Für Menschen mit Behinderung ein unüberwindbares Hinternis – der Weg über die Aufzüge dauert 8 Minuten länger.

Inklusion an Hochschulen

Leon (24) studiert Physik an der Julius-Maximilians-Universität (JMU) in Würzburg. Er interessiert sich für Technik, baut gerne Modelle und fährt auf Konzerte. Eigentlich unterscheidet ihn wenig von anderen Studenten.

Bis auf seine Gehbehinderung, die ein Hirntumor vor einigen Jahren zur Folge hatte. „Ich brauche einfach länger als andere Studenten, um mich auf dem Campus der Uni zu bewegen. Auch das Treppensteigen bereitet mir große Schwierigkeiten“, beschreibt Leon seine Situation. Nach einer Operation, bei der Komplikationen auftraten, musste er über ein halbes Jahr viele Fähigkeiten wie Sprache und Motorik neu erlernen. Inzwischen hat er sich davon weitestgehend erholt, seine sprachlichen Fähigkeiten sind wieder auf einem ähnlichen Stand wie vor dem Eingriff. Nur das Laufen bereitet ihm nach wie vor Beschwerden.

In den vergangenen Jahren ist das Thema Inklusion in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt und das Bewusstsein für Gleichberechtigung gewachsen. Dies liegt auch an den strengeren Vorgaben der EU bei öffentlichen Einrichtungen. Aus einer Untersuchung des deutschen Studentenwerks geht hervor, dass etwa 14 Prozent aller Studierenden in Deutschland körperlich eingeschränkt oder chronisch krank sind.

Leon (24) Foto: Nicolas Fleckenstein

Zwar sind Unis und Hochschulen in Deutschland bereits seit 1976 durch das Hochschulrahmengesetz zur Gleichstellung von Benachteiligten verpflichtet, doch die Umsetzung schritt bis vor etwa zehn Jahren eher schleppend voran. Inzwischen hat sich besonders auf technischer Ebene viel verändert. Ein Großteil der Hochschulen ist inzwischen hindernisfrei ausgestattet.

 

 

„Sehr ärgerlich ist, dass ich oft Umwege zur nächsten Vorlesung nehmen muss. Das kostet Zeit“

Die Probleme liegen im Detail: Viele der Seminar- und Gruppenräume sind schwer zu erreichen, was besonders das freie Arbeiten in Lerngruppen fast unmöglich macht. Viele Gebäude sind zu einer Zeit errichtet worden, als noch kein Architekt an Barrierefreiheit gedacht hat. Der behindertengerechte Umbau ist oft mit Kompromissen verbunden. Auch wenn ein Bauwerk barrierefrei gestaltet ist, lassen sich nur in seltenen Fällen die Türen per Knopfdruck zu öffnen. Solche Situationen, an die Außenstehende oft nicht denken, können ein massives Problem darstellen.

Für Menschen mit Behinderung ein unüberwindbares Hinternis – der Weg über die Aufzüge dauert 8 Minuten länger.

Für Menschen mit Behinderung ein unüberwindbares Hinternis – der Weg über die Aufzüge dauert acht Minuten länger. Foto: Nicolas Fleckenstein

Lippenlesen setzt eine gute Sicht voraus – wozu ein Platz in den vorderen Reihen notwendig ist

Noch dramatischer sind die Hindernisse für Gehörlose und Blinde. Die wenigsten Studienfächer sind bis dato auf diese Art von Handicaps gerüstet. Lineare Vorlesungen in Hörsälen sind für Menschen mit diesen Einschränkungen kaum wahrnehmbar. „In gut besuchten Vorlesungen muss man erstmal einen Platz ergattern. Nicht alle Studenten zeigen da Verständnis“, sagt Leon.

Reservierte Plätze für Gehörlose sind ein Ansatz zu Lösung des Problems

Reservierte Plätze für Gehörlose sind ein Lösungsansatz Foto: Nicolas Fleckenstein

Reservierte Plätze wären hierfür eine Lösung. Alternativ gibt es die Möglichkeit, Induktionsanlagen einzusetzen. Hierbei werden Drahtspulen im Boden verlegt, mit der sich die Sprache des Dozenten an Hörgeräte übertragen lässt. Diese Technik ist seit Jahren ausgereift, konnte sich jedoch aufgrund der Kosten kaum etablieren. Bei Blinden müssen spezielle EDV-Lösungen geschaffen werden, um das Lernen zu erleichtern. Standards für Skripte müssen hier erst geschaffen werden, um eine Audioausgabe oder eine digitale Übersetzung in Blindenschrift zu ermöglichen. Die Entwicklung steht leider noch am Anfang.

 

 

Die Universität Würzburg hat im vergangenen Jahr das Siegel „Bayern barrierefrei“ erhalten. Bayernweit genießt die Hochschule Vorreiterstatus, worauf der Inklusionsbeauftragte Prof. Dr. Reinhard Lelgemann der Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung (KIS) in Würzburg, stolz ist: „Es ist wichtig weiter an der gleichberechtigten Teilhabe zu arbeiten, Benachteiligungen für Betroffene zu reduzieren und soziale Gerechtigkeit zu schaffen.“

Studieren mit körperlichen Einschränkungen ist in den vergangenen Jahren erleichtert und vielen Studierenden mit Handicap erst ermöglicht worden. Dass hierbei noch viel Handlungsbedarf besteht, belegt die Studie des Deutschen Studentenwerks. Während es in den 1970er Jahren kaum Studierende mit Behinderung oder chronischer Krankheit gab, ist inzwischen mehr als jeder Siebte betroffen. Die Tendenz ist steigend.

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