Ist das Kunst oder kann das weg?

„Das soll Kunst sein?“, fragen sich die Besucher. Das Kunstpalais in Erlangen steht bei jeder Ausstellung erneut vor der Herausforderung, die zeitgenössische Kunst zu vermitteln. Jedoch lässt Kritik nie lange auf sich warten.

Carsten Höller, „Pill Clock“, 2015, Gelatinekapseln, Placebo, mechanischer Fallmechanismus, Steuereinheit, Holzkiste, Wasserspender, Maße variabel, Installationsansicht „Altered States. Substanzen in der zeitgenössischen Kunst“, Kunstpalais, Erlangen, Courtesy the artist and Air de Paris, Paris, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018; Foto: Sabrina Huf.

Tausende weiße Kapseln häufen sich auf dem Boden zu einem kleinen Pillenberg. Alle paar Sekunden fällt eine neue Kapsel von der Decke. Der Künstler Carsten Höller fordert die Besucher auf, eine Pille zu schlucken. Das Bittere daran? Niemand außer dem Künstler weiß, was in den Kapseln ist. Sollte doch kein Problem sein. Die Menschen nehmen doch ständig irgendwelche vom Arzt verschriebenen Medikamente, ohne zu wissen was da drin ist oder wie sie im Körper wirken. Trotzdem regen sich Zweifel. Gerade weil die Ausstellung „Altered States“ im Erlanger Kunstpalais Drogen, Medikamente und andere Substanzen in der zeitgenössischen Kunst anspricht.

Der Student Lukas Dürr sieht die Aufforderung des Künstlers gelassen. Mit einem Schulterzucken nimmt er sich einen Plastikbecher vom Wasserspender im Durchgangsbereich und schluckt ohne zu zögern eine Kapsel. „Wenn da was Gefährliches drin wäre, würde das Kunstpalais rechtliche Probleme bekommen!“ Die Pill Clock ist nur eines der Ausstellungsstücke, bei dem sich die Besucher aktiv beteiligen sollen.

 

Mitmachen statt nur Beobachten

Lukas Dürr betrachtet die 514 Polaroids, die im Internet erhältliche illegale Drogen darstellen. ** Kunstpalais, Erlangen; Foto: Sabrina Huf

Das Kunstpalais setzt nicht nur in den Ausstellungen auf Interaktion: Praktische Workshops, Kunstgespräche und Führungen von Bürgern für Bürger sind Beispiele für das Angebot für Kunstinteressierte. „Unser Anspruch ist es, Hemmschwellen abzubauen. Man braucht vor Kunst keine Angst zu haben, nur weil sie etwas fremder wirkt“, erklärt die Kuratorin des Kunstpalais Milena Mercer. „Kein Mensch hat Angst auf einem Konzert zu sagen ‚die Musik gefällt mir nicht‘. Warum nicht bei Kunst?“ Als Teil der Stadtverwaltung und des Kulturamts versteht sich das Kunstpalais als Dienstleister für die Öffentlichkeit. „Wir versuchen jeden da abzuholen, wo er ist. Das funktioniert mit ganz individuellen Vermittlungsangeboten.“ So können schon Kleinkinder am Workshop „Kleine Meister“ teilnehmen. Dabei schauen sich die kleinen Teilnehmer gemeinsam ausgewählte Werke aus der städtischen Sammlung Erlangens an. Danach können sie selbst Hand anlegen und basteln, malen oder modellieren – jeder Workshop ist anders.

Was ist Kunst?

Mary Maggic Tsang, „1-800-ESTROGEN“, 2017, Digitale Collage, Maße variabel, Copyright und courtesy the artist; Foto: Sabrina Huf

Dass Kunst nicht jedem gefällt oder überhaupt als Kunst verstanden wird, ist nichts Neues. Auch Lukas Dürr kann sich den Satz nicht verkneifen: „Ist das Kunst, oder kann das weg?“, fragt er grinsend. Die Rede ist von einem Werk von Mary Maggic, bei dem mit Silikonschläuchen verbundene Urinauffangbehälter wie ein Kronleuchter in der Luft hängen. Im Hintergrund läuft ein Werbevideo für Hormone, die aus dem Urin der schwangeren Künstlerin destilliert wurden. Ist das Kunst? Für Kunstkuratorin Mercer ist die Frage leicht beantwortet. „Etwas ist Kunst, weil es in einem bestimmten Kontext zirkuliert. Wenn ein Künstler etwas macht, ein Galerist es ausstellt, eine Institution es kauft, dann ist das Kunst.“ Also eine Art Aushandlungsprozess, in dem die Gesellschaft entscheidet, was Kunst ist und was nicht. „Was Leute so oft frustriert ist, dass sie den Begriff Kunst als Qualitätssiegel verstehen. Was Kunst ist, ist auch automatisch gut und umgekehrt“, erklärt Mercer. Aber ob jemand Kunst gut oder schlecht findet, bleibt dem Betrachter selbst überlassen. Wo klassische Kunst oft durch ihre Ästhetik überzeugt, steht die zeitgenössische Kunst vor einer schwierigeren Aufgabe. Sie nimmt aktuelle Themen in ihren Werken auf und verarbeitet diese oder stellt komplett neue Fragen. Die Kunst soll zum Nachdenken anregen, verbreitete Meinungen kritisch hinterfragen und so zum Diskurs beitragen.

** v.l.n.r.: Daniel García Andújar, „El Capital. The Commodity. The Drug“, 2015, 514 farbige Digitaldrucke, je 13 x 18 cm, Copyright und Courtesy the artist; Marten Schech, „Godzilla Crack“, 2018, Baustoffe, Gitter, Teer, Maße variabel, Courtesy the artist, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Installationsansicht „Altered States. Substanzen in der zeitgenössischen Kunst“

 

Website des Kunstpalais.

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