Karl Geyer vor einem Screenshot von Precobs

Precobs – eine Software weiß, wo morgen eingebrochen wird

Die Polizei Mittelfranken benutzt spezielle Software um Wohnungseinbrüche vorherzusagen. „Precobs“ heißt das Programm, dass seit letztem September im Einsatz ist. Wie viel Minority Report steckt in der Polizeiarbeit von Morgen?

In einem Bottich liegen drei bleiche, magere Menschen. Sie werden auf Drogen gehalten, um ihre hellseherische Gabe zu fördern – denn sie sollen für die Polizei Washingtons Morde voraussagen. Ihre Vorhersagen werden in Holzkugeln graviert und dann zieht Tom Cruise los, um die zukünftigen Verbrecher zu fangen. Das ist in etwa das Setting von „Minority Report“, einem Film von 2002. Die drei bleichen Menschen heißen im Film „Precogs“. „Precog“ leitet sich von Precognition, also Vorausahnung ab. Anscheinend hat sich das „Institut für musterbasierte Prognosetechnik“, kurz IfmP, das zum Vorbild genommen. IfmP hat eine Software entwickelt, die Wohnungseinbrüche vorhersagen soll. Diese Software hat das IfmP „Precobs“ getauft. Precobs hat aber weder etwas mit den „Precogs“ aus Minority Report, noch mit Cops zu tun. Precobs steht für „Pre-Crime Observation System“.

Der „Near-Repeat-Effekt“

Precobs ist seit September 2014 in Bayern, genauer in München und Mittelfranken, im Einsatz. Es wird dazu genutzt, Wohnungseinbrüche vorherzusagen. Die Grundlage für die Vorhersagen von Precobs sind die in der Polizeidatenbank gespeicherten Wohnungseinbrüche der vergangenen fünf Jahre. Precobs macht sich dabei einen Effekt namens „Near Repeat“ zunutze. „Es ist eine wissenschaftlich gesicherte Tatsache, dass Gebiete, die in den zurückliegenden Jahren häufig von Wohnungseinbrüchen betroffen waren, auch zukünftig einer verstärkten Gefahr von Einbrüchen ausgesetzt sind“, sagt Kriminaldirektor Karl Geyer vom Polizeipräsidium Mittelfranken. „Near Repeat bedeutet, dass in einem kleinräumigen Bereich, im Schnitt 500 Meter im Radius und in einem Zeitfenster von wenigen Tagen, die Wahrscheinlichkeit für Folgedelikte am größten ist. Und darauf setzt Precobs auf.“


Diese kriminologische Theorie ist nicht neu: Bereits in den 1970er Jahren haben Sozialwissenschaftler diesen Effekt beobachten können. Der Near-Repeat-Effekt tritt dabei nur bei professionellen Täterinnen und Tätern auf. Denn diese wägen Kosten und Nutzen gegeneinander ab und bereiten ihre Einbrüche vor. Sie kundschaften ihre Ziele vorher aus, legen sich Verstecke und Fluchtrouten zurecht. Dabei suchen sie sich zumeist mehrere Häuser oder Wohungen aus, in die sie einbrechen wollen. Daraus entsteht der „Near Repeat“ Effekt. Der Algorithmus von Precobs ist auf diese Muster angewiesen. Spontane Taten lassen sich damit nicht vorhersagen, da sie keinem Muster folgen.

Deshalb werden in die Datenbank nur Einbrüche eingepflegt, die auf professionelle Täterinnen und Täter schließen lassen. Ob die Täter professionell vorgehen, macht die Kriminalpolizei am Tathergang fest. Ein eingeschlagenes Fenster spricht eher für eine Gelegenheitstat, ein mit Werkzeug herausgezogenes Schloss für geplantes Vorgehen. Auch anhand der Beute kann die Polizei Rückschlüsse auf die Täter ziehen. Wenn sperrige Gegenstände, wie der Fernseher fehlen, war wahrscheinlich ein Laie am Werk.

Software von IBM überwacht auch Chatrooms

Wie Beispiele aus anderen Ländern zeigen, ist die Software nicht auf Wohnungseinbrüche festgelegt. In Großbritannien und den USA wird vergleichbare Software auch zur Bekämpfung von Gang-Kriminalität eingesetzt. Dafür müssten allerdings mehr und auch personenbezogene Daten verwendet werden. Dies widerspricht jedoch deutschen Datenschutzgesetzen. IBM macht für seine Plattform zur Verbrechensvorhersage damit Werbung, dass persönliche Daten bequem und automatisch eingebunden werden können:

Diese Lösungen benutzen Vorhersagetechnologien, um den Datenberg zu analysieren, den die meisten Bezirke schon sammeln. Haftbefehle, Verhaftungen, Daten von Gangs, Unfallberichte usw. Und IBM SPSS Software geht noch weiter: Sie analysiert auch Daten aus nicht traditionellen Quellen wie Unterhaltungen in Chat-Rooms, Emails, Blogs, Wettervorhersagen, lokalen Veranstaltungskalendern und anderen, sich ständig weiterentwickelnden Datenquellen.

Precobs hat zur Zeit noch ein wesentlich eingeschränkteres Funktiosspektrum. Das liegt auch an deutschen Datenschutzgesetzen, welche es verbieten, personenbezogene Daten in einer Weise zu sammeln und zu verarbeiten, wie es für die Lösung von IBM nötig wäre. Für den Betrieb von Precobs werden lediglich der genaue Tatort, die Tatzeit sowie Beute und Begehungsweise des Einbruchs gespeichert und ausgewertet. Auch der bayerische Datenschutzbeauftragte, Wolfgang Petri, hat grünes Licht gegeben: „Das derzeit verwendete Analysesystem ist in der aktuellen Ausgestaltung datenschutzrechtlich nicht zu beanstanden. Abgesehen von Angaben zum Tatort verwendet das System keine personenbezogenen Daten, um Tatvorhersagen zu treffen.“

Permanente Rasterfahndung

Es gibt auch in Deutschland spezielle Datenbanken, die die Datensätze verschiedener Behörden zusammenführen: die Anti-Terror-Datei und die Rechtsextremismus-Datei. Die Legitimität dieser Dateien ist inzwischen vom Bundesverfassungsgericht bestätigt. Diese Dateien wären eine gute Datengrundlage für die personenbezogene Vorhersage von Straftaten. Das zugrunde liegende Konzept heißt Rasterfahndung und wurde in den 1970er Jahren als Ermittlungsstrategie gegen die Rote Armee Fraktion entwickelt. Dabei wurden bereits vorhandene Datenbanken nach Kriterien durchsucht, von denen man annahm, dass sie auf Terroristen zutreffen würden. Problematisch ist hierbei, dass gegen jede Person ermittelt wird, die in den Datenbanken ist. „Wenn bei Personendaten aus mehreren Quellen geguckt wird: Welche Übereinstimmung gibt es da? Wer hat die gleichen Kontaktpersonen? Was sind sonst von diesem Bankkonto schon einmal für Zahlungen getätigt worden? Das kommt im Prinzip einer permanenten Rasterfahndung gleich“, sagt Matthias Monroy, Wissenschaftsjournalist und Mitarbeiter der Bundestagsabgeordneten Andrej Hunko. Wie sich in anderen Ländern wie den USA oder in Großbritannien gezeigt hat, sind Ermittlungsbehörden bemüht, auch diese Datenquellen legal in ihre Arbeit einfließen lassen zu können. „Ich glaube den Verlautbarungen der Polizei, dass man davon noch ein bisschen entfernt ist, aber die Frage ist: Was ist in zehn Jahren?“, so Monroy weiter.

Potentielle Täter aus der Anonymität reißen

Thomas Schweer vom IfmP sagte in einem Interview, dass eine Prognose nicht falsch sei, weil die Menschen festgenommen würden, bevor sie eine Tat begingen. Was in Minority Report gängig ist, ist nach deutschem Recht allerdings undenkbar: Nach einer juristischen Faustformel muss der Täter oder die Täterin die Schwelle zum „Jetzt-gehts-los“ überschreiten, bevor das Handeln strafbar wird. Es ist also nicht möglich, eine zukünftige Einbrecherin im Baumarkt zu verhaften, wenn sie sich gerade die Leiter kauft, mit der sie über die Mauer der Villa steigen will. Geyer weist darauf hin, dass Precobs gar nicht dazu gedacht ist, Täter vor der noch zu begehenden Tat festzunehmen, sondern zukünftige Tatorte zu erkennen, „um dann potentielle Täter vorher zu kontrollieren und sie aus der Anonymität zu reißen. So können wir potentielle Opfer vor einem Wohnungseinbruch schützen.“

Bei der präventiven Kontrolle in den von Precobs als gefährdet angegebenen Gebieten zeigt sich eine der Schattenseiten der Fahndung nach dem Wahrscheinlichkeitsprinzip. Matthias Monroy befürchtet, dass bei den verstärkten Kontrollen in den angegebenen Gebieten manche Bevölkerungsgruppen stärker kontrolliert werden als andere. Diese Praxis nennt sich auch „Racial Profiling“ und ist in Deutschland eigentlich nicht gestattet. Monroy meint „dass die stereotypen Vorannahmen von Polizistinnen und Polizisten zementiert werden. Das können auch rassistische Stereotype sein. Wenn eine Software sagt, dass ein Einbruch bevorsteht, werden die Leute kontrolliert, die den Beamtinnen und Beamten riskant erscheinen.“

Tatsächlich legt die Nürnberger Polizei einen Schwerpunkt auf Banden aus Südosteuropa. Diese Erkenntnis zieht Karl Geyer aus den bisher aufgeklärten Fällen. Er betont aber auch, dass nicht alle Wohnungseinbrüche auf südosteuropäische Banden zurückzuführen seien. Bei einer Aufklärungsquote von nur 20 bis 25 Prozent gäbe es eine große Dunkelziffer. Bei Wohnungseinbrüchen spielt laut Geyer auch die Beschaffungskriminalität eine große Rolle.

Wirksamkeit noch umstritten

Die tatsächliche Wirksamkeit von Precobs lässt sich noch nicht beurteilen. Auch eine Studie des LKA in Nordrhein-Westfalen kommt zu diesem Schluss: Die Wirksamkeit wird zwar von vielen Unternehmen unterstellt, dies wird aber nicht korrekt belegt. Die Zeiträume, die von den Unternehmen herangezogen werden, sind so gelegt, dass sie ein möglichst positives Licht auf ihre Produkte werfen. Werden längere Zeiträume betrachtet, steigen die Fallzahlen manchmal sogar. Das liegt einfach daran, dass Precobs nun mal keine Wunderwaffe à la Minority Report ist, sondern einfach ein Programm, das eigentlich nicht viel anders macht als das, was ein erfahrener Polizist unter Intuition und Erfahrung versteht. Nur eben auf wissenschaftlicher Basis.

(Foto und Film: Marco Lehner)

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