Kulturelle Unterschiede

„Es ist so still hier, dass ich am zweiten Tag den Fernseher in unserer Unterkunft ganz laut drehen musste, um endlich wieder einen Geräuschpegel zu haben, wie ich ihn aus meiner Heimat kenne!“. Anridha Haritsa kommt aus einer indischen Großstadt und ist zum zweiten Mal zu Besuch in Deutschland.

Er begleitet seine Mutter, eine Professorin und Dozentin an der privaten Hochschule in Manipal, Dr. Shubha. Die Unterschiede zwischen Indien und Deutschland sind enorm. „Alles ist so organisiert hier. Wenn Der Bus um 09:32 Uhr kommen soll, dann kommt er auch um diese Uhrzeit,“ sagt Anridha. Wenn der 21-Jährige über die Unterschiede zwischen den beiden Ländern spricht, ist ihm die Faszination ins Gesicht geschrieben. Vor einigen Tagen besuchte er die Erlanger Bergkirchweih. „Endlich war mal was los! Es sind so viele Menschen, die sich dort treffen. Doch wirklich beinahe jeder Besucher hielt ein Bier in der Hand.“ Der Alkoholkonsum bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sei in Indien weitaus geringer. Anridha trinkt gar keinen Alkohol, auch aus religiöser Überzeugung. In Deutschland und gerade in Bayern wird Bier häufig als Grundnahrungsmittel bezeichnet. Die Rolle von Alkohol in Indien ist im Vergleich sehr gering.

Anridha Haritsa. Foto: Vanessa Neuß

Der westliche Einfluss ist mittlerweile auch in Indien spürbar. Seit drei Jahren gibt es nun auch eine Fußball-Liga, davor war Cricket unumstritten die Sportart Nummer eins in Indien. Westliche Musik, Hollywoodfilme und Videospiele sind auch bei indischen Jugendlichen angesagt. Doch für Anridha ist es wichtig seine indischen Wurzeln nicht zu vernachlässigen. „Ich esse aus Überzeugung und Glaube kein Fleisch. Meine indischen Wurzeln sind mir sehr wichtig, daran ändert auch der westliche Einfluss nichts.“

Noch immer gibt es in Indien das Kastensystem. Die 1,3 Milliarden Menschen sind in vier Kasten eingeteilt, die einen unterschiedlichen Stand in der Gesellschaft haben. Es ist nicht allen möglich, die gleiche Bildung zu erfahren oder die Berufe zu erlernen, die sie gerne ausüben würden. Anridha beschreibt: „Früher war es natürlich noch strenger. In meinem Freundeskreis sind alle Kasten vertreten. Es ist mir egal woher jemand kommt. Dennoch ist es immer noch deutlich, dass junge Menschen aus der niedrigsten Kaste nicht die gleichen Chancen haben, wie andere.“ Als Sohn der Professorin Dr. Shubha gehört Anridha der höchsten Kaste an, der Brahmins. In dieser Kaste stehen ihm alle Türen offen.

So hatte der 21-Jährige die Möglichkeit, an einer privaten Hochschule Bauingenieurwesen zu studieren und es erfolgreich abzuschließen. Die vier Jahre Studium bestehen aus theoretischen und praktischen Modulen. Sein Bachelor-Abschluss ermöglicht es ihm, sich auch international zu bewerben. „Im Bereich Bauingenieurwesen einen Job zu finden ist momentan gar nicht so leicht. Die meisten Unternehmen wollen Ingenieure mit Erfahrung. Die IT-Branche hingegen sucht händeringend nach Absolventen“, erklärt Anridha. Er überlegt, ob er, bevor er den ersten Job in Indien antritt, einen zweijährigen Auslandsaufenthalt plant, da das sehr gut für seinen Lebenslauf wäre. „Es ist auf jeden Fall leichter einen Job zu finden, wenn man Auslandserfahrung angeben kann“, bestätigt der junge Absolvent. „Außerdem werde ich in den nächsten Jahren noch meinen Master draufsetzen, um noch bessere Referenzen vorweisen zu können.“

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