Laufen statt Rollen – Querschnittsgelähmte können dank der Technik wieder laufen

Das Exoskelett ermöglicht Querschnittsgelähmten wieder aufrecht stehen und laufen zu können. Im Therapiezentrum Cadolzburg trainieren Patienten mit dem Außenskelett. Auch die Technische Hochschule Nürnberg steigt mit einer Erfindung in den medizinischen Bereich ein. In seinem Rollstuhl schnallt sich Andre van…

Das Exoskelett ermöglicht Querschnittsgelähmten wieder aufrecht stehen und laufen zu können. Im Therapiezentrum Cadolzburg trainieren Patienten mit dem Außenskelett. Auch die Technische Hochschule Nürnberg steigt mit einer Erfindung in den medizinischen Bereich ein.

In seinem Rollstuhl schnallt sich Andre van Rüschen ein Gerät um. Der Querschnittsgelähmte legt an seinen Arm eine uhrenähnliche Apparatur an, nimmt einen Rucksack auf den Rücken und stellt sich mit Krücken aufrecht hin. Er ist mit seinem Therapeuten auf Augenhöhe. Ein Wunder, denn nach einem Autounfall vor zehn Jahren sagten ihm die Ärzte, er sei für immer an einen Rollstuhl gefesselt und könne nie wieder laufen. Eine Erfindung, die wie ein Außenskelett aussieht, ermöglicht ihm jetzt jedoch genau das. Die neue Technik für Gehbehinderte nennt sich Exoskelett. Eine große Entwicklung in der Medizin, die sich noch längst nicht am Ende befindet.

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Exoskelette geben körperlich eingeschränkten Personen eine Perspektive auf eine barrierefreie Zukunft. Picture: by courtesy of wikimedia Author: John Cummings

Ursprünglich wurde das Skelett für das Militär gebaut. Die Soldaten sollten es bei Einsätzen tragen, um leistungsfähiger und stärker zu sein. Da man sich mit dem  Modell aber bisher nur mit 2,4 km/h fortbewegen kann, wurde es nicht weiter genutzt, sondern für Reha-Zwecke zur Verfügung gestellt. Mit großem Erfolg, den man auch in Cadolzburg spürt. Jörg Jurkat, Leiter des Therapiezentrums Cadolzburg, berichtet: „Wir haben viele Patienten, die sofort bereit waren das Exoskelett zu testen, als die Firma ReWalk ein Gerät für Übungszwecke an uns übergab.“ Die Patienten waren überwältigt und merken seitdem sowohl psychische, als auch körperliche Verbesserungen. „Ich dachte ich könne in meinem Leben nie wieder selber laufen, Treppen steigen, mich auf Augenhöhe an einem Stehtisch gemütlich unterhalten oder auf Kreislaufprobleme verzichten. Doch seit einigen Monaten geht das tatsächlich. Das Exoskelett eröffnete mir neue Welten und mein gesundheitlicher Zustand verbesserte sich bereits nach zwei Tagen. Verdauungsprobleme und Blasenentzündungen von dem vielen Sitzen im Rollstuhl waren wie weggezaubert.“, so Andre van Rüschen bei einer Therapiestunde.

 

Veränderungen für die Zukunft

In zehn Jahren wird das Exoskelett geschrumpft sein. Klobige Teile, die jetzt noch außen an der Jeans befestigt werden müssen, sollen eines Tages unter die Hose verschwinden. Der Rucksack, in dem sich die Batterien für die Stromversorgung befinden, soll verkleinert, die Balance eines Tages ohne Krücken gehalten werden.

Nicht nur Beine erwachen in Cadolzburg zu neuem Leben, auch Hände. Mit Handprothesen können Menschen mit gelähmten Händen zum Beispiel wieder selber einen Schlüssel in die Hand nehmen und so ohne fremde Hilfe eine Tür aufsschließen. Die Prothesen stellt das Therapiezentrum selber her und trainiert das Greifen mit den Patienten. Jörg Jurkat möchte in naher Zukunft ein Geschäft eröffnen und die Gerätschaften verkaufen. Die Patienten freuen sich auf Hilfe, auch wenn sie teuer ist. Derzeit kostet eine Exoskelett der Firma ReWalk 50.000 Euro. Die Zukunft hält aufregende Entwicklungen bereit und wird nicht still stehen, solang nicht jeder Querschnittsgelähmte wieder auf eigenen Beinen steht. Ein Patient im Therapiezentrum hierzu: „Ich warte lieber noch bis das Exoskelett schneller laufen kann und weiter ausgereift ist. Was will ich mit so einem langsamen Gerät, wenn ich mit meinem Rollstuhl viel schneller bin, als ihr alle zusammen!“

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Der Ohm-Krabbler orientiert sich an der Anatomie einer Spinne. Picture: by courtesy of wikimedia Author: Ltshears – Trisha M Shears

 

Auch die Technische Hochschule Georg Simon Ohm in Nürnberg forscht

Das 3D-Visualisierungszentrum der Technischen Hochschule beobachtete Tiere und brachte Biologie und Technik zusammen – daher der Begriff Bionik. Sie waren erstaunt von dem Außenskelett einer Spinne, die Blut in ihre Gelenke pumpt, um diese zu strecken oder zu beugen. Das Team des Zentrums baute die Arme der Spinne nach. Anstatt Blut versetzt hier Wasser oder Luft die Beine einer Roboters in Bewegung. Sie tauften ihre Erfindung Ohm-Krabbler und konnten erste Erfolge erzielen. „Die Arme finden in der Industrie bereits Einsatz und unterstützen die Arbeitsprozesse. Nun soll der Ohm-Krabbler so umgebaut werden, dass er auch in der Medizin nützlich ist“, sagt Stefan Landkammer, der sich das Patent auf die Erfindung sicherte. Das Außenskelett wird an gelähmten Gliedmaßen, wie Armen oder Beinen, befestigt. Die Streck- und Beugefunktion soll Gelähmten helfen, sich im Alltag besser zurecht zu finden. Immer wieder inspirieren die Wunder der Natur neue Entwicklungen in der Technik. Zu sehen ist der Ohm-Krabbler derzeit im Bionicum des Tiergarten Nürnberg, das im Juli 2014 eröffnet wurde.

 

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