und Forschern weltweit kritisch beobachtet.

Doch das Bewusstsein für Elektrosensibilität scheint zu steigen. Das Bundesministerium für Verteidigung lässt Ansprüche von ehemaligen Funkern und Radartechnikern der Bundeswehr zu, die ihre frühere Tätigkeit für Krebs und Nervenleiden verantwortlich machen. Die USA haben erstmals ein Funkloch staatlich geschützt. Hintergrund sind vorrangig Forschungszwecke, doch das 34.000 Quadratkilometer große Schutzgebiet ist ein Segen für Elektrosensible.
Ein Großteil der Gesellschaft will immer und überall erreichbar sein. Ein stärkeres, flächendeckenderes Netz ist die Folge. „Wir Elektrosensiblen als Minderheit werden zwangsversorgt“, sagt Ulrich Weiner, der für seine Gesundheit auf Arbeitsleben und soziales Umfeld verzichten muss. Sein Recht auf körperliche Unversehrtheit, das in Deutschland eigentlich grundrechtlich verbürgt ist, hat er scheinbar verloren. „Alles wäre nicht so schlimm, wenn wir eine Wahl hätten. Die haben wir aber nicht.“

 

 

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