Mit beiden Beinen im Leben stehen

Mit beiden Beinen im Leben stehen

Der Mikroprozessor erobert die Beinprothese. Was mit unbeweglichem Holz und Metall begonnen hat, ist inzwischen eine Mischung aus Schaltkreisen und Edelstahl. Selbst in der Leichtathletik können Sportler Dank spezieller Carbonfeder-Prothesen Spitzenzeiten erzielen. Mit beiden Beinen durchs Leben zu gehen, erscheint…

Der Mikroprozessor erobert die Beinprothese. Was mit unbeweglichem Holz und Metall begonnen hat, ist inzwischen eine Mischung aus Schaltkreisen und Edelstahl. Selbst in der Leichtathletik können Sportler Dank spezieller Carbonfeder-Prothesen Spitzenzeiten erzielen.

Mit beiden Beinen durchs Leben zu gehen, erscheint den meisten von uns als völlig normal. Wir machen uns selten Gedanken darüber, dass wir zur Arbeit laufen können, dem verpassten Bus hinterher rennen müssen oder uns mit Freunden zum gemeinsamen Sport treffen. Erst dann, wenn es zu spät ist,wenn durch eine Erkrankung oder einen Unfall ein Bein verloren ist. Jetzt kommen Beinprothesen zum Einsatz. Die erste Prothese im Bereich der unteren Extremitäten kam bereits in der Dynastie der Ägypter zum Vorschein. Im 19.Jahrhundert entdeckten Archäologen ein Grab, in dem eine Zehprothese entdeckt wurde. Im Verlauf der Jahrhunderte wurde die Beinprothese immer weiter entwickelt. Meist war der Beinersatz aus Metall und Holz gefertigt, der Tragekomfort war eingeschränkt. Die ersten gefederten Beinprothesen lassen sich auf das 16 Jahrhundert zurückführen. Die ersten Arbeiten an einem Beinersatz mit beweglichem Kniegelenk stammen ebenfalls aus dieser Zeit.

Der nächste große Schritt in der Prothetik kam erst lange später, durch die Entwicklung der Mikroprozessoren. Das C-leg ist eine Unterschenkelprothese, die sich diese Technik zu Nutze macht. Dabei wird ein hydraulischer Kolben verwendet, der von Mikroprozessoren gesteuert wird. Sie erhalten die benötigten Informationen von Dehnmessstreifen im Rohradapter. Diese Technologie wird auch von Raumfahrtinstituten verwendet. Die Sensoren erkennen, in welcher Phase des Gehens sich der Proband befindet. Die verwertenden Signale werden an den Mikroprozessor gesendet, sodass dieser die Ventile des hydraulischen Kolbens steuert. Diese technische Errungenschaft ist allerdings nicht ganz günstig – eine C-leg Prothese kostet um die 20.000 Euro. Diese High-Tech-Prothese erlaubt dem Betroffenen wieder ein dynamisches Laufbild. Treppensteigen ist Dank dieser Prothese möglich, jedoch immer mit einer gewissen Mutprobe verbunden; man tritt nur mit der Ferse auf die Stufe auf. Trotz der „Gefahr“ ein enormes Stück mehr Lebensqualität für Betroffene.

Entscheidender Faktor – der Patient

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Die neue Entwicklung in der Prothetik das C-leg

Dieser Fortschritt erscheint auf den ersten Blick, als hätte man das Problem „fehlendes Bein“ fast vollständig gelöst. Eine Amputation bleibt aber immer ein traumatisches Erlebnis. Patienten müssen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch damit fertig werden, ein Körperteil für immer verloren zu haben. Betroffene fühlen sich, besonders direkt nach einer Amputation, automatisch ausgegrenzt, nicht mehr so schön und eingeschränkt. Deshalb ist in der Rehabilitationsphase eine Betreuung durch geschulte Psychologen ein entscheidender Faktor. Menschen, denen es gelungen ist, die Prothese als Teil ihres Lebens zu akzeptieren, können so auch viel besser mit der Prothese leben und arbeiten. Kosmetische Nachbildungen , beispielsweise mit Tätowierungen, sind Beweis genug. Die Eingliederung einer Prothese in das eigene Leben ist möglich. Jede Beinprothese wird individuell auf die Bedürfnisse der Patienten angepasst. Technische Orthopäden wie Herr Süß, bei Orthopädie Müller in Fürth, arbeiten täglich an der Feineinstellung von Prothesen, um so den Tragekomfort zu steigern: „Patientenorientiertes Arbeiten ist in unserem Beruf unabdingbar. Das C-leg bietet unseren Kunden eine neue Form von Sicherheit und Lebensqualität, aber nur wenn es passgenau auf seine Bedürfnisse zugeschnitten ist.“ Der Schaft bietet nach wie vor eine große Problemzone. Sitz dieser nicht richtig am Stumpfen, fängt er auf der Haut zu scheuern an. Entzündungen sowie das Aufplatzen der Operationsnarbe können folgen. Orthopäden können heutzutage durch spezielle Computerprogramme auch die Dämpfung der Prothese je nach Bedarf ändern. All diese Feineinstellungen fördern die Mobilität des Betroffenen. Die Mobilität lässt sich in vier Kategorien unterteilen: Mobilitätsklasse 1 bedeutet zum Beispiel, dass die betroffene Person sich nur langsam auf ebenen Boden mit der Prothese fortbewegen kann. Demgegenüber der Patient mit Mobilitätsklasse 4, der lange Strecken mit der Prothese zurücklegen und sogar Leistungssport betreiben kann.

Verbesserte Menschen durch Prothetik?

Bei den Olympischen Spielen 2012 trat zum ersten Mal der, an beiden Beinen amputierte, Sportler Oscar Pistorius an. Viele Kollegen zollten ihm für diesen Schritt Respekt, andere wiederum vermuteten, er habe durch die Prothesen sogar einen Vorteil vor den anderen Läufern und betrachteten dieses sportliche Ereignis mit gewissem Argwohn. Herr Süß meint, Prothesen sowie Sportprothesen können nie ein Bein ersetzten: „Das Laufbild ist ein anderes, als bei den anderen Sportlern, die Kraftrückgabe durch die Federung der Prothesen muss der Sportler durch einen viel kürzeren Hebel wett machen.“ Beinprothesen sind dafür konzipiert, dem Menschen wieder Lebensqualität zu schenken, und nicht, um ihn zu verbessern. Der Aufbau einer Sport-Beinprothese mag für Außenstechende auf den ersten Blick befremdlich sein – denn wie ein Bein sehen diese Sportgeräte tatsächlich nicht aus. Das Design funktioniert im Grunde wie eine Feder. Die Carbonsichel wird beim Auftreten zusammen gestaucht und wirkt wie ein Katapult. Der Mensch 2.0 muss also noch auf sich warten lassen. Prothesen werden auch in Zukunft entwickelt, um amputierten Menschen zu helfen, zurück in den Alltag zu finden –und selbst mit der besten Prothese wird es ein langer und beschwerlicher Weg, wieder mit beiden Beinen im Leben zu stehen.

 

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