Noch ein weiter Weg zur Barrierefreiheit

Eine lange Treppe und kein Aufzug, aber der Zug fährt in zwei Minuten los. Barrierefreiheit geht anders. Vor dieser Herausforderung stehen täglich hunderte Gehbehinderte im Nürnberger Hauptbahnhof.

Auch Ingrid Pommer musste diese Erfahrung bereits machen. Für sie und andere gestaltet sich die tägliche Bahnfahrt als Spießrutenlauf. Barrierefreiheit hat sich in den letzten Jahren zu einem Schwerpunktthema entwickelt. Auch die Deutsche Bahn setzt dieses Thema weit oben auf die Agenda, doch an der Umsetzung hapert es noch oft. So sollen laut dem Leiter des Regionalbereichs Süd, Günther Pichler, bis zum Jahr 2021 circa 86 Prozent der Reisenden in Bayern bequem und einfach zum Zug kommen. Hierfür haben der Freistaat Bayern und die Deutsche Bahn das Programm „Bayerisches Aktionsprogramm für barrierefreie Stationsinfrastruktur 2021“ (BABSI 21) ins Leben gerufen. Dieses sieht vor, dass im betreffenden Zeitraum zwölf weitere Bahnhöfe umgebaut werden. Damit würde sich die Gesamtzahl auf 115 erhöhen.

Barrierefreiheit bedeutet mehr als nur Aufzüge

Doch es bestehen Zweifel, ob dieses Geld wirklich dort ankommt, wo es gebraucht wird, und ob es sinnvoll eingesetzt wird. Viele Gehbehinderte äußern Kritik an den Plänen der Deutschen Bahn. Für Rollstuhlfahrer bedeutet Barrierefreiheit nicht nur Aufzüge und Rampen, sondern viel mehr. Ingrid Pommer leidet selber unter einer Gehbehinderung und hat schon viele Erfahrungen gesammelt: „Leider ist nicht jeder Bahnsteig mit Aufzügen und Rampen erreichbar.“ Weiter äußert sie Kritik daran, dass viele Gleise noch immer ausschließlich über Rolltreppen an den Hauptbereich angeschlossen sind. Gerade in Bahnhöfen, die nicht als wichtige Verkehrsknotenpunkte gelten, ist dies noch häufig der Fall. „Die großen Bahnhöfe wie Nürnberg oder München verfügen bereits über eine gute Infrastruktur“, meint Pommer. Weiter sagt sie: „Bahnhöfe, die seltener von ICEs angefahren werden, sind in diesem Punkt wesentlich schlechter ausgestattet.“ Für sie und andere Gehbehinderte sollten gerade diese kleineren Bahnhöfe als erstes barrierefrei ausgebaut werden, da an diesen öfter umgestiegen werden muss.

Eine Servicemitarbeiterin der Deutschen Bahn hilft einem Sehbehinderten;  Foto: Mediathek der Deutschen Bahn, Oliver Lang

Bahn investiert 800 Millionen Euro

Im Zuge des „BABSI 21“ investieren Freistaat und Bahn bis 2018 rund 800 Millionen Euro. Mit diesem Geld sollen allerdings nicht nur bereits bestehende Anlagen aufgebessert werden. „Der Plan sieht vor, dass in den Bahnhöfen komplett neu durchdachte Infrastrukturkonzepte zum Einsatz kommen; hierzu zählen nicht nur sichtbare Hilfsmaßnahmen“, äußert ein Mitarbeiter der Kommunikationsabteilung DB. Ein besonderes Augenmerk legt die Initiative dabei auf den Service rund um die Reise. „An den wichtigsten Bahnhöfen bietet die Deutsche Bahn bereits einen Um-, Ein- und Ausstiegsservice an, welcher im vergangenen Jahr von circa 50.000 Fahrgästen genutzt wurde“, lässt ein Bahnsprecher verlauten. Weiter sagt er: „Um den Service gewährleisten zu können, sind diese Stationen mit mobilen Hubgeräten und Elektromobilen ausgestattet. Des Weiteren kümmern sich 235 Servicemitarbeiter um die Unterstützung von körperlich beeinträchtigten Kunden.“ Um den beeinträchtigten Personen deutlicher aufzuzeigen, wo sie welche Services in Anspruch nehmen können, entwickelt die Deutsche Bahn zusätzlich die „DB Barrierefrei App“. Mit dieser können die Nutzer sich Durchsagen im Bahnhof sowie Anzeigen am Gleis auf ihr Smartphone einblenden lassen. Die wichtigste Funktion ist allerdings, dass Bahnmitarbeiter gerufen werden können, wenn sich Probleme ergeben.

Eine Servicemitarbeiterin der Bahn sorgt für einen reibungslosen Ablauf der Serviceleistungen; Foto: Mediathek der Deutschen Bahn, Pablo Castagnola

Mit Zuversicht in die Zukunft

Viele Personen mit körperlicher Beeinträchtigung sind optimistisch gestimmt, dass die Vorhaben der Deutschen Bahn sich positiv auf ihren Alltag auswirken werden. Ingrid Pommer sagt dazu: „Ich bin aktuell sehr zufrieden mit den Servicemitarbeitern der Bahn. Gerade die Hilfsbereitschaft ist hervorzuheben.“ Auch bezüglich der angestrebten Änderungen äußert sie sich zuversichtlich: „Wenn der aktuelle Service noch weiter ausgebaut wird und sich auch die Infrastruktur verbessert, ist Bayern auf einem sehr guten Weg in Richtung Barrierefreiheit.“

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