Essbare Stadt Nürnberg

Das Projekt Essbare Stadt gibt es seit 2019 an zwei innerstädtischen Standorten in Nürnberg. Dabei soll den Bürgern ein gemeinschaftliches Gärtnern direkt von der Haustüre und der eigene Anbau von Lebensmitteln ermöglicht werden.

Julia Schrader ist eine der Organisatorinnen des Projekts. Außerdem ist sie Mitglied bei Bluepingu und dem Ernährungsrat Nürnberg, beides Dachorganisationen der Essbaren Stadt. Im Interview verrät sie, was die Essbare Stadt ist, und gibt viele Hintergrundinformationen.

Wodurch kam die Inspiration zu dem Projekt Essbare Stadt? Haben Sie sich andere Städte zum Vorbild genommen?
Nein, wir haben uns nicht direkt andere Städte als Vorbild genommen. Die Idee zur Essbaren Stadt kam eher so ein bisschen aus einer Not beziehungsweise einer Erkenntnis heraus. Viele Menschen schätzen Lebensmittel gar nicht mehr wert, weil sie nicht wissen, wie sie hergestellt werden. Dadurch landen super viele Sachen auf dem Müll. Der Bezug zu den Lebensmitteln fehlt einfach. Und dadurch haben wir uns dann angetrieben gefühlt und wussten, dass wir das auf jeden Fall machen wollen.

Essbare Stadt am Egidienplatz. Foto: Jenny Knichalla

Wie lange hat die Planung gedauert? Gab es Schwierigkeiten oder Probleme bei der Umsetzung?
Im Jahr 2018 hatten wir einen Ausflug nach Andernach, was so ziemlich die Vorzeige-Essbare-Stadt ist. Danach haben wir uns im Herbst mit SÖR zusammengesetzt, das ist der Servicebetrieb Öffentlicher Raum hier in Nürnberg. Uns war es besonders wichtig, das Ganze öffentlichkeitswirksam in die Stadt zu bringen, weshalb wir unbedingt eine zentrale Fläche haben wollten. Im Januar oder Februar haben wir dann Flächenvorschläge bekommen. Umgesetzt haben wir die Essbare Stadt am Jakobsplatz an der Jakobskirche und am Egidienplatz, da uns die anderen Standorte ein bisschen zu sehr in der Nische und zu versteckt waren. Bis wir die Genehmigungen bekommen haben und alles abgesegnet war, hat es dann doch ein bisschen lange gebraucht, sodass es nach hinten raus sehr knapp wurde.

Hier in Nürnberg gibt es ja schon mehrere Grünflächen, aber eben wenige, wo die Bürger selbst tätig werden können. Glauben Sie, dass sich durch Projekte wie die Essbare Stadt das Bewusstsein der Menschen gegenüber der Natur verändert? Wird eine Art Bildungsauftrag erfüllt?
Ich glaube auf jeden Fall, dass ein Bildungsauftrag erfüllt wird. Den Leuten, die sich aktiv vor Ort engagieren, werden Themen wie der Lebensmittelanbau und Lebensmittel- und Nährstoffkreisläufe nähergebracht. Das sind jetzt nicht extrem viele, auch wenn um die Flächen herum viele Menschen wohnen, gibt es vielleicht 15 bis 20 Leute, die regelmäßig bei den Treffen dabei sind. Außerdem wollen wir aber auch in Zukunft vor allem non-formale Bildungsarbeit betreiben. Wir haben von der Sparkasse Nürnberg Geld auf das Bluepingu-Konto überwiesen bekommen und dieses Budget kann jetzt in Bildungsarbeit investiert werden. Ein Workshop hat schon stattgefunden. Wir haben mit einer Klasse aus dem Hans-Sachs-Gymnasium viele Themen besprochen und dann anschließend alle zusammen auf dem Jakobsplatz Kräuterbutter gemacht, Namensschilder für die Pflanzen gesägt und beschriftet.

Auf Ihrer Homepage beschreiben Sie die bepflanzten Flächen als Aktionsfläche der Bürger und nicht mehr nur als Flächen, die kommunal verwaltet werden. Inwiefern sorgen Sie selbst trotzdem noch für die Instandhaltung dieser Flächen? Oder sind die Anwohner und Bürger komplett auf sich allein gestellt? Müssen diese regelmäßig daran erinnert werden, dass sie die Flächen weiterhin bepflanzen und pflegen?
Ich glaube, das Stichwort ist hier: Befähigung zur Selbstorganisation. Eines der Ziele, die wir am Ende erreicht haben wollen, ist, dass die Bürger sich selbst organisieren können und Aufgaben wie das Gießen, Pflanzen und Ernten eigenständig untereinander verteilen. Wenn das geschafft ist, dann ist der Großteil der Verantwortungsübernahme schon geschehen. Dieses Jahr haben wir es noch so gemacht, dass wir uns als Initiatoren sehr verantwortlich gefühlt haben. Aber dieses Jahr war ja auch das erste Jahr, sozusagen ein Test-Jahr, das sehr lehrreich war. Auf den zukünftigen Flächen wollen wir von vornherein mehr Verantwortung in Bürgerhand geben und eher als Begleiter und Schnittstelle zwischen Stadtverwaltung und den Menschen vor Ort dienen.

Wie wird die Essbare Stadt finanziert?

„Essbare Stadt“ am Jakobsplatz. Foto: Julia Schrader

Dieses Jahr war es so, dass wir beim Open Call gewonnen haben und damit 5000 Euro zur Verfügung hatten. Der Open Call war ein Geldtopf, der wegen der Kulturhauptstadtbewerbung 2025 von der Stadt bereitgestellt wurde. Gewinnen konnte man mit den Stimmen der Bürger und Bürgerinnen. Und das war dieses Jahr eigentlich fast unser einziges Einkommen. Wir haben lediglich bei einem Erntefest, das wir veranstaltet haben, eine Spendenbox aufgestellt, wodurch auch noch ein bisschen Geld dazukam. Jedoch haben uns SÖR und NOA.kommunal sowohl mit Sach-, als auch mit Dienstleistungen geholfen. Wasser haben wir netterweise beim Egidienplatz vom
Erntefest am Jakobsplatz Pellerhaus zur Verfügung gestellt bekommen und beim Jakobsplatz nehmen wir das Wasser vom Privatgarten der Jakobskirche, bezahlen das aber selbst. Auch der Tiergarten und Stadtgarten haben uns einige Dinge bereitgestellt.
Unsere große Herausforderung ist es aber tatsächlich, die Personalkosten zu decken und wir das eigentlich nicht nochmal alles ehrenamtlich machen können. Dazu war der organisatorische Aufwand dieses Jahr einfach zu groß.

Gibt es zur Essbaren Stadt nur positive Rückmeldungen oder auch negative?
Zum Projekt an sich gab es eigentlich keine negativen Rückmeldungen. Es gibt natürlich so Leute die sagen, „das sieht ja aus wie Kraut und Rüben“. Und das liegt vor allem daran, dass wir das jetzt nicht betreiben wie einen englischen Garten, sondern eher naturnah, sodass es eine möglichst große Pflanzenvielfalt gibt. Dazu gehören für uns auch Beikräuter. Aber die meisten stimmen uns dann doch zu, wenn wir sie erinnern, dass auf derselben Fläche ein paar Monate zuvor noch Hundehaufen und Plastiktüten lagen. Auf dem Egidienplatz gab es schon negative Rückmeldungen, weil wir dort vier Parkplätze besetzen. Aber das lag wie gesagt nicht an dem Projekt an sich. Wahrscheinlich haben sich die Menschen dort ein bisschen in ihrer Mobilitätsfreiheit eingeschränkt gefühlt. Diesbezüglich haben wir zwei E-Mails bekommen und es kam auch jemand aus der Nachbarschaft vorbei und hat sich beschwert. Aber ich denke, wir konnten die negativen Stimmen wenigstens ein bisschen besänftigen.

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