Faszination Zuschauen

Wie „Let’s Plays“ die Videospielindustrie beeinflussen.   Wüstenlandschaft, durchzogen von gewundenen Schützengräben. Um uns herum die schwarzen, ausgebrannten Hüllen russischer Panzer. In der Ferne eine riesige Struktur, wahrscheinlich die Abschussrampe einer Atomrakete. Unser Ziel, den Start verhindern und das Leben…

Wie „Let’s Plays“ die Videospielindustrie beeinflussen.

 

Wüstenlandschaft, durchzogen von gewundenen Schützengräben. Um uns herum die schwarzen, ausgebrannten Hüllen russischer Panzer. In der Ferne eine riesige Struktur, wahrscheinlich die Abschussrampe einer Atomrakete. Unser Ziel, den Start verhindern und das Leben von tausenden Menschen retten. Langsam bahnen wir uns den Weg durch das Ödland, die AK 47 in unseren Händen schwankt beim Gehen und wirft einen langen Schatten im Licht der untergehenden Sonne. Plötzlich Schreie aus der Nähe. Wir wurden entdeckt. Die AK reißt hoch. Es knallt. Kopfschuss rechts. Nachladen. Der erste Feind ist besiegt. Aus dem Off die fröhliche Stimme eines jungen Mannes: „Hallo Leute! Willkommen bei Call of Duty: Black Ops!“

Die Stimme gehört Valentin. Im Internet ist er bekannt als Sarazar. Die Szene entstammt keinem realen internationalen Konflikt sondern dem Computerpiel „Call of Duty Black Ops“. Seit einigen Jahren erstellt er Internetvideos die ein Videospiel komplett in einzelnen Episoden und live von ihm kommentiert vorstellen. „Let’s Plays“ heißen diese zehn bis 30 minütigen Filmchen die man derzeit auf jeder Videoplattform findet und die die Onlinegemeinde begeistern.Valentin lebt zum großen Teil von dem Geld das er mit seinen Videos verdient, sein eigener Kanal hat fast 500.000 Abonnenten und verbucht mehr als 95.000.000 Videoaufrufe. Teil eins seines LPs zu „Crysis 3“ wurde über 280.000 mal angesehen. Die Spielindustrie ist gespaltener Meinung wenn Privatleute Geld mit fremdem Eigentum verdienen und fürchtet Verluste. Dennoch ist auch für die Hersteller das gewaltige Werbepotential der Let’s Plays offensichtlich.

Der Spieleentwickler Daedalic Entertainment aus Hamburg hat sich das Werbepotential der Let’s Plays zu eigen gemacht. Seit 2007 widmet man sich hier einem Genre das bereits in den 90ern sein Hoch hatte: „Point&Click-Adventures“.Vor statischen, gezeichneten Hintergründen muss der Spieler hier, meist in 2-D, Gegenstände einsammeln, diese mal mehr mal weniger logisch verknüpfen und damit Rätsel lösen. Mit immer leistungsfähigerer Technik allerdings kam der Wandel hin zu actionlastigen Spielen und schon bald waren die „Point&Clicks“ totgesagt. Laut Daedalic bieten die Let’s Plays genau in solchen Situationen die perfekte Möglichkeit um zu beweisen, dass diese Art von Spielen auch Heute noch fesseln können. Erik Range, besser bekannt als Gronkh und Deutschlands berühmtester Let’s Player, präsentierte Daedalics „Edna bricht aus“ auf der Homepage seines Unternehmens „PlayMassive GmbH“. Hier muss der Spieler der Irrenhausinsassin Edna dabei helfen aus einer Gummizelle zu fliehen. Hintergründe und Gegenstände sind, wie die Protagonisten selbst, handgezeichnet und muten niedlich an. Zum erfolgreichen Ausbruch schrauben wir ein Stuhlbein ab, spitzen es zu und zerfetzen schließlich die Polster-verkleidung an der Wand um durch einen Luftschacht zu entkommen. Hierbei unterstützt uns Ednas blauer Stoffhase Harvey mit derart derben Sprüchen, dass sich zuweilen der bassstimmige Kommentator Range vor Lachen nicht halten kann. „Selbst wenn sich Spieler ein LP nur aus reiner Langeweile anschauen, merken sie doch schnell: „Dieses Spiel könnte ja richtig Spaß machen!““ ,so Daedalics Standpunkt.

Es gäbe keine andere Plattform die es ermöglicht einer großen Masse von Spielern einen so umfassenden Einblick in deren Spiele zu geben und sie von ihnen zu überzeugen. In 70 Episoden löst Range das Spiel, komplett mit allen wichtigen und den meisten nebensächlichen Dialogen. Überzeugt sich das Spiel dennoch zuzulegen sollen die Spieler trotzdem sein. Der Reiz des Spielens liegt beim Ausprobieren, so kann Edna aus unserem Beispiel mit jedem Gegenstand Diaolge führen was unzählige spaßige Situationen ergibt. Des weiteren versucht man die Spieler mit beiliegenden Extras, wie Poster und Soundtrack, zum Kauf zu ermutigen. Auch ist es eher die Seltenheit dass sich die Spieler das komplette Spiel via Let’s Play ansehen. Der Großteil will nur einen Einblick in das Spiel abseits vom offiziellen Trailer gewinnen. „Wir setzen darauf, dass die Leute gerne für gute Spiele bezahlen und uns so auch bewusst unterstützen. Bisher bringen uns Let’s Plays in dieser Hinsicht aber eher mehr Nutzen.“ so Daedalic.

„Let’s Plays“ haben einen gewaltigen Einfluß auf den kommerziellen Erfolg eines Spiels den einige Spielefirmen durchaus erkannt haben. Viele Softwareriesen wie EA oder Square Enix blockieren dennoch die meisten Let’s Play Anfragen. Zu den Gründen dafür äußern sie sich, bis auf den Verweis auf geltendes Urheberrecht, nicht. Offensichtlich befürchten sie Verluste. Da das Ziel beim „Let’s Playen“ das Vorstellen der Spiele aus Sicht eines Spielers, nicht der firmeneigenen PR-Abteilung, ist gehen die Spieler natürlich härter mit den Games ins Gericht. Durch das konsequente Durchspielen zeigen sich neben den Stärken natürlich auch die Schwächen der Spiele. Aus der Spielerperspektive erkennt man sehr schnell Qualitätslücken, Bugs sowie Unglaubwürdigkeit und Längen in der Storyline, die bei einer PR-Präsentation noch geschickt überspielt werden können. Die Spieler können so ihr Kaufvorhaben genauer abwägen und Fehlkäufe besser vermeiden.

Dass die Spieleentwickler zuweilen durchaus dankbar für Let’s Plays ihrer Produkte sind beweist Daedalic Entertainment indem sie Range, als Dankeschön für seine Unterstützung, eine Sprechrolle für das 2012 erschienene „Chaos auf Deponia“ anboten. Er spricht den Charakter Goon, der sogar so aussieht wie Range selbst. Weitere Projekte in Kooperation mit Let’s Playern seien in Arbeit.

Oliver Nitzsche

 

 

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