Eislaufen fürs Klima: Die Erlanger FfF Ortsgruppe demonstriert, als Pinguine und Eisbären verkleidet, auf der Eisfläche des Weihnachtsmarktes am Schlossplatz. (Foto: Ronja Dörr)

Klimaaktivist bei Fridays for Future Erlangen

Henning Zimmermann ist Klimaaktivist bei Fridays for Future Erlangen. Der Student engagiert sich seit einem Jahr in der ansässigen Ortsgruppe, die viel mehr kann als Greta Thunbergs Anhängerin zu sein.

„Wenn es endlich losgeht, ist das Gänsehaut pur!“ Am 29. September 2018 platzt der Erlanger Schlossplatz aus allen Nähten. Henning ist mittendrin. Bei der Großdemo zum globalen Klimastreik sind in Erlangen über 6000 Menschen auf die Straße gegangen. Er sei so nervös wie noch nie gewesen, erinnert sich der Klimaaktivist. Die Organisation einer Demonstration dieser Größenordnung ist kein Spaziergang. „Nach der Demo hat man keine Stimme mehr, hat den ganzen Tag nichts gegessen und ist ausgelaugt, aber auch voller Adrenalin und Endorphinen. Die Energie, die in der Menge herrscht und zu einem zurückkommt, ist absolut großartig.“

Das Eis schmilzt! Deutliches Statement gegen den Klimawandel von Henning Zimmermann. (Foto: Ronja Dörr)

Das Eis schmilzt! Deutliches Statement gegen den Klimawandel von Henning Zimmermann. Foto: Ronja Dörr

Die prognostizierten Auswirkungen des Klimawandels werden Henning Zimmermann irgendwann direkt betreffen. Der 21-Jährige steckt all seine Energie in politischen und sozialen Aktivismus. „Ich werde immer etwas finden, was meine Zeit komplett vereinnahmt“, sagt er. Das lässt sich wörtlich nehmen: Er demonstrierte tatkräftig gegen die Einführung des Polizeiaufgabengesetzes, ist Mitglied in der Studierendenvertretung und freiwilliger Feuerwehrmann. Auf Einladung von Fridays for Future Erlangen hielt Henning vor einem Jahr als Studierendenvertreter eine Rede auf einer Demonstration. Jetzt sitzt er im inneren Organisationsteam der Ortsgruppe und hat eine 60-Stunden-Woche. Etwa 20 gehen für Fridays for Future drauf.

Jetzt geh mal ins Bett, Henning!

Es kostet Geld, Zeit, Kraft und Nerven Klimaaktivist zu sein. „Regelmäßiges Essen leidet ein wenig. Aber wir versuchen gegenseitig auf uns Acht zu geben.“ Der wirhabenunsallelieb-AK aus der Ortsgruppe schickt regelmäßig Aktivist*innen via WhatAapp-Nachrichten ins Bett. Einige Mitglieder können nicht anders: Aus ihrer Überzeugung heraus arbeiten sie sich jenseits ihrer Kräfte für Fridays for Future auf.

Im Sommer musste auch Henning kurz die Reißleine ziehen und sich selbst mal für ein paar Tage dem Trubel entziehen. Kurzerhand setzte er sich in den Nachtzug nach Istanbul. „Man muss verinnerlichen, dass es theoretisch auch ohne einen gehen muss. Wenn man sich auch mal zurücknimmt, bleibt man den Leuten länger erhalten“, hat Henning gelernt. „Ich bin mit dem absoluten Maximum meiner Fähigkeiten dabei und wenn das nicht reicht, kann ich nichts mehr ändern, aber dann bin ich auch nicht schuld.“

Henning, der Hutmensch

Der Politikwissenschaftsstudent hat mittlerweile einen „Hut“ auf bei Fridays for Future Erlangen. Die interne Organisation gliedert sich in Arbeitsgruppen. Es gibt keine hierarchischen Strukturen. Henning ist ein sogenannter Hutmensch und in der Politik AG unter anderem für das Schreiben von Positionspapieren zuständig. Auf seinem Blog Erfahrungen eines Klimaaktivisten teilt er seine Erlebnisse rund um Fridays for Future Erlangen.

Davon gibt es eine Menge: Erlangens Ortsgruppe erregt nicht nur freitags Aufmerksamkeit. Zu Demonstrationen, Klimacamps oder Mahnwachen gesellen sich viele kleine kreative Aktionen. „Die dürfen auch mal einfach nur Spaß machen“, sagt der Student. Wenn Cellisten in Erlangens Fußgängerzone traurige Weltuntergangsmelodien aufspielen und dazu Klimaaktivist*innen um das Weltklima weinen, dann ist das den Ideen von Hennings Ortsgruppe entsprungen.

Spaß beim Klimaaktivismus: Die Fridays for Future Ortsgruppe Erlangen demonstriert als Pinguine und Eisbären verkleidet.

Spaß beim Klimaaktivismus: Mitglieder der Fridays for Future Ortsgruppe Erlangen demonstrieren als Pinguine und Eisbären verkleidet. Foto: Ronja Dörr

Als eine Horde Pinguine und Eisbären in der Weihnachtszeit die Eisfläche am Schlossplatz in Erlangen stürmt, rechnen alle damit, dass sie alsbald von der Security hinausgeleitet werden. Das passiert allerdings nicht. Erlangen lässt die Verkleideten friedlich neben den Schlittschuhfahrenden demonstrieren. „Aktionen wie die auf der Eisfläche sind immer lustig und wir bleiben im Gedächtnis, auch wenn es nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen wird“, freut sich Henning mit einer selbstgebastelten Pinguinmaske auf dem Kopf. Diese Vielfalt sei wichtig, um zu zeigen: „Wir können nicht nur Demos!“ 

Lohnt sich der Aufwand?

Demonstrationen organisieren, Protest-Aktionen planen und dabei das Ordnungsamt und die Polizei bei Laune halten, mit Regierungsvertretern diskutieren und Positionspapiere schreiben. Bringt das Alles was? „Viele unserer Aktivist*innen sind deprimiert und haben Angst vor der Zukunft. Ich kenne diese Angst. Aber was mich hoffnungsvoll stimmt, ist, dass sich viel mehr bewegt als ich dachte. So optimistisch ich als Mensch bin, so pessimistisch bin ich politisch. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass Fridays for Future so lange überlebt.“ Der bislang größte Erfolg der Klimabewegung ist seiner Meinung nach, dass das Thema Klimawandel wieder auf der gesellschaftlichen Agenda steht.

Hennings ökologischer Fußabdruck liegt knapp unter dem Durchschnitt. Er sagt, wir müssen keine Heiligen sein, um etwas verändern zu wollen. „Ich reduziere so viel wie ich kann, der Rest ist Politik. Unter einen gewissen Tonnenwert kommt man einfach nicht, wenn man noch ein normales Leben führen will.“ Aber sind politischer Aktivismus und ein knapp unterdurchschnittlicher CO2-Fußabdruck nicht wirtschaftlicher als kein Aktivismus und ein paar Tonnen weniger? „Dass Autofahren in Deutschland das Hauptfortbewegungsmittel ist, ändere ich nicht dadurch, dass ich selber Bus fahre. Das sind politische Entscheidungen und die müssen getroffen werden.“

 

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