Live fast, die old

Altern heißt nicht nur hier ein paar Falten mehr und dort ein paar Haare weniger. Altern heißt oft auch soziale Isolation und Verlust von einst Selbstverständlichem wie der Kontrolle über den eigenen Körper. Alte Menschen erscheinen so als hilf- und…

Altern heißt nicht nur hier ein paar Falten mehr und dort ein paar Haare weniger. Altern heißt oft auch soziale Isolation und Verlust von einst Selbstverständlichem wie der Kontrolle über den eigenen Körper. Alte Menschen erscheinen so als hilf- und harmlos. Die zwei Kurzfilme „Nachtschicht“ und „Lure“, die während der diesjährigen Ohmrolle im Herbst gezeigt wurden, spielen mit diesem Bild alter Menschen und verkehren es ins Negative.

„Nachtschicht“ portraitiert einen Mann in den Sechzigern, der eine Tankstelle überfällt, um mit der Beute einen alten Motorroller zu kaufen. Mit diesem setzt er sich nach Sizilien in ein besseres Leben ab. Die in „Lure“ gezeigte Lady lockt Kinder in ihre Wohnung, um sie an ihren Hund zu verfüttern, und zeigt so die Abgründe auf, die hinter der vordergründig sanften Fassade stecken.

Der Mann in „Nachtschicht“ erscheint zunächst als Verkäufer einer Tankstelle auf Nachtschicht. Als ein Stammkunde fragt, wo der eigentliche Verkäufer sei, klärt sich die Situation für den Zuschauer auf: Der falsche Verkäufer überwältigt den Stammkunden und schleift ihn zu dem gefesselten Verkäufer ins Hinterzimmer. Der Mann ist dabei, eine Liste an Dingen abzuarbeiten, die er während seines Lebens gemacht haben will. Eine Tankstelle zu überfallen, ist der dritte Punkt von unten. Sein Problem ist nur, dass er mit dem Bedienfeld der Kasse nicht zurechtkommt und er so nicht an seine Beute kommt. Ein Polizist öffnet die Kasse für ihn und er kann mit der Beute seine letzten Punkte abhaken: einen Motorroller kaufen und nach Sizilien fahren.

Die Dame im Animationsfilm „Lure“ sitzt im Rollstuhl und lässt in der Eröffnungsszene ihren Hund in einem Eimer in den Hinterhof. Ein Junge betritt den Hinterhof, um zu spielen. Er wird von der Dame gebeten, ihr den Hund zurückzubringen. In der Wohnung setzt sich der Junge an den Küchentisch, isst Kekse und trinkt Milch. Dann folgt eine Einstellung auf das Bild eines vermissten Kindes auf der Milchpackung und das nächste Bild zeigt die alte Frau, die sich mit einem Messer in der Hand dem Jungen nähert. Schwarzblende.

Mit der Wahl der Protagonistin und dem Jungen als ihrem Opfer wollten die Macherinnen von „Lure“ darstellen, dass der erste Eindruck von Menschen trügt. Auch in „Nachtschicht“ wird dieses Thema filmerisch bearbeitet, indem der Räuber zuerst als Verkäufer auftritt. Das Publikum wird so dazu gebracht, dem Klischee des passiven Rentners aufzusitzen, was dann im Laufe des Films dekonstruiert wird. Im begrenzten zeitlichen Rahmen der Kurzfilme wird das Handeln der Protagonisten als stringent dargestellt. „Der Tankstellenräuber ist ein Draufgänger, der den Nervenkitzel sucht. Er hat schon Schießtrainings und Fallschirmsprünge auf seiner Liste abgehakt“, so einer der Macher von „Nachtschicht“. Hier wird klar, dass die Schublade des alten, passiven Menschen nicht auf die Protagonisten passt.

„Lure“ ist nicht wie der klassische Trickfilm am Computer animiert, sondern in der Stop-Motion-Technik produziert. Das heißt, dass alle Figuren, Kulissen und Requisiten von Hand hergestellt werden. Die fertigen Modelle werden dann stückweise bewegt und jedes Bild einzeln aufgenommen, für eine Sekunde Film 24 Einzelbilder. Wegen des großen Arbeitsaufwandes hat der als Bachelorarbeit produzierte Kurzfilm zwei Jahre in Anspruch genommen.

Die Macherinnen von "Lure"

Die Macherinnen von „Lure“

„Stop Motion ist faszinierend für uns, weil wir die toten Figuren zum Leben erwecken können und man große kreative Freiheit besitzt. Man kann alles genau so machen, wie man es sich vorstellt“, begründen die Autorinnen die Wahl dieses aufwändigen Produktionsverfahrens. „Außerdem muss man nicht mit Schauspielern sprechen“, fügen sie noch scherzhaft an.

Das Alter scheint viele der Filmemacher der diesjährigen Ohmrolle beeinflusst zu haben. Neben den hier vorgestellten Kurzfilmen hatten noch drei weitere Filme, „iGranny“, „Nothing Else“ und „11 Years“ die Lebensrealität alter Menschen zum Thema.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.