Bilder halten glücklicher weise keine Gerüche Fest Foto: Lena KIefhaber

Lautes Örtchen – flutsch und weg

Vanessa drückt die Tür zur Seite. Der penetrante Geruch von Urin und Chemikalien schlägt ihr entgegen. Das Rattern und Ruckeln des Zuges zwingen sie zum Festhalten – aber halt! Nicht in der Toilette eines Zuges. Berührungen, nur so wenig wie irgendwie möglich. Mit allem.

In den Anfängen der Eisenbahn-Geschichte hätte Vanessa Pech gehabt. Bis 1860 gab es in den Zügen keine Toiletten oder gar die Möglichkeit, seine Notdurft zu verrichten. So musste der Koloss auf längeren Fahrten in regelmäßigen Abständen halten, damit sich dessen Fahrgäste erleichtern konnten. Später wurden in den Gepäckwägen ,,Aborte“ eingerichtet. Doch auch jetzt mussten die Passagiere bis zum Stillstand des Zuges warten. Sie konnten die Aborte nur erreichen, indem sie den Zug verließen. Wagenübergänge gab es nicht. Jedoch musste der auf dem Thron Verweilende warten, bis der Zug sich wieder in Bewegung setzte, denn zu dieser Zeit gab es noch keine geschlossenen Systeme für Toiletten. So wurde Anfallendes zu Herunterfallendem und plumpste auf die Gleise. Deshalb war eine Nutzung bei Stillstand des Zuges strengstens untersagt. Was wie eine mittelalterliche Horrorgeschichte klingt, ist jedoch viel präsenter als jeder glauben will. Noch immer rollen Züge mit der sogenannten Fallrohrtoilette über Deutschlands Schienennetz.

,,Früher wurde die Spülung mit einem Fußpedal betätigt, heute geschieht dies über Sensoren“, erklärt Benjamin Stiegelmaier vom DB Museum. Eben diese Sensoren betätigt Vanessa in der S-Bahn. Mit Hilfe von Unterdruck wird das sogenannte Schwarzwasser aus der Aluminiumschüssel herausgesaugt. Die relativ moderne S-Bahn verfügt über ein einfach geschlossenes Toilettensystem. In diesem Fall landet nichts auf den Gleisen, sondern in einem Tank.

Früher Porzellan, heute Alu

WC des Hofzuges des Bayernkönigs Ludwig II. Im DB Museum Foto: Lena Kiefhaber

Anders war es bei Ludwig II. Sein prunkvoller, cremefarbener Wagen verfügte trotz Dampfheizung und gepolsterter Klobrille nur über eine Fallrohrtoilette. Die königlichen Hinterlassenschaften gelangten mit einem Schwung Wasser auf die Gleise. Die Wasserspülung war für damalige Verhältnisse eine technische Neuerung und ziemlich ausgeklügelt. So befand sich der zugehörige Wassertank auf dem Dach in direkter Nähe der Heizung, damit das Wasser im Winter nicht einfror. Ebenso war die gesamte Konstruktion aus Messing und Porzellan, um das ganze so hygienisch und korrosionsfrei wie möglich zu gestalten.

Der König verfügte über fleißige Geister, die hinter ihm herwischten. Die Zugtoiletten heute sind Selbstbedienungs- aber keine Selbstreinigungsanlagen. Vanessa verlässt die Toilette mit einem gezwungenem Lächeln auf den Lippen. Der nächste Fahrgast betritt mit gequältem Blick das verhasste, doch dringend nötige WC.

Informationen zum Museum

DB Museum
Deutsche Bahn Stiftung GmbH
Lessingstraße 6
90443 Nürnberg

Öffnungszeiten: Di – Fr 09:00 – 17:00 Uhr, Sa und So 10:00 – 18:00 Uhr

http://www.dbmuseum.de/museum_de/home/

1 Comments

  1. Bernd Pf

    Wenn solche alte und nicht wenigstens WC-modernisierte Personenwagen mit „Fallrohrtoilette“ heute noch immer in Verwendung sind, sollte das schnellstens – aus hygienischen Gründen, was aus heutiger Sicht deutlicher und bekannter ist denn je. Denn in menschlichen Fäkalien ist alles nur Mögliche drin, d.h. potentiell auch infektiöses u.U., Krankheitserreger also und ohnehin jedesmal der komplette Auszug an vorhandener Bakterienflora und -Fauna des menschlichen Darmes – abgestellt werden. Die Verbreitung ist nämlich „garantiert“ : v.a. Aasfliegen, Mücken und andere Insekten verbreiten dieses Zeug nach überallhin im nicht mal so kleinen Umkreis.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.