Festival im Zeichen der Furcht

Sein Gesicht ist eine Maske aus Selbsthass und Verzweiflung. Es ist ihm anzusehen, dass er dieses Szenario mental schon tausend Mal geprobt hat. Jetzt wird es ernst: Er presst sich den Revolver gegen die Schläfe und die Augen zusammen, dann…

Sein Gesicht ist eine Maske aus Selbsthass und Verzweiflung. Es ist ihm anzusehen, dass er dieses Szenario mental schon tausend Mal geprobt hat. Jetzt wird es ernst: Er presst sich den Revolver gegen die Schläfe und die Augen zusammen, dann drückt er ab. Eine Blutfontäne spritzt über Bettwäsche, Nachttisch und Tapete.

Eine Sekunde später wacht er auf und atmet tief durch, so wie auch das Publikum. Nur eine Traumsequenz, vom Projektor auf die Leinwand geworfen. Das Drama um Max Mustermann, den wohl ersten Suizid-Coach, läuft weiter. Der Kinosaal ist übervoll, Besucher sitzen auf Stuhlreihen vor den Kinosesseln oder stehen im Gang. Die Luft ist verbraucht, dabei hat der Hauptfilm noch nicht mal begonnen. Max Mustermann ist nur das Vorprogramm, ein Kurzfilm, jedoch einer von der längeren Sorte – 26 Minuten Laufzeit.

Später am Abend steht Christian Kreil, Regisseur von Max Mustermann, auf dem Raucherbalkon und plaudert Details zum Making-of aus: „So ein Kopfschuss ist kein großes Ding. Im Grunde wird einfach ausprobiert, und irgendwann hat man die perfekte Technik. In dem Fall haben wir ein Hühnerei verwendet.“

„War das nicht ein Straußenei?“, fragt Jackson Slatar, eines der Selbstmordopfer aus dem Film.

„Nee, das mit dem Straußenei war bei dem Film, als der Typ die Kettensäge ins Gesicht bekommt. Hier war‘s ein Hühnerei. Das funktioniert eigentlich ganz einfach …“, sagt Kreil und lehnt sich gegen das Eisengeländer.

Zum 18. Mal fand das Weekend-of-Fear-Festival statt. Am Freitag, den ersten Mai 2015, und dem darauf folgenden Samstag gab es im E-Werk-Kino in Erlangen Filmkost nonstop. Mike Neun und sein Team hatten reichlich aufgetischt: fünf Filme pro Festivaltag plus Kurzfilme. Dabei gab es für die Besucher nicht nur Stoff zum Gruseln, sondern dank der Monster-Trash-Parodie „Moormonster“ auch Lacher. Das Weekend of Fear ist kein reines Horrorfilmfestival. Es werden auch Science-Fiction und obskure Filme gezeigt, die nicht in den herkömmlichen Kinos laufen. Dabei hat jeder Filmemacher die Chance, es in die Auswahl fürs Weekend of Fear zu schaffen. Neun sagt: „Wir schauen uns jeden Film an. Alles andere wäre unfair.“

Wusstest Du …

dass ein Kurz- vor dem Hauptfilm damals Standard war? Heute wird das Vorprogramm wesentlich von Werbespots beherrscht. Das führt dazu, dass es so gut wie keinen Markt für Kurzfilme gibt. Hauptsächlich Festivals wie zum Beispiel das Weekend of Fear nehmen sich dieser Kunstform an. Aber auch das Lamm-Lichtspiele in Erlangen ist nun wieder vermehrt dazu übergegangen, Vorfilme zu zeigen.

Von Peter Jackson zum Moormonster

Seit 1988 gibt es das Festival, das zuerst München heimsuchte, dann 1990 nach Nürnberg umzog. Peter Jackson (vor allem bekannt durch „Herr der Ringe“) stellte seinen Film „Braindead“ als deutsche Premiere persönlich in Nürnberg vor. Das ist lange her. Nun ist das E-Werk in Erlangen mit gerade Mal einem Vorführraum Austragungsort. Aber Neun ist zuversichtlich, was die Zukunft des Festivals betrifft. „Wir sind kleiner geworden. Kleiner geworden aus dem Grund, weil sich die ganze Medienlandschaft an sich verändert hat. Die Leute haben ihre großen Fernseher zu Hause – da nehm ich mich auch nicht aus – und ihre 5.1-Anlagen und genießen dort die sogenannte Filmkunst.“

Über den Wandel der Medienlandschaft und die richtige Filmauswahl

Die Besucher strömen aus dem Saal, froh darüber, den Angriff des Moormonsters überlebt zu haben. Kollektives Kopfschütteln, aber mit Lächeln. „Was für ein absoluter Blödsinn, herrlich“, sagt einer.

Es ist nach zwei, die meisten wirken erschöpft. Hätten sie ihre Großmütter dabei, die würden ihnen sagen, dass sie bald viereckige Augen bekämen. Keiner hat mehr den Nerv für ein Interview. Nur schnell auf die Toilette, dann eine Zigarette und vielleicht noch ein Bier, Hauptsache kurz Tratschen und die Beine vertreten, bevor der nächste Streifen beginnt. Auf dem Raucherbalkon stehen vor allem Filmemacher und Veranstalter unter dem Dachvorsprung. Regen hat eingesetzt. „Das ist noch gar nichts“, sagt Neun. „Es gab schon Festivalnächte, da ging es bis sechs oder länger.“

Bereits nach fünf Minuten nehmen die ersten wieder ihre Plätze ein. Kurz darauf ist der Saal prall gefüllt wie zu Beginn der Veranstaltung. Das ist über acht Stunden her. Gespanntes Warten auf die Premiere-Vorstellung von HI-8, einem klassischen Horrorstreifen aus den USA. Neun wünscht den Zuschauern viel Vergnügen beim letzten Film dieser Nacht.

Opitk trotz No-Budget

„Wenn man das Geld gebraucht hätte, um den Film wirklich professionell auf die Beine zu stellen“, sagt Klaus Schwarzfischer, „da käme man unter 50.000 Euro nicht weg.“

Schwarzfischer ist Buchautor, Musiker und seit neustem auch Filmemacher. Per Crowdfunding hat er Geld für sein Filmprojekt gesammelt, indem er Fußballtrikots der Spielvereinigung Randsperg verkaufte. Diesen Verein gibt es nicht wirklich, sondern nur in seinem Roman und nun im gleichnamigen Film „Der Verein, der Metzger und der Tod“.

Zuschauer und Filmemacher waren gleichermaßen begeistert vom Sounddesign des Films. Schwarzfischer sagt hierzu: „Überhaupt ist der Film erst durch viele Gagenrückstellungen möglich geworden. Ganz viele Darsteller haben umsonst gearbeitet. Die Techniker haben fast nichts verlangt, obwohl das sehr professionelle Leistungen sind.“

Das ist die Grundvoraussetzung, damit ein No-budget-Film überhaupt funktionieren kann. Denn jeder unabhängige Filmemacher mit einem gewissen Anspruch weiß, dass es den No-budget-Film streng genommen gar nicht gibt. Denn jeder Film verschlingt Geld und auch Zeit. Die erste organisatorische Herausforderung ist, Termine zu finden, an denen alle Crew-Mitglieder neben dem Job Zeit finden. Die beschränkten Ressourcen müssen akzeptiert werden. Doch ist es durch die Digitalisierung einfacher geworden, qualitativ hochwertiges Material aufzunehmen, und Verleihstellen von Profiequipment machen den Dreh erschwinglich. „Es ist einfach, dass man zusammen was macht, was Gescheites in die Welt stellt. Und dann schaut man, was rauskommt. Das ist der Ansatz“, erklärt Schwarzfischer.

Brandl-Production, die ihre Komödie „Moormonster“ auf dem Weekend of Fear vorstellen, verzichten sogar ganz bewusst auf professionelle Darsteller, da diese oft Probleme mit den Drehbedingungen hätten, so Günther Brandl. Natürlich gäbe es hier auch Ausnahmen.

Über No-Budget und das richtige Kunstblut:

Kreil steht gegen das Geländer gelehnt da und verrät enthusiastisch den Trick mit dem Kopfschuss. Das funktioniere eigentlich ganz einfach …

  • 1. Schritt: Hühnerei ausblasen und mit Kunstblut befüllen.
  • 2. Schritt: Ei mit Böller in Haltevorrichtung anbringen.
  • 3. Schritt: Höhe der Haltevorrichtung abmessen und auf die Wand im Hintergrund skizzieren.
  • 4. Schritt: Kamera aufstellen. Sie darf sich während des Takes keinen Millimeter bewegen!
  • 5. Schritt: Lunte anzünden und warten, bis das Blut spritzt.
  • 6. Schritt: Hauptdarsteller hält sich Revolver an den Kopf, genau auf der Höhe der Markierung, und stößt ihn auf Action! vom Pistolenlauf ab.
  • 7. Schritt: Die Sequenzen werden am PC zusammengeführt, sodass die perfekte Illusion entsteht.

Zu sehen gibt es das Making-of zu Max Mustermann hier.

Wusstest Du …

dass bei der Duschszene in Psycho Schokosirup floss? Alfred Hitchcock hat Filmblut und Ketchup ausprobiert, war mit dem Ergebnis jedoch unzufrieden. Es verklumpte und sah im rinnenden Wasser unecht aus. Da griff der Altmeister zu Schokosirup. Im Schwarzweißfilm fiel das natürlich keinem auf.

Für das Weekend of Fear 2016 soll ein weiterer Vorführraum hinzukommen, sodass Filme parallel laufen können und die Auswahl wächst. Bei rund 400 eingesendeten Filmen pro Jahr mangelt es jedenfalls nicht an Möglichkeiten. Wie international das Weekend of Fear aufgestellt ist, zeigt auch die diesjährige Verleihung der „Glibtorten“. Die begehrten Publikumspreise gehen nach Spanien für den besten Kurzfilm „Tantopraxia“ und Italien mit dem besten Langfilm „Perfect Husband“. Buon Appetito.

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