Platons Schüler

Es ist finstere Nacht. Ein bunter Urwald aus schillernden rosa und grünen Blättern verbirgt nur zum Teil ein junges Paar, das auf der Motorhaube eines knallroten Oldtimers intim wird. Plötzlich unterbricht ein gesichtsloser Gigant ihre Zweisamkeit.

Diese Szene ist auf der Leinwand der jungen Künstlerin Eva Nüßlein eingefangen. „Mir kam die Idee, als ich zu Besuch bei meiner Großmutter war. Sie erzählte mir, wie sie zwei junge Leute beim Sex in der Öffentlichkeit erwischt hatte. Meine Großmutter ist meine größte Inspirationsquelle – ich bewundere sie.“ An ihrem Werk aus Acryl und eingebauten Stoffelementen saß die Studentin der Malerei etwa zehn Stunden. „Ich arbeite meist in ein bis zwei Sessions, weil die Farbe Zeit zum Trocknen braucht, bevor ich anfangen kann, die nächste Lage zu pinseln.“ Mit ihren 26 Jahren wirkt die Künstlerin erstaunlich selbstbewusst und in sich ruhend. „Ich bin nicht ehrgeizig in dem Sinne, dass ich viel Geld mit meinen Werken verdienen möchte“, erklärt sie lächelnd. „Mir geht es hauptsächlich darum, meiner Kreativität freien Lauf lassen zu können und damit spannende Geschichten zu erzählen.“ Die gebürtige Bambergerin ist für ihren Traum nach Nürnberg gezogen und studiert nun Kunstpädagogik an der Akademie der Bildenden Künste.

Künstlerin Eva Nüßlein mit ihrem Werk „Gigantische Beobachtung“ Foto: Tamina Unger.

Kreativer Rückzugsort

Hochgewachsene Birken und Buchen strecken sich auf dem weitläufigen Gelände der Kunstakademie dem Himmel entgegen. Schmale Pfade verbinden die einzelnen Werkstätten, Ateliers und zentralen Einrichtungen miteinander. Durch die gläsernen Fassaden der Gebäude scheint die warme Nachmittagssonne und wirft ihre ersten Schatten auf ein Durcheinander aus Pinseln, Farbtuben, halbbemalten Leinwänden und hölzernen Werkbänken, an denen die jungen Studenten Tag für Tag arbeiten. Die transparente Pavillonarchitektur mitten im Zerzabelshofer Wald wirkt weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick wie eine typische Hochschule.

Gelände der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Foto: Tamina Unger.

1662 von Jacob von Sandrart gegründet, ist die Akademie der Bildenden Künste die älteste Kunstschule im deutschsprachigen Raum. Das Akademiegelände wurde nach der Vorstellung des griechischen Philosophen Platons entwickelt, der einst das Ur-Modell der Akademie erschuf: ein abgelegener Rückzugsort, der die Kreativität fördern soll.

Die knapp 330 Studenten können neben einer eigenen Biblio- und Mediathek, ein vielfältiges Angebot an verschiedenen künstlerischen Klassen belegen. Die 24-jährige Kunststudentin Irina Pilhofer entschied sich vor vier Jahren, wie ihre Kommilitonin Nüßlein, für die Klassen „Kunstlehramt“ und „freie Kunst“. „Was ich hier sehr schätze ist, dass es keinen durchgeplanten Tagesablauf gibt. Wir haben lediglich einige regelmäßig stattfindende Klassentreffen. Aber eben diese Freiheit, die uns gelassen wird, macht uns erst so selbstständig“, argumentiert sie. „Bei den Treffen wird dafür kein Blatt vor den Mund genommen. Man muss lernen Kritik einzustecken und in etwas Positives zu verwandeln.“  

Brotlose Kunst?

Kunstwerk der Ausstellung „Sheela-na-gig“ Foto: Tamina Unger.

Wenn auch die künstlerischen Klassen und die Werkstätten allein den Studierenden vorbehalten sind, halten sowohl Dozenten der Kunsthochschule als auch bekannte Künstler wie Georgie Nettell zahlreiche Gastvorträge für jedermann und geben so ihr Wissen an die Öffentlichkeit weiter. Besucher können die Akademie auch zu Austellungsterminen der Studenten besuchen. Im Frühjahr 2018 eröffneten die zwei angehenden Künstlerinnen, Julia Hainz und Carmen Westermeier, ihre erste eigene Ausstellung namens „Sheela-na-gig“. Benannt nach weiblichen Steinreliefen aus dem irisch-englischen Sprachraum, welche ihre meist übertrieben dargestellte Vulva präsentieren.

„Die Galerie steht unter dem Slogan der Optimierung als ein unkontrollierbares Verlangen“, erklärt Carmen. „Sie greift dieses Streben nach übermäßiger Anpassung an äußere Zwänge auf und betrachtetet es als spezielle Form des Lernens, die demzufolge auch verlernt werden kann.“ Gesellschaftskritisch, kreativ und modern möchte sie mit ihrer Kunst die Menschen bewegen. „Um die Austellungslabore nutzen zu können, müssen die Studenten ein Konzept ihrer Idee einreichen, welches von mehreren Dozenten geprüft wird. Jedes Semester erhält ein Konzept die Bewilligung im Austellungsraum Realität zu werden“, erläutert Petra Meyer, Öffentlichkeitsarbeiterin und persönliche Referentin des Präsidenten der Akademie. „Bis zur Eröffnung haben Julia und ich jeden Tag 8 bis 14 Stunden für knapp sechs Wochen lang investiert“, erzählt Carmen stolz. „Aber das ist für uns nichts Neues – wir arbeiten bereits seit drei Jahren intensiv zusammen.“

Kritiker bezeichnen eine künstlerische Ausbildung als wenig finanziell abgesichert. Sie mögen Recht haben, nicht umsonst existiert die Redewendung „brotlose Kunst“. Aber wie schon Platon zu sagen pflegte: „Ich kenne keinen sicheren Weg zum Erfolg, aber einen sicheren Weg zum Misserfolg: Es allen Recht machen zu wollen.“

 

Website der Kunstakademie Nürnberg.

 

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