In Tunesien kostet ein Schaf 500 Euro

Der junge Mann auf dem Sofa ist ein echter Fußball-Fan. Fast jedes Spiel der WM hat er bereits gesehen und während die Fußballer im Fernsehen stumm dem Ball hinterherrennen, erzählt er von tunesischen Traditionen, seinem Leben in Deutschland und von seinem Traum.

Rebellion im Kinderzimmer

Die dunklen Haare sind lässig zurückgegelt, seine grünen Augen werden von einer Brille umrahmt, er trägt legere Kleidung und sein Teint verrät seine tunesischen Wurzeln. Ahmed Jerbi ist 22 Jahre alt und kam 2015 nach Deutschland, um hier BWL zu studieren. Aufgewachsen in einem Vorort von Tunis, war Ahmed zu Beginn seiner schulischen Laufbahn noch ein wahrer Musterschüler, hatte dann aber in seiner Zeit als Jugendlicher auch eine rebellische Phase. „Meine Mama war sehr streng“, behauptet er, denn die ehemalige Ärztin achtete sehr darauf, dass ihr jüngster Sohn eine behütete Kindheit hatte. „Aber dann hab ich meine eigene Revolution gemacht“, sagt er mit einem schelmischen Grinsen. Eine Anspielung auf die damalige politische Revolution in Tunesien. Er testete seine Grenzen aus, rauchte Zigaretten, trank Alkohol und blieb lange weg. Für seine Mutter war das nicht immer einfach. Sie war vor allem gegen den Alkoholkonsum, denn der ist laut ihrem Glauben nicht erlaubt. Ahmed ist Moslem, so wie der Rest seiner Familie. „Ich bin halt so geboren, keiner hat mich damals gefragt“ scherzt er, aber so richtig muslimisch fühlt er sich nicht. Bis auf seiner Mutter ist in seiner Familie keiner wirklich religiös. Weder sein Vater, noch sein großer Bruder haben eine starke Verbindung zur Religion, seine Schwester feiert sogar Weihnachten. „Sie kauft sich immer einen Tannenbaum“, sagt er lachend.

Eid-al-Fitr und Eid-ul-Adha

Dass traditionelle Feste, die zwar meist durch die Religion entstanden sind, wie im Christentum das Weihnachtsfest, nicht immer aufgrund ihres Ursprungs gefeiert werden, ist auch bei einigen Familien in Tunesien der Fall. Manche religiösen Feste sind für Ahmed einfach eine Tradition geworden. Er schwelgt in schönen Erinnerungen als er vom Fest erzählt, das er früher oft mit seiner Familie nach dem Ende des Fastenmonats Ramadan gefeiert hat. Eid-al-Fitr ist das islamische Fest des Fastenbrechens. Drei Tage lang versammelt sich die Familie; es werden Verwandte und Bekannte besucht und Kinder bekommen Süßigkeiten geschenkt. An diesen drei Tagen herrscht in islamischen Ländern Feiertagsstimmung. Es ist üblich, große Festessen mit der Familie und mit engen Freunden zu feiern und sich gegenseitig kleine Geschenke zu machen.

Immer unterwegs, Ahmed in Paris Foto: Ahmed Jerbi

Ein weiteres religiöses Fest, das in Ahmeds Familie eine lange Tradition hat, ist das Opferfest Eid-ul-Adha. Früher kauften seine Eltern für diesen besonderen Tag ein Schaf, was nicht selbstverständlich war. „Schafe sind teuer, sie kosten bis zu 500 Euro. In Tunesien ist das viel Geld und manche nehmen dafür sogar einen Kredit auf“, erklärt er. Wie die Bezeichnung des Feiertags bereits vermuten lässt, wird das Tier an diesem Tag geschlachtet und das Fleisch wird bei einer aufwendigen Mahlzeit im Kreise der Familie verspeist. Es ist üblich einen Teil des Festmahls mit den Armen zu teilen. Diese zwei traditionellen Feste zählen zu den höchsten Feiertagen im Islam, weshalb sehr religiöse Menschen sie mit besonderen Gebeten feiern. Auch in Deutschland hat es sich etabliert, dass muslimische Kinder mit einem Nachweis der Eltern an diesen Tagen von der Schule befreit sind, um an den Festen teilzunehmen. Die meisten Erwachsenen nehmen sich dafür sogar extra Urlaub. Seit einigen Jahren ist diese Tradition in der Familie Jerbi seltener geworden. Zwar findet das Fest noch statt, aber im kleineren Kreis und mit gekauftem Fleisch von bereits geschlachteten Schafen. Die Zeit, die seitdem vergangen ist, hat Ahmed zum größten Teil in Deutschland verbracht.

Willkommen in Deutschland

Seit der junge Mann mit 19 Jahren Tunesien verließ, um nach Deutschland zu kommen, verfolgt er zielstrebig seinen Traum, Karriere zu machen. In seiner Region absolvierte er die beste Hochschulreife im Fach Wirtschaft und mit den vier Sprachen, die er bereits sprechen konnte, sah er seiner Zukunft optimistisch entgegen. Angekommen in Deutschland zog er im ersten Jahr von einem Wohnheim in Heidelberg nach Darmstadt und von dort aus in eine Ein-Zimmer-Wohnung nach Erlangen. Schlussendlich kam er nach Nürnberg, weil er hier einen Studienplatz an der Universität erhalten hatte. In dieser Zeit lernte er die deutsche Sprache im Schnellverfahren. Heute spricht er sie bis auf wenige Makel fließend. Wie er das so schnell geschafft hat, erklärt er so: „Deutsche sprechen nicht gerne Englisch, also musste ich eben Deutsch lernen. Dafür kann ich jetzt fast kein Englisch mehr.“ Seit zwei Jahren studiert Ahmed nun an der FAU Betriebswirtschaftslehre und hat Freunde gefunden, mit denen er in seiner Freizeit gerne etwas unternimmt. Im Alltag arbeitet er neben seinem Studium und geht am Wochenende gerne feiern. Er ist ein junger Mann, den viele als den typischen Studenten bezeichnen würden.

Heimweh hat er trotzdem hin und wieder, auch weil es ihm in Deutschland manchmal zu kalt ist. Soziale Medien und sein Smartphone ermöglichen ihm trotz der Entfernung einen engen Kontakt zu seiner Familie und seinen tunesischen Freunden. „Meine Mama schreibt mir jeden früh eine Nachricht und sie macht sich Sorgen, wenn ich mich mal zwei Tage nicht melde.“ Vor zwei Jahren hat sie ihn in Nürnberg besucht und zusammen haben sie Ausflüge nach Prag und Venedig unternommen. Genau wie er hat sie in ihrer Jugend eine Zeit lang im Ausland gelebt, genauer gesagt in Frankreich, wo sie auch Ahmeds Vater kennenlernte. Nicht viele Tunesier haben das Glück, ein so abwechslungsreiches Leben in vielen verschiedenen Ländern der Welt zu führen.

Vielleicht ist Ahmed Jerbi gerade deswegen in Deutschland noch nicht am Ende seiner Reise angekommen, denn nach seinem Bachelor-Abschluss möchte er gerne noch weiter weg, um in Kanada seinen Master zu machen. Bei einem ist er sich sicher: Er möchte Erfolg haben und sich selbst und seine Familie stolz machen.

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