Alarm geht an alle Retter

Direkt am Autobahnkreuz Nürnberg-Hafen liegt die Integrierte Leitstelle (ILS) Nürnberg – ein moderner Bau in Rot und Grau. Plötzlich ertönt eine laute Sirene und zerstört die Ruhe.

1285 Notrufe gehen am Tag bei der ILS ein. Die Disponenten nehmen sie entgegen, bearbeiten sie und geben die relevanten Informationen an die Sanitäter weiter. Sekunden später geht es dann schon los Richtung Einsatzort. Doch wie klappt das alles immer so reibungslos, wie es muss? Hinter der Technik stehen Mitarbeiter wie Gerhard Vater, während sich Thomas Löhr für die Organisation eines erfolgreichen Rettungseinsatzes sorgt.

Herr Vater, Herr Löhr, welche Besonderheiten möchten Sie bei der ILS Nürnberg hervorheben?

Löhr: Die Nürnberger Leitstelle ist die drittgrößte Deutschlands. Als „integrierte“ Leitstelle zusammen mit Feuerwehr und Rettungsdienst werden bei einem Notfall alle benötigten Rettungsdienste direkt mitalarmiert.

Vater: Technisch besonders hervorzuheben ist bei uns, dass wir in das Verkehrsleitsystem eingreifen können. Das garantiert eine grüne-Ampel-Welle auf bestimmten Routen für die Einsatzfahrzeuge. Speziell ist auch das autarke Kupferleitungssystem der Telefone, das sogar Geld einbringt, indem wir es an die Telekom vermieten.

Erst einmal zum Anruf: Seit einiger Zeit ist die 19222 kostenpflichtig. Gibt es noch andere Gründe, weshalb man besser die 112 wählt?

Vater: Zum einen ist es so, dass die 112 bei Netzüberlastung bevorteilt ist. Zum Beispiel an Silvester oder während Rock im Park erreichen uns die Notrufe unter Garantie.

Löhr: Die 112 hat bei uns auch mehr Anschlüsse pro Gebietskörperschaft, also können mehr Anrufer gleichzeitig einen Notruf absetzen. Für Gehörlose besteht die Möglichkeit, ein Fax an die 112 zu senden. Wichtig zu wissen ist auch noch: Gespräche werden von Beginn an aufgezeichnet, auch wenn sie von der ILS noch nicht angenommen wurden. Nach einem Jahr werden die Aufzeichnungen vernichtet.

Stets erreichbar: Anrufe an die 112 gehen über die roten Anschlüsse, an die 19222 über die blauen Anschlüsse ein.
Foto: nuernberg.de

Für den modernen Menschen ist telefonieren ja ein „No-Go“. Wie wird der Notruf sich diesen Gewohnheiten anpassen?

Vater: Ab März 2018 wird der eCall europaweit eingeführt: Autos geben dann bei Aktivierung des Airbags automatisch den Notruf ab.

Die Informationen des Anrufers sind in der Leitstelle eingegangen, aber wie werden sie nun an die Sanitäter weitervermittelt?

Löhr: Das Navigationsgerät ist an das System der Leitstelle gekoppelt und in jedem Einsatzwagen vorhanden. Zusätzlich bekommen die Sanitäter Alarmausdruck, -fax und -SMS mit allen Informationen, wie GPS-Position inklusive Stockwerk oder Station.

Sind diese Informationen weitergegeben, kann der Einsatz für die Sanitäter losgehen. „Am Anfang, also auf der Anfahrt habe ich eine kleine Grundanspannung und bin etwas aufgeregt“, sagt Marcel Schraner, ehrenamtlicher Sanitäter in Fürth und Langenzenn. „Die anderen Autofahrer reagieren dabei immer sehr unberechenbar: Spur wechseln, Platz machen oder einfach bremsen und stehen bleiben. Viele wissen nicht, dass es in dieser Situation erlaubt ist, langsam über eine rote Ampel zu fahren“. Die Fahrt ist also ein zusätzlicher Stressfaktor für die Lebensretter.

Die ILS möchte stets wissen, wo sich die einzelnen Einsatzwagen aufhalten. Wie geht hier der Statusaustausch vonstatten?

Löhr: In Bayern ist es Standard, dass das GPS im Einsatzwagen permanent aktiv ist und Richtungsänderungen direkt an die Leitstelle übersendet werden. Während des Einsatzes werden von den Rettern zusätzlich verschiedene Statusknöpfe im Rettungsfahrzeug gedrückt, wie „Am Einsatzort eingetroffen“ oder „Einsatz beendet“ und dem Disponenten mitgeteilt.

Was muss man denn mitbringen, um Disponent zu werden?

Löhr: Disponenten sind vorher selbst im Einsatz gewesen und werden dann weiter geschult. Die meisten Entscheidungen beruhen auf Erfahrung mit Unterstützung unseres Systems.

Vater: Dabei sind die Rechner – erstens – in einem separaten Raum untergebracht und – zweitens – strickt vom Internet getrennt. Hacker haben so keine Chance.

Stichwort Sicherheit: Was passiert, wenn nun in der Rettungsleitstelle ein Notfall eintritt?

Löhr: Hier läuft alles doppelt. Selbst, wenn das Gebäude in die Luft fliegt, dann gehen wir in ein anderes – und da ist dann auch alles doppelt. Bei Stromversorgung und Telefonanlage haben wir sogar drei Ebenen der Notfallabsicherung: Regel-, Rückfall- und Notebene.


Stadtkarte, Einsatzübersicht und Fahrzeugstatus (v.l.n.r.)
Foto: nuernberg.de

Die ILS ist also gegen jede Eventualität gewappnet. Hat die Kommunikation wie geplant funktioniert und die Rettungskräfte sind am Einsatzort angekommen, nehmen die Sanitäter zuerst die medizinische Versorgung vor und ziehen gegebenenfalls die Polizei hinzu. Reimund Mehler, Polizeihauptkommissar in Fürth, erzählt: „Wenn wir ankommen, klären wir auch zuallererst die Situation zwischen den Einsatzleitern.“

Die Kommunikation funktioniere hierbei meistens sehr gut. „Aber das ist natürlich auch immer von den agierenden Personen abhängig“, fügt Mehler hinzu. Die Polizei sei dann vor allem für fehlende Maßnahmen, wie Verkehrsregelung, Evakuierungen oder Befragungen zuständig.

Währenddessen geht es für die Sanitäter weiter Richtung Krankenhaus. „Auf der Fahrt habe ich Zeit, mir Gedanken über das Schicksal der Patienten zu machen. Da werde ich manchmal schon traurig und habe Mitleid“,  sagt Marcel Schraner. Trotzdem macht ihm das ehrenamtliche Engagement als Sanitäter viel Freude. Reimund Mehler betont: „Ein Ersthelfer hat selbst bei falschen Maßnahmen keine rechtlichen Konsequenzen zu erwarten. Allein nicht zu helfen ist strafbar.“

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