Helden der Rennbahn

„Was?“, ruft Dieter durch den Lärm von sieben dröhnenden Motoren um ihn herum. Der Mechaniker brüllt noch lauter zurück: „Deinen Schlüssel brauche ich!“ Dieter nickt und richtet sich auf.

Er ächzt – ein stechender Schmerz fährt ihm kurz in die Seite. „Machst du den Rest?“, fragt er und drückt dem Mann das Werkzeug in die Hand. „Ja, geh dich ruhig umziehen. Wir sehen uns nach dem Rennen auf dem Treppchen.“ „Ha! Na, wir werden sehen.“ Mit seinen zahlreichen Meistertiteln und jeder Menge Erfahrung zählte Dieter natürlich zu den Favoriten, doch sein junger Kollege würde ultimativ darüber entscheiden, ob sie als erste gemeinsam über die Ziellinie fahren. Teamwork ist die Kernkomponente des Stehersports, bei dem ein sogenannter Schrittmacher auf dem Motorrad einem Rennradler, dem Steher, zu rasanten Geschwindigkeiten verhilft. Der Schrittmacher ist dabei derjenige, der auf seiner Maschine steht und einen Sog für den Hintermann erzeugt.

Sport mit Tradition

Im Jahr 1905 zog der Reichelsdorfer Keller Massen von Radsportfans an.

Im Jahr 1905 zog der Reichelsdorfer Keller Massen von Radsportfans an.
Foto: Manfred Marr – Radsport-Archiv Nürnberg

Seit den 60er Jahren ist Dieter am Reichelsdorfer Keller in Nürnberg bei den rasanten Rennen dabei, doch die Bahn ist schon viel älter. Der „Verein Sportplatz“, gegründet 1903 von wohlhabenden Funktionären, ermöglichte den Bau der Betonpiste und kümmerte sich stets um ihren Erhalt. Bereits 1904 düsten hier die ersten Motorrad-Rennrad-Gespanne durch die steilen Kurven und zogen fünfstellige Zuschauerzahlen an. Heutzutage sind die Plätze auf den Tribünen eher spärlich besetzt, was den Veteranen aber nicht weiter stört. Was ihm hingegen mehr Sorge bereitet, ist seine schmerzende linke Hüfte. Da musst du jetzt durch, danach kannst du dich erholen, denkt er und läuft zur Umkleide. Dort wird schon rege über den Wettkampf diskutiert. Die anderen Schrittmacher begrüßen ihn. „Servus Dieter! Na, was meinst du, wird der Mario das heute packen?“ Über seinen noch unerfahrenen Partner wird spekuliert. „Ich weiß nicht. Wenn er die Ausdauer hat für ein paar schnellere Runden – vielleicht. Die Konkurrenz ist stark“, antwortet er ehrlich. „Lass ihn das aber nicht hören! Der Junge macht sich schon große Hoffnungen. Das würde ihn bloß demotivieren.“ „Keine Sorge, ich verrate ihm nichts. Ich bin selber gespannt, wie er sich macht.“

Schwarze Anzüge für alle

Dieter schlüpft in seine Lederkluft. Im Fahrtwind wird sie sich später aufblähen und Mario den nötigen Windschatten geben, um mit dem Motorrad mithalten zu können. Als er in die Hose steigt, hebt er vorsichtig das linke Bein. Glücklicherweise tut es dabei nur minimal weh. Zuletzt schnallt er sich den Schutzhelm um. Die nach hinten geöffneten Ohrenklappen helfen dabei, die Kommandos des Hintermanns zu verstehen. So eingekleidet unterscheidet sich der Schrittmacher kaum von seinen Mitfahrern – alle tragen denselben Anzug in derselben Größe. Gemeinsam gehen sie hinaus zur Rennbahn. Auf dem runden Areal in der Mitte warten schon die Steher neben ihren Rädern. Die bahntauglichen Gefährte sind extrem leicht und besitzen weder Gangschaltung noch Bremsen. Sattel und Lenker sind mit Stahlstäben verstärkt, um der Geschwindigkeit standzuhalten. Eine große Übersetzung mit direkter Kraftübertragung bedeutet zudem, dass der Fahrer konstant in die Pedale treten muss. Steher benötigen daher eine sehr hohe Kondition und Ausdauer. „Na, fühlst du dich fit?“, fragt Dieter seinen Verbündeten im blauen Anzug. Mario lächelt. „Ja, total. Gestern habe ich meine Trittfrequenz noch mal auf dem Prüfstand gemessen. Knappe 135 pro Minute!“ Die Energie, die der junge Mann ausstrahlt, macht Dieter zuversichtlich, gemeinsam eine gute Platzierung erreichen zu können. „Sehr gut. Wollen wir noch mal die Taktik für heute durchgehen?“ Die beiden besprechen ein paar Manöver für den Fall, dass ein Team an ihnen vorbeizieht oder wenn einer der Gegner müde wird.

Letzte Vorbereitungen

Auf diesem Motorrad kann man sich gemütlich anlehnen - mehr nicht.

Auf diesem Motorrad kann man sich gemütlich anlehnen – mehr aber auch nicht.
Foto: Christian Feist

Als durch die Lautsprecher die Durchsage erschallt, dass sich die Schrittmacher vorbereiten sollen, klopft Dieter seinem Schützling auf die Schulter. „Gib dein Bestes.“ Danach geht er zu seiner alten Honda CB 500 T hinüber und startet den Motor. Wohl wissend, dass es gleich wieder ein bisschen in der Seite zieht, steigt er in die Fußschale auf der linken Seite und schwingt sein anderes Bein hinüber. Gleichzeitig ergreift er die lange, U-förmige Lenkstange und dreht am Gasgriff. In aufrechter Position, angelehnt an die schräg installierte Sattelfläche hinter ihm, rollt er los. Das Publikum wird unruhig, das Rennen startet in Kürze. Nachdem sich die Fahrer alle oben auf der Bahn verteilt haben, reihen sich die Steher weiter unten an der roten Sprinterlinie auf. Während vom Kommentator noch die Teilnehmer und ihre Nummern verkündet werden, schieben Helfer die Rennradler an und geben ihnen Schwung für den Start. Jeder muss nun seinen Teamkollegen erreichen und an der Rolle, die hinten quer an den Motorrädern angebracht ist, so nahe wie möglich entlangfahren. Reine Routine für die trainierten Sportler – mithilfe des Windschattens nähern sie sich zügig ihren Mitstreitern. Als schließlich alle Gespanne sich gefunden haben und sie die Ziellinie überqueren, ertönt der Startschuss. Eine Stunde lang würden sie nun zu siebt darum kämpfen, so viele Runden wie möglich zu erzielen.

Einer sieht rot

Die Zuschauer jubeln. Mühelos zieht Dieter nach ein paar Runden an den anderen vorbei, als er von Mario ein „Allez!“ zugerufen bekommt. Er fährt nah an die blaue Linie heran, die etwa durch die Mitte der Bahn verläuft. Solange das Duo führt, muss es sich mit seinen 80 bis 90 Stundenkilometern dort halten. Leider bleiben die beiden nur für kurze Zeit an erster Stelle. Die einseitige Belastung durch die Schräge macht dem erfahrenen Schrittmacher zu schaffen, und der Schmerz in der linken Hüfte kehrt zurück. Unbewusst drosselt er die Geschwindigkeit. Hinter ihm ruft sein Partner nochmals „Allez!“. Zwei Gespanne ziehen rechts vorbei. Dieter bemerkt seinen Fehler und beschleunigt, doch er hat durch den kleinen Zwischenfall eine ordentliche Distanz aufgebaut. Egal wie sehr es wehtut, du musst weiterfahren, sagt er zu sich selbst. Eine Weile geht sein Vorhaben gut, und die zwei Rennfahrer holen auf. Mario gibt alles, wird aber wegen seiner vielen Sprints schnell müde. Der Gegner nutzt das sofort aus. Hinter ihnen startet Team Nummer drei durch und setzt zum Überholvorgang an. Dabei kommen sich die Motorräder gefährlich nahe. Automatisch dreht Dieter seinen Oberkörper zur Seite, um den Windschatten des gegnerischen Stehers zu schwächen. Ein Fehler. Die Drehung löst ein höllisches Ziehen in seiner Seite aus. Er verliert das Gleichgewicht und kippt nach links. Bevor er auf dem harten Betonboden aufprallt, sieht er noch die rote Flagge. Sein Kontrahent würde eine Strafe zahlen müssen, doch der Sturz war seine eigene Schuld.

Harte Jungs

Keine Sorge, dem echten Dieter geht es natürlich gut.

Hier ist Dieter in voller Montur zu sehen. Keine Sorge, es geht ihm gut!
Foto: Christian Feist

Die Motoren sind verstummt, das Publikum in Aufruhr. Solch ein Unfall erfordert einen Abbruch. Zwei Helfer sind sofort zur Stelle und hieven den Verletzten auf eine Trage. Vereinsmitglieder und Organisatoren umringen den Gestürzten, darunter auch Mario. „Was ist passiert?“, fragt er seinen Kollegen. „Hüftprobleme. Ich dachte, ich halte es aus“, entgegnet ihm Dieter. „Du hättest mir das sagen sollen! Mich hätte es auch fast runtergehauen!“ „Junge, Steherrennen sind nichts für Weicheier. Manchmal muss man einfach die Zähne zusammenbeißen und was riskieren.“ Diese Aussage blieb dem jungen Sportler im Gedächtnis. Trotz zahlreicher Schürfwunden und womöglichen Knochenbrüchen, schien der Mann zufrieden. Auch die anderen Fahrer gratulieren ihm und scheinen beeindruckt von seiner Zähigkeit, statt sich über das vertagte Rennen zu beschweren. Selbst einige Zuschauer nähern sich und klatschen, als Dieter in den Krankenwagen gehievt wird. Ein kleiner Bub winkt ihm zu. Mario beobachtet das ganze Spektakel verwundert. „Noch ein bisschen von der Rolle, was?“, fragt ihn einer der anderen Steher. „Ja, das kann man wohl sagen.“

 

Lisa Höllriegl

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