Freund oder Feind

Die Fabrik der Zukunft wird sich selbst organisieren, so die Meinung in der Industrie. Verdrängen intelligente Maschinen und das Konzept Industrie 4.0 dabei den Menschen von seinem Arbeitsplatz? Der Rohling weiß, was er zu tun hat. Zielgerichtet steuert er eine…

Die Fabrik der Zukunft wird sich selbst organisieren, so die Meinung in der Industrie. Verdrängen intelligente Maschinen und das Konzept Industrie 4.0 dabei den Menschen von seinem Arbeitsplatz?

Der Rohling weiß, was er zu tun hat. Zielgerichtet steuert er eine freie Maschine an und teilt ihr mit, wie sie ihn bearbeiten soll. Dann fährt er zu der nächsten Station, die seine Programmierung ihm vorgibt. Die Fabrik läuft selbstständig, kein Mensch ist vor Ort. Das ist die Vision einer „Industrie 4.0“, einer „Smart Factory“, in der alle Komponenten via Internet kommunizieren. Noch ist die Realität weit von dieser Vorstellung entfernt, aber schon wird spekuliert, welche Auswirkungen Industrie 4.0 auf die Arbeitsplätze haben wird.

Einerseits könnten viele Stellen wegfallen, vor allem für weniger Qualifizierte. Andererseits scheint sogar eine gewisse Reindustrialisierung Deutschlands möglich. Eine Studie aus Oxford erschreckte diesen Frühling die Medien. Sie kam zu dem Schluss, dass 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA in den nächsten zwei Jahrzehnten verschwinden können.  Dass Immobilienmakler (97 Prozent Wahrscheinlichkeit), Bürokaufleute (96 Prozent) und Taxifahrer (89 Prozent) besonders bedroht sind, mag den Schreck im Maschinenbau vielleicht etwas gemildert haben. Dennoch sind die Befürchtungen groß, dass zunehmend selbstständigere Maschinen immer mehr Arbeitsplätze auslöschen. Peter Post, der Leiter der Corporate Research der Firma Festo, versucht zu beruhigen. „Der Mensch ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil des Produktionsprozesses. Die Arbeitnehmer werden im gleichen Umfang gebraucht werden wie bisher, vielleicht sogar noch dringender. Was sich ändern wird, sind die Jobprofile.“ Einfache, sich wiederholende Arbeiten und Überwachungsaufgaben könnten auch von Maschinen erledigt werden, sagt Post. Was bleibe, seien Tätigkeiten mit größerer Verantwortung, komplexe und kreative Arbeiten. Unqualifizierte Arbeiter trifft es also mehr als Chefs. Theodor Niehaus, Geschäftsführer von Festo Didactic, will deshalb auf Bildung setzen, denn der Bedarf an Fachkräften sei vorhanden. Für diese bietet Industrie 4.0 eine große Chance. Da die Smart Factory ihre Produktionsprozesse stetig optimieren würde, könnte sie schneller und materialsparender als die normale Fabrik produzieren.

Eine Produktivitätssteigerung von bis zu dreißig Prozent sei möglich, schätzt auch die Firma ABB. Das senkt die Lohnstückkosten und macht Deutschland als Produktionsstandort für mehr Firmen rentabel. Außerdem brauchen die Smart Factorys gut geschultes Personal – und das findet man in Deutschland.  Statt weiteren Outsourcings könnte so eine Reindustrialisierung in Gang kommen, die neue Arbeitsplätze schafft.  Einige Unternehmen planen bereits, ihre Produktion zurück nach Deutschland zu verlegen. Im Maschinenbau könne man bis 2025 eine zusätzliche Wertschöpfung von 23 Milliarden Euro erwarten. Das  wiederum ergab eine Studie des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation und des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien (Bitcom). Der Betrag könnte noch deutlich höher ausfallen – wenn mehr Investitionen in Fabriken und Ausbildung den Plan einer Industrie 4.0 schneller vorantreiben. Fest steht: Menschenleer wird eine Fabrik wohl auch in Zukunft nicht sein. Stattdessen werden Mensch und Maschine wohl noch enger zusammenarbeiten.

Simone Danne

 

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