„Ich wollte ein Haus mit zwei Kindern.“

Dragica Markovic lebt seit mehr als 30 Jahren in Deutschland. Die gebürtige Serbien verrät im Interview weshalb sie ausgewandert ist, was sie noch mit ihrem Heimatland verbindet und worin die Unterschiede zwischen den beiden Ländern liegen.

Hatten sie Vorbilder und Ziele, als sie nach Deutschland kamen?

Dragica Markovic: Ich hatte keine Vorbilder. Ich war ganz bodenständig und wollte ein Haus mit zwei Kinder. Ich bin also durchaus erfolgreich (lacht).

Wie war Ihre Kindheit in Serbien?

Markovic: Ich bin mit vier anderen Geschwistern in einem Dorf groß geworden. Auf dem Land herrschte eine sehr konservative Art, wie Eltern ihre Kinder großzogen: sehr anständig, zuvorkommend und ambitioniert. Alle waren willens, etwas aus sich zu machen, nur fehlte es oftmals an der nötigen Unterstützung. Wir waren nicht arm, aber es gab nicht alles im Überfluss. Wenn nur ein Ei zur Hand war, wurde dieses mit Fett und Brot gestreckt, damit die ganze Familie etwas davon hatte. Brot ist in unserem Land allgemein sehr wichtig. Die Armut ist hoch und Brot ist eine billige Möglichkeit satt zu werden. Für ein Kilogramm Brot werden in Deutschland schon drei Euro verlangt und in Serbien kostet dieselbe Menge maximal 50 Cent. Die alte Generation sagt, dass es dir an allem mangeln kann, nur an Brot nicht. Zuhause gab es keinen Fernseher. Ich habe zum Zeitvertreib sehr viel gelesen. Natürlich gab es damals nicht viele Alternativen sich anderweitig zu beschäftigen.

Aus welchem Grund sind Sie nach Deutschland gekommen?

Markovic: Ich hatte bereits eine fertige Ausbildung als Hebamme in Serbien und war auf der Suche nach einer Stelle. Die Jugendarbeitslosigkeit war damals noch höher als es heutzutage dort der Fall ist. Zu diesem Zeitpunkt war ich 25 Jahre alt und meine Schwester lebte bereits in Deutschland. Die Entscheidung war entweder arbeitslos in Serbien zu bleiben oder in Deutschland nach Arbeit zu suchen. Als ich als junger Mensch aus meiner Umgebung gerissen wurde, war ich zunächst unglücklich, weil meine Freunde und Eltern zurückgeblieben sind. Im Nachhinein war ich dann doch noch sehr glücklich darüber, dass ich rechtzeitig nach Deutschland gekommen bin. Ein paar Jahre nachdem ich ausgewandert bin, begann der Krieg in Serbien.

Wie war es zu Beginn in Deutschland?

Foto: Dragica Markovic heute

Markovic: Solange meine Anerkennungsprozedur für meine Ausbildung als Hebamme lief, jobbte ich in der Gastronomie. Dort lernte ich auch erstmalig die Sprache. Ich besuchte keinen Sprachkurs, weil mir das nötige Geld gefehlt hat. Mein Gedanke war es, das Gehörte einfach selbst umzusetzen. Das Reden funktionierte auch recht schnell, nur Schreiben war sehr schwierig und ist es auch heute noch (lacht). Im Serbischen haben wir ein Sprichwort: Wir reden so wie wir schreiben und wir lesen so wie es geschrieben ist. In der Technik sind die Deutschen deshalb auch sehr viel präziser. Beispielsweise nutzen Mechaniker in Serbien fast ausschließlich deutsche Begriffe, um Bauteile zu beschreiben. Wenn es aber darum geht Gefühle auszudrücken, ist die serbische Sprache viel umfangreicher. Für Liebe gibt es nicht nur einen Begriff, sondern eine Vielzahl, die dasselbe ausdrücken und noch zusätzliche Nuancen hinzufügen.

Kannten Sie Stereotype der Deutschen?

Markovic: Einen Deutschen stellte ich mir mit blonden Haaren, Sommersprossen, Brille und langen Socken vor. Ich sagte meiner Nichte noch: Heirate mir bloß keinen Deutschen mit Sommersprossen und Brille. Genauso einen hat sie dann geheiratet (lacht).

Haben Sie Kultur und Bräuche aus Serbien erhalten?

Markovic: Wir sind orthodox und feiern bei uns das Weihnachtsfest ähnlich wie in Deutschland. Ein Unterschied ist, dass jede Familie einen Heiligen hat, der die Familie beschützt. In unserem Fall ist das der Heilige Nikolaus, dessen Gedenktag nach Julianischem Kalender am 19. Dezember ist. An dem Tag gibt es bei uns eine Feier und zuvor gehen wir alle in die Kirche. Heilig Abend ist in der Orthodoxen Kirche erst am 6. Januar und am siebten der erste Weihnachtsfeiertag. Als die Kinder noch in der Schule waren, bastelten und bereiteten sie Geschenke immer im Voraus zum deutschen Weihnachtsfest vor. Deshalb feiern wir immer zweimal Weihnachten. Die Feiern sind identisch mit Weihnachtsbaum und Geschenken, nur das Essen variiert.

Welche Unterschiede sehen Sie zwischen Serbien und Deutschland?

Markovic: Begrüßungen sind herzlicher, Umarmungen, Küsschen links und rechts sind normal. Man ist auch deutlicher schneller per du. Eine durchschnittliche Hochzeit in Serbien hat etwa 700 bis 800 Gäste. Jeder kennt jeden und begrüßt sich auch entsprechend. Es kommt zum Beispiel die ganze Firma von einem Mitarbeiter, wenn dieser heiratet. Stadt und Land sind, wie in Deutschland, zwei verschiedene Welten. Wenn ich deutsche Kolleginnen vom Land ansehe, erinnern sie mich stark an mich selbst. Sitten und Bräuche sind stärker ausgeprägt, ähnlich wie es bei uns in den Dörfern üblich ist.

Gibt es etwas aus Serbien, das Ihnen besonders wichtig ist?

Markovic: Ich höre sehr gerne serbische Volksmusik. Bei uns in der Jugend geht es meist nur um die Liebe. Ob Liebe zwischen Mann und Frau oder zu den Eltern spielt dabei keine Rolle. Es ist schwer zu übersetzen, welche Gefühle über diese Lieder vermittelt werden. Besonders als junges Mädchen entwickelte ich eine enge Verbindung mit der Musik. Aber auch die serbische Küche, wie Cevapcici, Bohnensuppe oder Krautwickel sind Dinge, die nicht fehlen dürfen.

Verfolgen Sie Medien in Serbien?

Markovic: Ich verfolge keine serbischen Nachrichten mehr. Ich bin mittlerweile schon zu lange hier, um mich noch mit der dortigen Politik auseinanderzusetzen. Deutsche Nachrichten verfolge ich hingegen aktiv und kann auch über die politische Situation mitdiskutieren. Ich würde wahrscheinlich über die 500€-Frage bei Günther Jauch hinauskommen.

Das Interview führte Lucas Ott

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