Nackte Haut und Virtual Reality – das Erotikkino auf Messers Schneide

„Ich habe hier als Filmvorführer angefangen. Das ist gelaufen ohne Ende, da war immer voll. Wir mussten sogar den Saal schließen, weil zu viele Leute kamen“, sagt Konstantin Batsios, Geschäftsführer von Erotex, während er mit dem Finger …

…auf ein altes Schwarz-Weiß-Foto tippt, das ihn neben einem Super-8 Projektor in den Vorführräumen des Nürnberger Unternehmens zeigt. In den 1970ern feierte nicht nur das kommerzielle Kino Erfolge, auch das Erotikkino erlebte einen Boom. Als jedoch in den 80ern das Home-Entertainment mit VHS und in den 90ern mit der DVD zum Schlag ausholte, folgte ein großes Kinosterben. Internet-Streaming-Portale liefern heute schier unendlichen Zugriff auf pornografische Inhalte – oft sogar umsonst. In den meisten Erotikkinos werden mittlerweile nur noch Filme in Kombination mit Live-Darbietungen angeboten, um die Kunden weiterhin bei der Stange zu halten.

Konstantin Batsios in seinen Ausstellungsräumen; Foto: Michael Kohl

Dreidimensionales Erlebnis

Doch ein neuer Gegner bäumt sich bedrohlich vor den Cinema-Betreibern auf: Virtual Reality (virtuelle Realität). Mit sogenannten VR-Brillen hat der Nutzer die Möglichkeit, in ein dreidimensionales Erlebnis einzutauchen. Diese Brillen sind mittlerweile in vielen Elektro- und Multimediafachgeschäften erhältlich und sehen aus wie futuristische Taucherbrillen. Um ein 3D-Erlebnis zu erzeugen, bestehen sie aus einer Display- und einer Optikeinheit. Die Displayeinheit muss nicht zwangsläufig fest im Datenhelm verbaut sein, sondern besteht bei einigen VR-Brillen – wie bei dem von Samsung vertriebenen Gear VR – aus einem Smartphone, das in einen dafür vorgesehenen Schacht eingelegt werden kann. Auf der linken und rechten Seite des Displays wird jeweils ein leicht unterschiedliches Bild dargestellt, um das menschliche Auge zu täuschen und so räumliches Sehen zu simulieren. Da der Abstand zwischen Display und Auge je nach Hersteller nur fünf bis acht Zentimeter beträgt, kann die Akkommodation des Auges – also das Scharfstellen auf ein Objekt – nicht mehr stattfinden.

Hierzu wird die Optik-Einheit benötigt. Sie befindet sich zwischen Display und Auge und besteht aus Linsen, die nicht nur wie eine sehr starke Lesebrille aussehen, sondern auch nach diesem Prinzip funktionieren. Durch die Übermittlung von Positionsdaten des sogenannten Head-Trackers, der die Bewegung des Kopfes mittels Gyroskop im Datenhelm erfasst, kann das abgespielte Video in Echtzeit an den Blickwinkel des Betrachters angepasst werden, wodurch ein 360- Grad-Rundumblick auf allen Achsen erzeugt werden kann.

Erotikfilme in 3D

Primär für das Gaming-Segment entwickelt, hat aber auch die Porno-Industrie diese Technologie für sich entdeckt und setzt so die verbliebenen Erotikkinos zusätzlich unter Druck. In Tokyo fand im Juni 2016 das erste Adult VR Festival statt, das animierte Erotikfilme und Spielzeuge speziell für die Nutzung mit VR-Brillen vorstellte. Hierbei kommen beispielsweise Sexpuppen zum Einsatz, die die vom Nutzer ausgeführten Bewegungen durch Sensoren an den Helm senden, sodass das Video in Echtzeit darauf angepasst wird. So soll ein echtes „Schäferstündchen“ imitiert werden. Auch in Deutschland wollen Händler diese Technik an den Mann bringen. „Das ist mir in der Tat schon angeboten worden, ich habe es aber noch nicht im Sortiment. Wenn nun eine Kundenanfrage kommen würde, würde ich mir schon überlegen, das aufzunehmen“, sagt Konstantin Batsios, dessen Haupteinnahmequelle der hauseigene Sexshop und die Produktion hochwertiger Reizwäsche ist. „Einige Toy-Hersteller bieten ganze Kombinationen an, also mit VR-Brille, Film und dem Spielzeug für den Mann. Früher gab es ja hauptsächlich nur technische Hilfsmittel für die Frau, für den Mann gab es nur die Puppe und die Seemannsbraut. Jetzt kannst du immer hochwertigere Toys für den Mann kriegen, die natürlich dann auch mit solchen Brillen verkauft werden.“

Nicole Heim vor einer der Popcorn-Stationen im Cinecittá Foto: Michael Kohl

In Berlin wird bereits das weltweit erste VR-Kino betrieben, doch im Gegensatz zu Erotikkinos stellt VR für das kommerzielle Kino eine weniger große Gefahr dar. Hier spielen nicht nur die überlegene Technik, wie 4k-Vierfachprojektion und Dolby Atmos Sound, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl und das Rahmenprogramm wie Café- und Restaurantbesuche im Kino eine wichtige Rolle. So sieht es zumindest Nicole Heim, zuständig für Public Relations, Marketing und Events im Cinecittá in Nürnberg, einem der größten Kinokomplexe Europas.

Völlig isoliertes Erleben

„Kino ist schon noch etwas Anderes. Da bewege ich mich raus, da verlasse ich die eigenen vier Wände und da habe ich ein Gemeinschaftserlebnis. Es ist etwas, bei dem um mich herum Leute sitzen und ich Emotionen teile. Man merkt da auch einfach sehr schnell, wie wichtig Sound und die Bildgröße ist. Bei Virtual Reality bist du allein mit dem Bild. Da braucht man dann einen Drehstuhl und alle hangeln im Raum umher und im besten Fall hat man dann den Sound noch direkt am Ohr. Das ist etwas, das völlig isoliert stattfindet“, sagt Heim, die in einem bequemen Sessel der Cappuccino-Bar im Cinecittá sitzt.

Für das Erotikkino fällt das Urteil von Nicole Heim dafür umso verheerender aus: „Da geht man doch heutzutage ins Internet. Selbst mit Virtual-Reality-Brille setze ich mich doch damit nicht mehr in die Öffentlichkeit.“ Auch der Zukunftsausblick von Konstantin Batsios lässt nicht viel Hoffnung für die Erotikkinos über: „Wenn die Live-Darbietungen dazwischen nicht wären, würde es das wahrscheinlich schon jetzt nicht mehr geben.“

Home-Entertainment und Virtual Reality spielen eine immer größere Rolle und bescheren Kinobetreibern weltweit Verluste. Doch durch zusätzliche Angebote und die Beschaffung modernster Kinotechnik, schaffen es kommerzielle Kinos weiterhin, ihre Säle zu füllen. Für das Erotikkino jedoch bricht eine dunkle Ära an und es wird nicht mehr lange dauern, bis sich das letzte Mal nackte Haut auf der großen Leinwand räkelt und der Vorhang für immer fällt.

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