Gläserne Koffer

Selbstmordattentäter töten im April 2017 im russischen Sankt Petersburg und im Mai 2017 in Manchester 14 beziehungsweise 23 Menschen. Es lässt sich kaum ausmalen, welche verheerenden Folgen ein solcher Anschlag in einem Passagierflugzeug anrichten würde.

Selbst in kleinen Linienflugzeugen sitzen 150 Personen, Überlebende wären nach einer Explosion so gut wie ausgeschlossen. Daher werden spätestens seit den Anschlägen des 11. September 2001 Passagiere und Gepäck stärker kontrolliert als je zuvor. Was passiert mit einem Koffer, nachdem er beim Check-In abgegeben wurde? „Nun zunächst wird er von den Mitarbeitern am Schalter mit einem Strichcode versehen, damit das Gepäckstück im richtigen Flieger landet. Schließlich möchte jeder Reisende mit Gepäck am Zielflughafen landen“, erzählt der junge Polizeikommissar Alexander Holzmann, der am Flughafen München arbeitet.

Passagiere checken am Münchner Flughafen ein Foto: Flughafen München GmbH

Weiter geht es auf Förderbändern zur Röntgenmaschine, die mittlerweile an allen Flughäfen standardmäßig eingesetzt wird. Die Koffer werden über Fließbänder durch die circa drei Meter hohe und sechs Meter lange Maschine gefahren: darin wird das Gepäckstück geröntgt. Mit Hilfe von verschiedenen Wellenlängen der Röntgenstrahlung ist es möglich, auf einem Bildschirm zu erkennen, aus welchem Material die Gegenstände im Inneren bestehen.

Ein Mitarbeiter des Münchner Flughafens bei der Gepäckabfertigung Foto: Flughafen München GmbH

Alles wird bunt

Der Apparat kann nach drei verschiedenen Kategorien unterscheiden: Organisches, Nichtorganisches und Metall. Am Computer sieht das Sicherheitspersonal aufgeteilt nach Farben, was sich im Koffer befindet. So wird beispielsweise Organisches als orange dargestellt und Nichtorganisches grün, während Metall blau erscheint. Das Gerät arbeitet soweit selbstständig und braucht nicht bedient zu werden. Erst wenn die Röntgenmaschine etwas Auffälliges entdeckt, werden Luftsicherheitsassistenten hinzugezogen, die am Bildschirm die Gegenstände identifizieren müssen. „Dabei können wir die Größe des Bildes verändern oder auf verschiedene Blickwinkel zurückgreifen“, erläutert Stefan Weißenhorn. Er selbst ist Luftsicherheitsassistent am Flughafen München und für die Handgepäckkontrollen und Kofferabfertigung zuständig.  Besonders problematisch wird es, wenn zwei Dinge aus verschiedenen Kategorien direkt übereinander liegen oder sogar miteinander verpackt sind. „Beispielsweise würde ein Tablet neben einer Tafel Schokolade einen ersten Verdacht erwecken, da die Kabel im Multimediagerät metallisch angezeigt werden. Dazu sieht die organische Schokolade am Bildschirm ähnlich aus wie Sprengstoff“, erklärt Weißenhorn weiter. Genau jener Stoff, der unter gar keinen Umständen in ein Flugzeug gelangen darf. Schließlich würde wohl bereits eine kleine Explosion im Laderaum eines Fliegers zu einem Absturz führen.

Auf dem Röntgenbild sind eine Geldbörse, eine Kamera und das zugehörige Stativ zu sehen. Auffällig: Die verschiedenen Farben der Kamera von Glas, Metall und Plastik Foto: Ralf Roletschek

Anti-Sprengstofftechnik

Um den ersten Verdacht zu untersuchen, gibt es Teststreifen, sogenannte Sprengstoffspurendetektoren (kurz ETD-Tester für „explosive trace detection“). Denn Sprengstoff hinterlässt überall nachweisbare Mikrorückstände. So können die Koffer mit einem solchen ETD-Tester abgestreift werden, um den bloßen Verdacht einer Bombe zu entschärfen oder zu bekräftigen. Zusätzlich werden von den Behörden interne Quoten vorgegeben, wie viele Gepäckstücke stichprobenartig dem sogenannten „Sniff-Check“ unterzogen werden, ohne dass ein Anfangsverdacht herrscht, erläutert Polizeikommissar Alexander Holzmann von der Bundespolizeiinspektion am Flughafen München.

Die Handgepäckkontrolle läuft anders

Auch bei der Handgepäckkontrolle werden mit Hilfe von Röntgengeräten Rucksäcke, Laptoptaschen und kleine Reisetrolleys überprüft. Das Röntgenverfahren bleibt dasselbe, allerdings arbeiten hier Luftsicherheitsassistenten am Bildschirm. Diese sind auf ein gutes und geschultes Auge angewiesen, um Auffälligkeiten zuverlässig zu erkennen. Die Arbeit ist höchst anstrengend und bereits nach kurzer Zeit tritt die sogenannte Vigilanz bei den Mitarbeitern auf: Augen und Gehirn ermüden bei anstrengenden, aber gleichzeitig eintönigen Aufgaben. „Für den Betrachter sehen nach wenigen Minuten die Bilder alle gleich aus, eine Gefahrenabwehr ist dann kaum noch möglich. Daher wechseln wir die Mitarbeiter nach spätestens einer halben Stunde aus“, erklärt Stefan Weißenhorn.

Luftsicherheitsassistenten kontrollieren Personen und Handgepäck in der Sicherheitszone am Münchner Flughafen. Foto: Flughafen München GmbH

Dank modernster Technik, sorgfältiger Schulung der Mitarbeiter und strikter Kontrollvorgaben ist es bisher glücklicherweise zu keinem weiteren Anschlag ähnlich dem 11. September 2001 gekommen. Trotz aller Gegenmaßnahmen sind aber seitdem einige Flieger auf Grund einer vorsätzlich herbeigeführten Explosion abgestürzt. Und dennoch bleibt das Flugzeug weltweit das sicherste Verkehrsmittel, nicht zuletzt wegen der umfassenden Sicherheitskontrollen am Flughafen.

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