Robert Orchard steht auf einer Bühne und hält ein Mikrofon in der Hand

Fast Slow Journalism – eine besondere Erfahrung

Während Rob Orchard auf der Bühne steht und über Slow Journalism referiert, sitze ich im Publikum und schreibe an dem Artikel über Slow Journalism. Ich komme mir dabei zusehends blöder vor, erfülle ich doch im Moment alles, was Orchard an…

Während Rob Orchard auf der Bühne steht und über Slow Journalism referiert, sitze ich im Publikum und schreibe an dem Artikel über Slow Journalism. Ich komme mir dabei zusehends blöder vor, erfülle ich doch im Moment alles, was Orchard an den neueren Entwicklungen des (Online-)Journalismus angreift:

„Die klassischen Online-Medien sind immer im Wettlauf mit Twitter“, sagt er und schon fühle ich mich ertappt. Ich wechsle auf Twitter und sehe, dass alles, was in diesem Artikel stehen wird, bereits auf Twitter nachzulesen ist. Es ist wie mit dem Hasen und dem Igel. Nur weiß ich nicht, wer hier Hase und wer Igel ist.

Die nächste Folie trifft mich genauso: „Die Medien sind abhängig von der PR.“ Was mache ich hier gerade, wenn nicht PR für Delayed Gratification, das Magazin von Orchard? Immerhin bin ich damit in guter Gesellschaft: Orchard erzählt von LIVR – einem PR-Hoax, der vor einigen Jahren von vielen großen Zeitungen abgedruckt wurde. Ohne die Pressemitteilung gegenzuchecken – einfach Copy-Paste. Immerhin habe ich neben mir eine Print-Ausgabe von Delayed Gratification liegen. So schlimm wird es also nicht sein.

Lektüre für den Ohrensessel

Das Konzept Slow Journalism setzt darauf, Storys erst aufzugreifen, wenn sie vom Tagesjournalismus nicht mehr angepackt werden. Orchard sieht darin die Möglichkeit, Geschichten in die Tiefe behandeln zu können und auch nur wirklich Relevantes in sein Magazin zu nehmen. Dem Magazin ist anzumerken, dass es in der Redaktion nicht hektisch zugeht. Lange Reportagen, hübsch bebildert und immer wenn es schwer wird, gibt es eine Infografik. „Ich will, dass sich die Menschen eine Pause gönnen, wenn sie unser Magazin lesen“, sagt Orchard noch auf der Bühne. Das Magazin soll dazu einladen, es sich mit einem Glas Whiskey und einer Pfeife (er ist Engländer) im Ohrensessel gemütlich zu machen.

Die Haptik des Buches strahlt tatsächlich etwas Hochwertiges aus und ich kann mir vorstellen, wie ich mit der Delayed Gratification und einem Glas Whiskey im Sessel sitze. Doch ist es mit dem Slow Journalism dasselbe wie mit dem Slow Food. Zwar stimmt beim Party-Smalltalk jeder zu, dass ein gutes Mittagessen in der sympathischen Suppenbar etwas Tolles ist, meistens wird’s dann doch der Döner. Natürlich sage ich, dass lange, gut recherchierte Reportagen mir wichtiger sind als die Google-News-Schnipsel und trotzdem kontrolliere ich meist nur die Google-News. Ich spare mir die 79 Cent auf Blendle und die halbe Stunde für den aufwendigen Hintergrundbericht.

Außerdem lese ich Geschichten, weil ich mit anderen Menschen darüber reden will oder weil ich etwas vom aktuellen Lauf der Welt mitbekommen möchte. Delayed Gratification geht den anderen Weg. Sie drucken Storys, für die es seit drei Monaten keine Öffentlichkeit mehr gibt, und dafür soll ich 14 Euro zahlen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.