Intelligenter hören – Binaurale Beats

Plötzlich ein besseres Gedächtnis zu haben, ohne viel dafür zu tun. Das ist wohl der Traum aller Menschen. Durch die akustische Täuschung Binaurale Beats ist dies vielleicht möglich.

Es herrscht Stille, während Musiker und Student Tobias Schlecht seine Kopfhörer aufsetzt. Ein kleiner Klick auf das Handy und die Musik startet. Doch er will keine normale Musik hören. Sein Ziel ist es, seine Gehirnkapazitäten zu erweitern und für eine tiefe Entspannung zu sorgen. Diese ist ihm bereits teilweise anzusehen. Er schließt seine Augen, während er ruhig auf einem Sessel sitzt und gleichmäßig atmet.

Möglich ist das durch die Binauralen Beats, die in der Musik eingebunden sind. Florian Fetzer, Mitarbeiter des Anbieters von Binauralen Beats Sonamedic erklärt, dass mit diesen bestimmten Tönen die Gehirnwellen beeinflusst werden und Menschen in verschiedenen Lebensbereichen geholfen werden kann. Dabei werden auf beiden Ohren zwei Töne mit einer leicht unterschiedlichen Frequenz abgespielt. Das Gehirn kann die Töne allerdings nicht explizit auseinander halten, deshalb entsteht im Gehirn ein neuer, eigentlich nicht existierender Ton. Die Frequenz des Tons liegt circa in der Mitte der beiden Anfangstöne.

Bekanntes Phänomen mit vielen Folgen

Verschiedene Frequenzbereiche menschlicher Gehirnwellen. Grafik: Annika Schlumberger

Laut Sonamedic können durch Frequenzunterschiede verschiedene Zustände stimuliert werden. Dabei gibt es fünf Bereiche, die von der Verbesserung der traumlosen Schlafphase bis hin zur Konzentrationsphase reichen. Die Frequenzspektren liegen in einem Feld von 0,1 – 30 Hertz und orientieren sich an elektrischen Gehirnwellen.

Bekannt ist dieses Phänomen schon länger. „Erstmals gefunden wurden die Binauralen Beats im Jahr 1839“, erklärt Fetzer. Die „binaurale Schwebung“ wurde von Heinrich Wilhelm Dove entdeckt und im Jahr 1973 von Gerald Oster weiter erforscht. Er fand heraus, dass die mittlere Frequenz im Gehirn entsteht, da der Effekt auch wahrgenommen wird, wenn eine Trägerfrequenz unterhalb des menschlichen Hörens liegt. Es muss sich bei den Binauralen Beats also um eine akustische Täuschung handeln.

Nach ein paar Minuten nimmt Schlecht die Kopfhörer wieder ab. „Neben der Entspannungsmusik habe ich auch einen leicht pulsierenden Ton gehört“, erläutert er. Dieser Ton war der Binaurale Beat. Ob die akustische Täuschung Einfluss auf sein Langzeitgedächtnis genommen hat, kann er natürlich noch nicht sofort sagen. Auf das Phänomen wurde er durch ein Video im Internet aufmerksam. „Ich fand es interessant, dass durch die Binauralen Beats die Stimmung von Menschen beeinflusst werden kann“, sagt Schlecht.

Umstrittene Vorwürfe

Tobias Schlecht hört Musik. Foto: Annika Schlumberger

Doch es gibt auch Kritik an den Binauralen Beats. Denn um das Gehirn zu beeinflussen, müssen die Frequenzen der Binauralen Beats mit denen der Hirnwellen übereinstimmen. Dies ist allerdings nicht dauerhaft möglich, da sich die Frequenz der Hirnwellen verändert, während die akustische Täuschung eine stetig gleichmäßige Frequenz besitzt.

Außerdem kursieren Gerüchte über eine negative Auswirkung von Binauralen Beats auf den Menschen. Im Jahr 1996 gab es eine Reihe von Selbstmordvorfällen bei Kindern in Japan, die ein neu herausgekommenes Pokémon-Spiel besaßen. Grund dafür soll die Musik des Spiels gewesen sein. Sie beinhaltete Binaurale Beats in einem extrem hohen Frequenzbereich, der aufgrund des besseren Hörvermögens nur von Kindern und Jugendlichen gehört werden konnte. Die Folge waren circa 200 Selbstmorde und Kinder mit Krankheitsanfällen. Obwohl die Musik als Auslöser nie wissenschaftlich belegt wurde, wurde die originale Version des Liedes verboten.

Die Forschungen gehen weiter

Skizze des Binauralen Beats, Grafik: Annika Schlumberger

Trotzdem wurde weiter an den Binauralen Beats geforscht und ein positiver Effekt festgestellt. Eine Studie von 2016 ergab, dass Binaurale Beats eine Auswirkung auf das visuelle Arbeitsgedächtnis haben. Dabei wurden 28 Patienten sechs verschiedene Audios abgespielt, während sie einen visuellen Gedächtnistest bewältigen mussten. Die Hälfte der Töne bestand aus Binauralen Beats mit unterschiedlichen Frequenzbereichen, die anderen Audios bestanden aus normaler Musik. Das Ergebnis zeigte, dass alle Probanden ein besseres Ergebnis im Gedächtnistest erreichen konnten, wenn sie Binaurale Beats mit einer Frequenz von 15 Hertz hörten. Auch drei andere Studien aus vorherigen Jahren kamen zu einem ähnlichen Fazit. „Zu einigen Fragen können allerdings noch keine definitiven Aussagen getroffen werden“, erklärt Fetzer.

„Während des Lernens möchte ich die Binauralen Beats allerdings nicht nutzen“, erklärt Schlecht. Ihm sind die Wellen zu monoton, deshalb nutzt er zum Lernen nur normale Lieder. Allerdings bleibt er offen für Weiterentwicklungen an Binauralen Beats, denn bekanntermaßen steckt die Forschung über diese akustische Täuschung noch in den Kinderschuhen.

 

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