Phil Gossner konzentriert bei der Arbeit. Um weiterhin den Überblick zu haben, wischt er mit dem Tuch überschüssige Farbe vom Arm.

Massenstecherei

Ein Hauch von „Sex, Drugs and Rock ´n´ Roll“ liegt in der Luft. Harte Männer mit strenger Miene präsentieren stolz ihre Lederkutten. In der Mitte der Halle prangert ein riesiges Plakat eines Nürnberger Bordells. Um allerdings sofort nackte Haut zu sehen, muss man nur eine der heißen Shows auf der Bühne verfolgen, bei denen sich halbnackte Frauen an einer Pole Dance Stange räkeln. Wer jedoch glaubt, dass die 2. Tattoo Expo Nürnberg ein Nischendasein genießt, liegt falsch.

Tattoo – Die Kunst mit der Nadel

Ein Hauch von „Sex, Drugs and Rock ’n‘ Roll“ liegt in der Luft. Harte Männer mit strenger Miene präsentieren stolz ihre Lederkutten. In der Mitte der Halle prangt ein riesiges Plakat eines Nürnberger Bordells. Um sofort nackte Haut zu sehen, muss der Besucher nur eine der heißen Shows auf der Bühne verfolgen, bei denen sich halbnackte Frauen an einer Pole Dance Stange räkeln. Wer jedoch glaubt, dass die 2. Tattoo-Expo Nürnberg ein Nischen-Dasein genießt, liegt falsch. Die Besucher sind so unterschiedlich wie die einzelnen Motive auf deren Haut – vom schrillen Vogel bis hin zum Akademiker.

„Die Grundidee eines Tattoos stammt meistens vom Kunden, die der Tätowierer graphisch umsetzt“, erklärt der Tätowierer Phil Gossner. Bevor die Farbe unter die Haut kommt, müssen hygienische Vorkehrungen getroffen werden, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Neben dem Abkleben aller Gegenstände, die verschmutzt und mit Blut in Berührung kommen könnten, stellt der Tätowierer Pflege- und Reinigungsmittel sowie die Farben bereit. Ebenso bestückt er die Tattoo-Maschinen mit Einwegnadeln. Vor dem eigentlichen Stechen rasiert und desinfiziert der Tattoo-Künstler die zu tätowierende Körperstelle.

Bizarre Szenen auf der Bühne. „Lord Insanity" öffnet die Konservendose mit einem wuchtigen Schlag auf seinen Zeigefinger.

Bizarre Szenen auf der Bühne. „Lord Insanity“ öffnet die Konservendose mit einem wuchtigen Schlag auf seinen Zeigefinger.

Immer wieder bleiben Besucher stehen und gucken zu – nur an der Mimik lässt sich erahnen, ob ihnen die Tätowierung gefällt. Einzelne Gespräche der Teilnehmer verschwinden hinter der Geräuschkulisse, die eine Mischung aus Rockmusik, Kneipengetuschel und dem beständigen Summen der Tätowiermaschine ist. Ein kleiner Junge sieht wortlos zu, wie die Farbe in die Haut dringt, schnappt sich einen Bonbon aus der Schüssel am Stand und läuft aufgeregt zur Bühne. Mit lautstarkem Bass kündigt der Moderator den Künstler „Lord Insanity“ mit seiner Freakshow an. Gebannt folgen die Zuschauer der skurrilen Darbietung des Künstlers. Spätestens als sich dieser aber seine Autogrammkarten auf den Körper tackert, schüttelt ein Großteil entsetzt den Kopf.

„Habe mich auf den Graphic-Style spezialisiert“

Phil Gossner verwendet für Konturen und kleine Schraffierungen eine LinerSpulenmaschine. Die Geschwindigkeit und die Tiefe der Nadeleinstiche kann er beliebig einstellen – je nach Körperstelle und Hautbeschaffenheit. In der Regel dringt die Nadel 100 Mal die Sekunde in die Lederhaut ein. Denn nur dort bleibt die Farbe dauerhaft in der Haut. In der Maschine ist ein Achter-Hollow-Liner eingespannt, bestehend aus acht kleinen Nadeln, der je nach Winkelstellung die Linienstärke variiert. Dadurch erhält der Tätowierer die gewünschten weichen Ränder, die seinen „Look im Graphic-Style“ widerspiegeln. Für Schattierarbeiten spannt er eine Elfer-Flachnadel – eine sogenannte Soft Edge Magnum – in eine Shader-Maschine ein. Die nebeneinander angeordneten Nadeln sind unterschiedlich lang, sodass sie wie ausgestreckte Finger aussehen. Deshalb verteilt sich die Farbe besser und gleichmäßiger.

Phil Gossner konzentriert bei der Arbeit. Um weiterhin den Überblick zu haben, wischt er mit dem Tuch überschüssige Farbe vom Arm.

Phil Gossner konzentriert bei der Arbeit. Um weiterhin den Überblick zu haben, wischt er mit dem Tuch überschüssige Farbe vom Arm.

Nach über zwei Stunden unter der Nadel nimmt die Haut die Farbe nur noch schwer auf – längst bedeckt kalter Schweiß die Hand, der Unterarm ist angeschwollen. Immer schmerzhafter werden die Stiche, die allmählich beginnen, wie Feuer zu brennen. Schließlich ist es vollbracht: Gossner setzt die Nadel ab und packt sie weg. Damit kein Schmutz in die frische Wunde eindringen kann, schmiert er den Arm mit Blutstiller ein, der die Poren auf der Haut verschließt. Das Mittel verursacht ein Brennen auf der Haut – so intensiv, dass man meint, jede einzelne Pore spüren zu können. Aus den Lautsprechern ertönt längst wieder Heavy-Metal-Musik. Was folgt, sind zwei aufreizend gekleidete Frauen, die, begleitet von den Höllenglocken von AC/DC, die Bühne rocken. Eine teuflisch gute Ablenkung, die all die Strapazen vergessen lässt.

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