Hinter verschlossenen Gardinen

Der 16mm-Kodak-Film liegt eingeklemmt zwischen dicken Lehrschmökern und einem Haufen Wechselkleidung, bevor Marliese Lassner in dem kleinen Kofferraum nach der Filmrolle greift und sie achtlos in ihre lederne Aktentasche wirft. Frustriert schlägt die junge Lehrerin die verrostete Kofferraumhaube ins Schloss.

Der kleine Wagen ächzt und quietscht unter der Wucht des Aufpralls, als ob er ihrem Unmut insgeheim zustimmt. Die einst bananengelbe Lackierung ist über die Zeit verblasst und hat einem stumpfen Nikotingelb den Platz überlassen. Genauso trüb wie die Farbe sind die Gedanken der jungen Frau. 

Ein vorhergegangener Streit mit dem frischen Ehegatten. Sie solle ihre frivole Lehrstelle aufgeben und eine ordentliche Hausfrau werden. Zur Aufsicht am Filmnachmittag hatte er sie beinahe nicht gehen lassen. Verärgert streicht Marliese sich die langen Haare aus dem Gesicht, während sie über den Parkplatz zum Schulgebäude läuft. Unheilvoll recken sich ihr die dunklen Backsteinmauern entgegen, bereit, sie zu verschlingen. 

Vorführung mit dem Siemens 2000. Quelle: Deutsches Museum

Der Großteil der Klasse ist bereits anwesend. Sie hört das laute Gegacker und die jugendlichen Balzrufe, lange bevor sie das Klassenzimmer betritt. Marliese knallt ihre schwere Aktentasche auf das Lehrerpult und verschafft sich so Gehör. „Guten Nachmittag miteinander. Es freut mich, dass euch der Filmnachmittag offensichtlich in so heitere Laune versetzt. Oliver“, sie zeigt auf einen Rotschopf mit der Statur eines Ringers. „Du wirst mir helfen, den Filmprojektor aus dem Geräteraum zu tragen.“ Marliese und ihr Zögling tragen den kastigen Filmprojektor durch die langen Schulgänge, als Oliver abrupt stehen bleibt. Marliese sieht ihn mahnend an: „Lauf‘ weiter, der Projektor wiegt ganze zwölf Kilo und wird nicht leichter.“ „Ich dachte, ich hätte Schritte gehört“, entgegnet Oliver. Achselzuckend setzt er sich wieder in Bewegung.

Ein Mann lehnt selbstgefällig im Türrahmen. Von hier aus hat er einen guten Blick auf sie, ohne dass er selbst gesehen werden kann. Das grelle Neonlicht spiegelt sich in seinem strähnigen Haar, das er mit Pomade penibel zurückgekämmt hat. An einem normalen Tag findet er Gefallen daran, sie zu beobachten. In den intimen Momenten, wenn sie denkt, für sich zu sein. Doch heute fühlt er sich verunsichert, ja sogar gekränkt. Wer ist der junge Flegel, der so unsittlich mit seiner Marliese kokettiert?

Montage des Siemens Projektor. Quelle: Siemens

Im Vorführraum der Schule ist Ruhe eingekehrt. Die Schüler hängen gebannt an den Lippen ihrer Lehrerin, die sie in die Bedienung des Projektors einführt. „Um den Siemens 2000 vorführbereit zu machen, muss als Erstes die Projektionslampe eingesetzt werden. Äußerst wichtig ist dabei die Wahl des passenden Vorwiderstandes.“ Eindringlich schaut sie über die Reihen. „Ansonsten überhitzt das Gerät und es kommt zu einem Kurzschluss.“ Mit dem Schutzkamin deckt sie die freigelegte Lampe und den Widerstand ab.„Der Siemens-Filmprojektor funktioniert nach dem sogenannten Baukastenprinzip. Die Stummfilmausführung ist das Basismodell. Magnet- und Lichtton sowie andere Spielereien können sie mit den entsprechenden Erweiterungen nachträglich am Gerät arretieren“, erklärt Marliese, während sie im Zubehör des Projektors kramt. „Hier hätten wir zum Beispiel das Linsensystem.“ Sie zieht ein Objektiv aus dem Zubehörkoffer und steckt es geschickt an die dafür vorgesehene Filmbühne. Es klickt vorschriftsmäßig, als das Objektiv einrastet. 

„Nachdem ich die gewünschte Flügelblende eingestellt habe“, sie deutet auf einen unscheinbaren Drehknopf, „sind sämtliche Vorarbeiten getan.“ Ihre Rede wird unterbrochen vom begeisterten Klatschen ihrer Lehrlinge. Für den Projektor aus robustem Aluminium-Druckgussgehäuse hat die Schule tief in die Taschen greifen müssen. Sagenhafte zehntausend Deutsche Mark. Kaum verwunderlich, dass die Schüler derart verzückt sind.

„Zu guter Letzt“, sie macht eine kurze Pause, während das Klatschen langsam abebbt, „müssen wir den Film in lockeren Schleifen durch den Filmkanal einfädeln.“ Auf beiden Seiten des Geräts klappt sie nun die Greifarme aus, an welche sie die Leerspule und die Filmspule einhakt und vorsichtig den Film einlegt. Füße scharren und die Kinder murmeln, als ihre Lehrkraft den blickdichten Filzvorhang vor die hohen Fenster des Altbaus zieht. 

Ein langer Schatten huscht davon. 

Er reagiert geradezu blitzschnell. Niemals könnte sie ihn entdecken.

Doch nicht ungesehen. Marliese hält den Atem an. 

Er lacht triumphierend in sich hinein über ihre betörende Ahnungslosigkeit.

Die feinen Härchen an ihrem Nacken stellen sich auf. Nur ein Tier, beruhigt sie sich.

Der eisgrüne Filmprojektor rattert und quietscht freudig, als Marliese ihn endlich an seinem schwarzen Hauptbedienelement einschaltet. Ein verschwommenes Bild erhellt den dunklen Raum. Erst als sie an einem Knauf neben dem Objektiv dreht, schärft sich die Abbildung. Ein Schriftzug ist nun deutlich zu erkennen. „Schatten. Eine nächtliche Halluzination.“ Ein Stummfilm-Klassiker von Arthur Robinson. Ergriffen fiebert die Klasse mit dem Protagonisten. Einem eifersüchtigen Ehemann, der überzeugt von der Untreue seiner schönen Frau ist. 

Gestresst zieht er an seiner Pall Mall. Dicker Zigarettenrauch wabert in die abendliche Winterluft.

Bei einem abendlichen Dinner beobachtet der ängstliche Gatte ein beunruhigendes Schattenspiel. Hinter zugezogenen Gardinen meint er sehen zu können, wie sich seine Frau einem anderen Mann hingibt. Angespannt lässt sich Marliese in die weiche Polsterung ihres Stuhls sinken und versucht, das Schauspiel zu genießen.

Die zugezogenen Gardinen machen ihn zornig. Welche Farce versuchen die dicken Vorhänge zu verbergen? Wenn er diesen rothaarigen Schuft in die Finger bekommen würde… 

Der Film aus den 1920er Jahren neigt sich dem Ende zu. Die Mädchen und Jungen klauben emsig ihre Schulsachen zusammen und auch Marliese Lassner wirft sich ihren Trenchcoat über, schultert die Aktentasche und klemmt sich die Filmspule unter den Arm. Sie verabschiedet jeden Schüler einzeln und entlässt sie in die Gegenwart. Ein gewöhnlicher Schulalltag in den frühen 1950er Jahren. Sie vergewissert sich, dass der Klassenraum verschlossen ist, dann läuft sie geradewegs zur Hauptpforte des Schulgebäudes. Unerwartet tritt ein finsterer Mann aus den Schatten einer Türsäule und nähert sich ihr mit nahezu geräuschlosen, langen Schritten. Das Herz schlägt ihr bis zum Hals, doch keinen Finger kann sie krümmen. Wie zur Säule erstarrt, verharrt sie an Ort und Stelle. Als sein Gesicht von einem feinen Lichtstrahl berührt wird, kann sie ihm einen Namen geben.

„Anton?“

Er grinst wie ein schelmischer Bube über ihr ungläubiges Gesicht.

„Sag mal, spionierst du mir etwa nach?“ Empört funkelt sie ihren Gatten aus zusammengekniffenen Augen an. 

„Natürlich nicht, Herzblatt, ich bin gekommen, um dich nach Hause zu fahren.“

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